Anmelden



- Werbung -

Wie ein Rebuild bei den Seattle Seahawks funktionieren kann

In welche Richtung geht es nun bei den Seattle Seahawks? Pete Carroll möchte jedenfalls keinen echten Rebuild. In welche Richtung geht es nun bei den Seattle Seahawks? Pete Carroll möchte jedenfalls keinen echten Rebuild. Imago Images / ZUMA Wire / Sean Brown
Mit dem Trade von Russell Wilson zu den Denver Broncos initiierten die Seattle Seahawks einen der spektakulärsten NFL-Wechsel der letzten Jahre. Der Mega-Deal beendet zusammen mit dem Abgang von Linebacker-Legende Bobby Wagner eine fulminante Ära im Nordwesten der USA, wo man sich über mehr als ein Jahrzehnt an das Mitspielen um Meisterschaften gewöhnt hatte. Um derartige Ansprüche schon bald wieder Wirklichkeit werden zu lassen, wehren sich Pete Carroll und die Hawks-Verantwortlichen vehement gegen das Wort "Rebuild". Dabei dürfte nichts anderes nötig sein, um in die feine Gesellschaft der NFL-Elite zurückzukehren!



Würde Pete Carroll diese Zeilen lesen – was er natürlich ganz sicher nicht tut – dann würde er sich wohl ob der Überschrift dieses Artikels hinsetzen und einen bitterbösen Brief aufsetzen, was wir uns denn hier für einen Quatsch gedacht haben. Das Wort "Rebuild" kommt in seinem Wortschatz, in seiner Philosophie, ja wohl in seiner gesamten Football-Weltanschauung nicht vor. Gründe gibt es dafür mehrere, denn der notorisch positive Carroll sieht eine Gefahr darin, von vorneherein einem Team ein vermeintliches Alibi für Niederlagen zu geben und empfindet es als essentiell, dass man als Mannschaft hohe Ziele hat. Gleichzeitig ist er es natürlich nach gut 20 Jahren bei den damals noch dominanten College-Riesen der USC Trojans sowie der besten Ära der Seahawks-Franchise-Geschichte gar nicht mehr gewohnt, dass es auch mal nicht besonders gut laufen könnte für eine Mannschaft. Allerdings ist es wohl jetzt ein Gedanke, mit dem sich der 70-Jährige zumindest mittelfristig anfreunden muss.

Eine Ära bei den Seattle Seahawks geht zu Ende

Denn eben beschriebene Erfolgsgeschichte hat in Seattle vorerst ihr letztes Kapitel geschrieben. Mit Russell Wilson und Bobby Wagner verlassen die letzten zwei Gesichter der großen Jahre die Emerald City und läuten an der Schwelle des Ausgangs damit eine neue Ära ein. Es waren schmerzhafte Abgänge von monumentaler Bedeutung auf und neben dem Feld, letztendlich waren es allerdings auch Schritte, welche von der harten Realität diktiert wurden. Die „Legion of Boom“ ist schon lange nicht mehr, das Tischtuch zwischen Russell Wilson, Pete Carroll und den Seahawks zeigte bereits deutliche Risse und die Mannschaftsleistungen auf dem Feld entfernten sich quasi wöchentlich von jenen, die einst eine Vince Lombardi Trophy nach Seattle brachten und fast eine zweite ermöglicht hätten. Selbst mit einem gesunden Russell Wilson schienen die Seahawks nicht mit ihrer Identität im Reinen, katastrophale Personalentscheidungen wie der Trade für Jamal Adams verschärften jene Schwierigkeiten nur noch und ließen Seattle ein gutes, aber lange schon kein großes Team mehr sein.

Nun soll es wieder in diese Richtung gehen und die Töne aus dem Nordwesten machen deutlich, dass es nicht lange dauern soll. "Ich habe mit Pete gesprochen und das Team wird ein bisschen anders aufgebaut werden", sagt zum Beispiel Free Safety Quandre Diggs, der seinen Vertrag bei den Seahawks in der Offseason verlängerte. "Wir wollen die Sache schnell wieder ins Laufen bringen." Andere Stimmen bestätigen nicht nur, dass man das Wort Rebuild im Seattle dieser Tage nicht in den Mund nehmen soll, sondern auch, dass Carroll eine andere Version für die Mannschaft hat als in den vergangenen Jahren. Man war mit dem Zeitgeist der NFL gegangen und hatte ein hochexplosives Passspiel um Russell Wilson aufgebaut, wobei gewisse Kernelemente einstiger dominanter Seahawks-Teams auf der Strecke blieben. Das Laufspiel verlor an Bedeutung, die Defense bekam immer größere Löcher und auf beiden Seiten des Balls wurde das Line Play zum Dauerthema. Ganz besonders die vertikale Spielidee machte Pete Carroll Sorgen.

