In der NFL wird zusehends jedes Play von ausufernden Kapriolen begleitet. Credit: Imago Images / Icon Sportswire / Larry Radloff

Sport ist Emotion, da macht die NFL natürlich keine Ausnahme. Vielleicht ist das Spiel auf dem Gridiron sogar aufgrund seiner Natur noch viel aufgeladener, als es andere Spiele auf diesem Erdball sind. Eine Erklärung für die ausufernde Egomanie in der Liga kann dies aber nicht wirklich liefern!

Es ist im Jahr 2024 schon ziemlich komfortabel, NFL-Fan in Deutschland zu sein. Denn die Versorgung mit „Content“, wie wir es neudeutsch gerne nennen, kennt eigentlich keinerlei Grenzen. Von den Live-Spielen oder On-Demand-Technologie einmal ganz abgesehen fluten schon während der Spiele unzählige Highlights das Internet, es vergehen oftmals kaum mehr Minuten, bis eine „virale“ Szene nicht für jeden digital noch so weit hinter dem Mond Lebendenden verfügbar ist. Was dabei natürlich nicht ausbleibt ist die Auseinandersetzung mit den nicht so schönen Begebenheiten des NFL-Alltags.

Damit ist nicht der zeitweise qualitativ fragwürdige Football gemeint, dem man sich durchaus schnell und eigenmächtig mithilfe einer Fernbedienung entziehen kann, sondern zum Beispiel die ausufernde Egomanie in der NFL, die sich in Form einer grassierenden Welle nun schon seit einigen Spielzeiten durch die Liga frisst. Eine quasi flächendeckende „Look-at-me-Attitüde“, die inmitten des ultimativen Teamsports weit über eine zu tolerierende Form der Selbstinszenierung hinausgeht und zur geistlosen Persiflage eines eigentlich so wunderschönen Sports wird.

„Look at me“-Kultur grassiert in der NFL

Für ein Beispiel braucht man einfach nur eine der etlichen Highlight-Reviews herauszusuchen, mit denen die NFL ihre Anhänger nach jeder einzelnen Partie auf verschiedenen Kanälen versorgt. Diese 10-Minuten-Clips sind neben den wichtigen Touchdowns und Turnovern geradezu überwuchert mit Spielern, die mit der altbekannten First-Down-Geste irgendwo im Mittelfeld versuchen, ein klein wenig Kamerazeit zu erhaschen. Finger-Waving-Defensive-Backs, Sack-Tänze, minutiös geplante Handshakes, Taunting, Flexing… alles ist dabei, was eigentlich nichts mit dem Spiel zu tun hat. Es vergeht kaum noch ein Spielzug, ohne dass ein Spieler quasi völlig entsichert irgendwelche auf ihn fokussierten Kapriolen veranstaltet.

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Schon klar, schon klar – das Ganze mag für viele wie „old man yelling at cloud“ klingen, ein Spießer-Take aus längst vergangener Zeit und ein bis oben hin voller Eimer Wasser auf die Mühlen der „No-Fun-League“-Advokaten. Die Diskussion bezüglich ausufernder Celebrations ist dabei tatsächlich schon mehrere Jahrzehnte alt, eine Art innerinstitutioneller Kulturkampf zwischen Aktiven und Verantwortlichen, der munter zwischen zwei Polen hin und her pendelt. Die offizielle Position der Liga und ihr Handling des Ganzen mit dem Mittel von Regelveränderungen ist dabei das eine, die Position der Teams, der Mitspieler und der Spieler als solcher die andere. Letztere mündet meistens in einer gleichgültigen „Laissez Faire“-Einstellung trotz der imminenten Gefahr, durch den Eigensinn eines Einzelnen als ganzes Team Schaden zu nehmen.

