Justin Herbert muss 2023 mehr ins Risiko gehen, wenn er endgültig in die Riege der Top-QBs aufsteigen will.
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Es gibt keinen Zweifel daran, dass Justin Herbert einer der besten Quarterbacks in der NFL ist, seine Production in seinen ersten drei Ligajahren kann sich mit den besten aller Zeiten messen. Trotz eines inkonstanten Laufspiels und einer großteils wackeligen Offensive Line hat sich der 25-Jährige im Elite-Tier der Signalcaller etabliert. Bisweilen agiert Herbert aber noch zu passiv und vermeidet Risiken im Passspiel. Um 2023 endlich den Schritt in die absolute Top-Riege rund um Patrick Mahomes zu machen, muss Herbert endlich aggressiver spielen. Dabei soll ihm der neue Offensive Coordinator Kellen Moore helfen, der von den Dallas Cowboys kam.


Wenn wir heute einen Quarterback für die NFL im Labor heranzüchten würden, er käme rein physisch dem relativ nahe, wie Justin Herbert gebaut ist. Der Signalcaller für die Los Angeles Chargers ist 1,98 Meter groß und hat einen absoluten Kanonenarm. Hinzu kommen seine überdurchschnittlich gute Mobilität auf dem Feld und sein hoher Football-IQ. Letzterer zeigt sich unter anderem daran, dass es Herbert trotz eines inkonstanten Laufspiels und einer wackeligen Offensive Line (Rang 23 in PFFs Pass-Blocking-Grade seit 2020) sowie teils fragwürdigem Coaching (um es nett auszudrücken) geschafft hat, dieses Chargers-Team bis in die Playoffs zu tragen.

Herbert vermeidet Turnover wie kein Zweiter


Trotz seiner herausragenden physischen Tools glänzt Herbert aber vor allem darin, Turnover und negative Plays zu vermeiden. Tatsächlich ist kein Quarterback besser in diesen Kategorien, seit Pro Football Focus (PFF) im Jahr 2006 mit den entsprechenden Grading-Systemen startete. Herberts beeindruckende „Turnover-worthy-play“-Rate (TWP-Rate) von 1,8 Prozent schlägt selbst die von Tom Brady (2,0 Prozent), Aaron Rodgers (2,3 Prozent) und Joe Burrow (2,3 Prozent).

Es gibt keinen spezifischen Weg für Defenses, Herbert zu Turnovern zu zwingen. Manche Quarterbacks sind anfällig gegen den Blitz, andere haben Probleme, wenn gleich acht Verteidiger in Coverage droppen. Doch unter allen qualifizierten Signalcallern seit 2006 (mindestens 1.000 Dropbacks) hat Herbert die niedrigste TWP-Rate gegen den Blitz und die zweitniedrigste gegen einen Standard-Pass-Rush mit vier Rushern. Er spielt sicher aus sauberen Pockets sowie unter Pressure und hat aus statistischer Sicht auch keine auffälligen Probleme mit Single-High, Two-High oder anderen Coverage-Arten.

Spielt Herbert „zu sicher“?


Turnover zu vermeiden ist einer der wichtigsten Skills, die ein Quarterback haben kann. Die Frage ist nur: Geht Herbert zu sicher mit dem Ball um? Denn seit 2006 liegt Herbert unter 91 qualifizierten Quarterbacks nur auf Rang 59 bei der „Big-Time-Throw“-Rate (BTT-Rate). Seine Rate von 3,9 Prozent liegt im Bereich von Backups wie Trevor Siemian, Mike Glennon oder Taylor Heinicke. Zum Vergleich: Brady (5,1 Prozent), Rodgers (6,2 Prozent) und Burrow (4,9 Prozent) liegen hier meilenweit vor dem Chargers-Quarterback.