Die Seattle Seahawks wollen ihre alte Identität zurück

Nach dem fulminanten Super Bowl Sieg aus der NFL Saison 2013 über die Denver Broncos kommentierte Carroll die Leistung Russell Wilsons einst wie folgt: "Wie oft hat er den Ball geworfen? 25 Mal? Perfekt, das ist perfekt. Wir wollen gar nicht, dass er für 400 Yards in einem Spiel wirft. So etwas brauchen wir nicht." In den letzten Jahren aber eben doch, anders hätte sich ein in der Breite längst ausgedünnter und fehlerhaft zusammengesetzter Seahawks-Kader gar nicht mehr im oberen Mittelfeld der NFL halten können. Jetzt will man mit Altbewährtem zum Erfolg zurück, mit einem stärkeren Laufspiel, einer weitaus stärkeren Defense unter der Aufsicht vom neuen Coordinator Clint Hurtt sowie einem Fokus auf physischem Football auf beiden Seiten des Balles. In der Verteidigung hat eine Transformation in den letzten Jahren bereits begonnen, wobei das lange favorisierte 4-3-System durch immer mehr 3-4-Prinzipen ergänzt wurde und die Implementierung von häufigen Bear-Fronts die Defense gegen Perimeter-orientierte Angriffsreihen konkurrenzfähiger machen sollten. Hurtt wird diesen Prozess mithilfe von Ex-Chicago-Bears-Coordinator Sean Desai ankurbeln und immer mehr auf Hybrid-Spieler wie Edge Rusher Darrell Taylor oder auch Neuverpflichtung Uchenna Nwosu setzen.



So wirklich breite Traktion hat die Neuerfindung bei den Seahawks allerdings noch nicht gefunden. Die eher weniger prominenten Verstärkungen in der Offseason haben Fans oder Experten nicht wirklich vom Hocker gehauen, in keinster Weise konnte der enorme Qualitätsverlust durch die namhaften Abgänge aufgefangen werden. Auf etlichen Baustellen, ob Cornerback-Position, der fast gesamten Offensive Line oder der Defensive Line, braucht der Kader immer noch eine Generalüberholung. Egal, wo man im Depth Chart hinschaut, gibt es etliche Fragezeichen. Das muss aber – wenn man denn entgegen einiger Stimmen aus Seattle einen echten Rebuild ins Auge fassen möchte – überhaupt nichts bedeuten und passt zur Gesamtlage der Franchise. Denn in Sachen zukünftigem Kapital sieht es für die Seahawks rosig aus.

Zukunft der Seattle Seahawks sieht auf dem Papier rosig aus

Im NFL Draft 2022 haben sie acht Picks zur Verfügung, davon drei unter den ersten 50. Nicht überragend, aber okay (danke an den Trade für Jamal Adams). 2023 sind es aber schon zehn Picks, fünf davon in den ersten drei Runden. Damit kann man dann schon arbeiten und mit ein wenig Gespür einen Neuaufbau eines Teams im Eiltempo vorantreiben. Parallel zu den Picks haben die Seahawks außerdem Stand heute die zweitgeringste Payroll für das Jahr 2023, es kann also auch in der Free Agency fleißig nachgebessert werden. Wem das noch nicht reicht, der könnte sogar über einen Trade von Wide Receiver D.K. Metcalf fantasieren, mit dem man sich wohl weitere hohe Picks angeln und die satte Extension mit dem zeitweise unfokussierten Passempfänger sparen könnte.

Hier wird es dann aber auch interessant, denn ein Metcalf-Trade befindet sich im Spektrum zwischen Reload und Rebuild genau in der Mitte. Hilft man einem neuem Quarterback und hält Metcalf? Oder ist man besser beraten, das Maximum seines Marktwertes in Zukunftskapital zu verwandeln? Apropos Quarterback, hier entscheidet sich wenig überraschend am Ende alles. So Passgeber-freundlich man das neue System auch gestalten wird, so sehr braucht man am Ende vom Tag doch einen Winner hinter dem Center. Drew Lock, der im Paket für Wilson aus Denver kam, wird das wohl nicht sein, um ohnehin schon fragwürdige Prospects im kommenden Draft wie Malik Willis oder Kenny Pickett wird die Konkurrenz groß werden. Russell Wilson war diese Art Spieler, jetzt ist er aus verschiedensten Gründen nicht mehr da. Pete Carroll ist es noch und man darf gespannt sein, wie er die Geschicke ohne den Luxus eines Superstar-Quarterbacks lenken wird.

Ein Anfang wäre auf jeden Fall, den Neuaufbau als das anzugehen, was es letztendlich ist – ein kompletter Rebuild. Da, wir haben schon wieder gesagt. Sorry, Pete!
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

Nach Oben