NFL-Profis lassen ihre Kollegen gewähren

Übertrieben? Wie denken wohl Mitspieler über einen völlig sinnbefreiten Taunting-Penalty, der in einem wichtigen Spiel 15 Yards kostet. Zay Flowers anyone? Die Ravens haben eine Menge Zeit in der Offseason über diesen Fall nachzudenken, was aber wohl eher nicht passieren wird. Eigenverantwortlichkeit, das Eingestehen von Fehlern, die Selbstreflektion – eher seltene Erscheinungen in einer Liga, in der manchmal nur noch zu zählen scheint, wie viele Klicks oder Highlights man als einzelner produziert. Passiert ein Unglück wie in Flowers‘ Fall sind immer alle schnell dabei mit der Frage „Wie dumm kann man sein?“. Um diese aber wirklich stellen zu können, hätte man eben schon viel früher intervenieren müssen.

Was denken Teamkollegen, wenn Mitspieler mit First-Down-Gesten vor sich hin posen, obwohl das eigene Team bereits mit 30 Punkten zurückliegt? Oder der First Down noch nicht einmal erreicht ist? Was ist mit dem Cornerback, der 100 plus Yards und zwei Touchdowns abgibt, sich bei einem zufälligerweise überworfenen Ball aber aufpumpt, als hätte er Muhammad Ali und Joe Frazier gleichzeitig auf die Bretter geschickt. Was denken die Spieler selbst darüber, wenn sie sich solche Szenen hinterher noch einmal anschauen? Was wird darüber im Video-Raum gesagt? Vermutlich nicht mehr so viel wie noch vor 10 oder 15 Jahren, denn der Respekt vor dem Spiel, vor den Mitspielern und vor allem auch den Gegnern erodiert zusehends. Dass damit auch der Respekt vor einem Selbst verloren geht vergessen manche Spieler unglücklicherweise.

Emotionalität gehört zur NFL dazu

Emotionalität ist dabei natürlich fester Bestandteil von American Football, wie auch von jeder anderen Sportart. In „the heat of battle“ sind irrationale Reaktionen vollkommen normal, menschlich und damit mehr als nur verständlich. In gewisser Weise sind sie die logische Schlussfolgerung aus einer brutalen Motivation heraus, die eben manchmal nicht an den Grenzen zwischen Emotionalität und Raserei oder eben auch Dampf ablassen und Durchdrehen Halt macht. Dieser Umstand würde aber eine anschließende Auseinandersetzung mit der Materie nicht ausschließen, schon gar nicht aus dem eigenen Team heraus. Damit könnte vielleicht auch eine Definition von Klasse und Stil einhergehen, die ein wenig gewichtiger ist, als dass sie in einen kurzen Tweet passen würde.

Ohne zu sehr ins Soziologische abzudriften ist die NFL und ihre derzeitige Kultur natürlich ein Abbild der heutigen Gesellschaft, in der sie fungiert. In jener ist die ultimative Selbstverwirklichung zusehends das einzige Gut, was ganz viele aber eben eher als Selbstdarstellung verstehen und damit eine Welle unterfüttern, die kaum mehr aufzuhalten ist und in gefährliche Regionen der Entfremdung spült. Dabei lieben viele American Football doch gerade deshalb, weil es die Antithese zu jener Ich-Attitüde sein soll. Als ultimativer Teamsport, wo kein Mannschaftsteil ohne den anderen funktionieren kann, wo unterschiedlichste Charaktere und Persönlichkeiten als Einheit fungieren und hehren Zielen nachjagen. Jeder weiß doch um die besondere Bruderschaft NFL, um diese besondere Beziehung der Aktiven untereinander wie auch zu ihrem Sport.

Wie man diese durch geistlose Inszenierungen mit Füßen treten kann erschließt sich dabei in keiner Weise. Wobei ganz eventuell die enorme Sichtbarkeit des Spiels und damit seiner Protagonisten ein klein wenig damit zu tun hat.

Über den/die Autor/in
Moritz Wollert
Moritz Wollert
Moritz Wollert schreibt für TOUCHDOWN24 u.a. über die NFL. Für das monatliche Print-Magazin schreibt er u.a. die NFL History Artikel

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