Die Tatsache, dass ein Quarterback mit den Tools von Herbert eine niedrigere BTT-Rate als Alex Smith (4,0 Porzent), der der Inbegriff eines modernen Game-Managers ist, hat, ist schockierend. Tatsächlich ist Herbert der einzige Spieler in den Top 20 der All-Time-Passgrades von PFF mit einer niedrigeren BTT-Rate als 4,0 Prozent. Die meisten Quarterbacks um Herbert herum haben allerdings mit voller Absicht einen sicheren Spielstil, da sie schlichtweg nicht in der Lage sind, bestimmte Würfe anzubringen.

Das gilt für Herbert nicht. Wir haben in seinen drei Jahren in der Liga bereits gesehen, dass der 25-Jährige in der Lage ist, jeden Quadratzentimeter des Rasens zu bespielen. Er kann tief gehen, er kann Bomben in enge Passfenster werfen und er ist selbst in der Lage, außerhalb der Pocket Offense zu kreieren. Wer daran Zweifel hat, soll sich einfach nochmal die Highlights von Herberts unglaublichem Week-18-Spiel gegen die Raiders im Jahr 2021 anschauen, als er sein Team beinahe im Alleingang in die Playoffs hievte.

Schematische Probleme in der Offense


Wie kann es also sein, dass ein Gunslinger wie Herbert im Vorjahr die Liga in Checkdown-Pässen anführte und den Ball im Schnitt weniger tief warf als beispielsweise ein Zach Wilson oder ein Jimmy Garoppolo? Dass er prozentual weniger Pässe über die Line of Scrimmage warf als Baker Mayfield? Eine schwierige Frage mit keiner klaren Antwort. Vielerorts werden die Probleme der Chargers in der O-Line als Grund herangezogen, doch davon wissen die Chargers bereits seit 2021 und im Vorjahr belegten sie selbst ohne den verletzten Star-Tackle Rashawn Slater einen respektablen 17. Platz in Sachen Pass-Protection.

Bleibt also nur die Philosophie der Offense. Die Chargers-Offense kreierte im Vorjahr die achtmeisten explosiven Plays im Passspiel, waren dabei aber unglaublich ineffektiv – gerade, wenn es darum ging, tiefe Shots auf die Receiver zu nehmen. Bei Würfen, die mehr als 20 Yards in der Luft waren, hatten die Chargers 0,246 EPA/Play (Rang 20), 10,9 Yards pro Attempt (Rang 19) und nur 36,1 Prozent aller Plays generierten positive EPA (Rang 25). Es gibt schlichtweg keinen vernünftigen Grund, warum eine Offense mit einem derart talentierten Quarterback wie Herbert so ineffektiv ist.

Der frühere Offensive Coordinator Joe Lombardi verdient eine Menge Respekt dafür, wie sich Herbert unter ihm entwickelt hat. Aber Herberts Zahlen in seinen drei NFL-Jahren erinnern stark an die von Drew Brees in seine letzten Jahren in New Orleans, als Lombardi dessen Trainer war. Das kann nicht das Ziel der Chargers sein und deswegen musste Lombardi in der Offseason auch seinen Hut nehmen.

Ändert sich die Situation mit Moore?


Denn Herberts Armstärke sollte alleine Grund genug für Defenses sein, explosive Plays zu fürchten. Der Chargers-Offense ein vertikales Element zu verpassen, wird daher auf der Prioritätenliste des neuen Offensive Coordinators Kellen Moore ganz oben stehen. Moores letzte Offense in Dallas beendete die Vorsaison als viertbestes Team in Sachen EPA/Play bei tiefen Pässen – trotz der Verletzungsprobleme von Quarterback Dak Prescott, in dessen Abwesenheit Cooper Rush den Game Manager gab.

Die Verpflichtung von Moore, die Rückkehr von Slater und die Einbindung von Rookie-Receiver Quentin Johnston – eine echte Deep Threat – in die Offense gibt Hoffnung, dass uns die Chargers-Offense 2023 ein ganz anderes Gesicht zeigt. Herbert ist bereits elitär im Vermeiden von Turnovern. Kann er das aufrechterhalten und gleichzeitig noch mehr auf seine explosiven Tools vertrauen, wird er in der kommenden Spielzeit endgültig in die Riege der absoluten Top-Quarterbacks vorstoßen.


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