Mitchell Schwartz (v.) und Eric Fisher (h.) beschützen Patrick Mahomes ab sofort nicht mehr. Mitchell Schwartz (v.) und Eric Fisher (h.) beschützen Patrick Mahomes ab sofort nicht mehr. IMAGO / ZUMA Wire

Wie das „Cap-Massaker“ Teams zu Kreativität zwingt

geschrieben/veröffentlicht von/durch  13.03.2021
Nach wochenlangem Hin und Her hat die NFL unter der Woche endlich den lang erwarteten Salary Cap für 2021 bekannt gegeben. Er beläuft sich auf 182,5 Millionen Dollar und damit auf knapp 16 Millionen weniger als im Vorjahr. Es ist ein weiterer harter finanzieller Schlag, den die NFL aufgrund der Corona-Pandemie einstecken muss. Noch schlimmer ist die Lage aber für viele Teams, die bis zum Start der Free Agency und dem offiziellen Beginn des neuen Ligajahres sehen müssen, wie sie ihren Cap geregelt bekommen. Erste Opfer des „Cap-Massakers“ haben wir bereits gesehen, weitere werden folgen.


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Um eines gleich vorweg zu sagen: Es ist nicht so, dass Teams auf einmal überrascht waren, dass der Cap sinkt. Dass er sich irgendwo im Bereich zwischen 175 und 185 Millionen Dollar bewegen würde, war bereits seit Monaten jedem General Manager klar. Dennoch: Fast alle Moves in der NFL sind auf Jahre hinweg ausgelegt, zukunftsorientiertes Denken gehört zur Hauptaufgabe jeder Franchise.

Salary Cap 2021: Erste Dominosteine sind gefallen

 

Ein Jahr, nachdem Teams ihre Vertragsverlängerungen unter der Voraussetzung abgeschlossen haben, dass der Cap 2021 ungefähr 210 Millionen Dollar betragen würde, müssen sie jetzt herausfinden, wie sie alle Spieler mit 28 Millionen weniger bezahlen sollen. „Es ist eine dieser Sachen, wo du dir wünschst, du hättest es früher gewusst“, sagte Bills-GM Brandon Beane vor wenigen Wochen. „Vielleicht hätten wir nicht jeden Move auf diese Weise gemacht. Vielleicht wären wir nicht so aggressiv gewesen.“

Eine Vielzahl an Teams hätte sich selbst ohne den gekürzten Cap in einer prekären Lage befunden. Die New Orleans Saints waren laut Prognosen zu Beginn der Offseason circa 100 Millionen Dollar über dem Cap. Als die Liga den Salary Cap am Mittwoch bekannt gab, hatten die Saints bereits sechs Spieler entlassen, die Verträge sieben weiterer Spieler rekonstruiert und waren laut OverTheCap noch immer mehr als 30 Millionen Dollar über der Grenze von 182,5 Millionen. Auch die Rams, Eagles, Bears, Falcons und Chiefs waren mindestens mit zweistelligen Millionen-Beträgen über dem Cap.

Von heute bis zum 17. März, dem offiziellen Start der Free Agency und damit der Beginn des neuen Ligajahres, werden die Fans einige Spieler-Entlassungen oder Trades sehen, die in anderen Jahren unter die Kategorie „Überraschung“ fallen würden. Einige haben wir bereits mitbekommen: Die Chiefs haben ihre beiden Starting-Tackles Eric Fisher und Mitchell Schwartz entlassen und damit fast 18 Millionen Dollar Cap Space freigemacht. Die Saints entließen unter anderem Receiver Emmanuel Sanders und die Bills haben sich trotz einer starken 2020er-Saison von Veteran-Receiver John „Smokey“ Brown getrennt.

 

Cap-Kürzung: Teams werden kreativer

 

Die Liste wird in den nächsten Tagen nur noch anwachsen. Das hat zwei Folgen: Erstens wird der Free-Agent-Markt unerwartet mit mehr Talent geflutet, was den Konkurrenzkampf unter den Spielern erhöht. Zweitens müssen Teams kreativer werden, was die Gestaltung ihrer Verträge betrifft. Ein beliebter Move ist, bestehende Verträge neu zu strukturieren und „nichtige“ Jahre hinten dranzuhängen, um den Cap für die aktuellen Saison niedrig zu halten. Die Saints griffen auf den Trick bei Drew Brees' Vertrag 2018 und vor der letzten Saison zurück. Die Steelers wandten ihn bei Ben Roethlisbergers Vertrag vor dem Jahr an und die Cardinals nutzten die Strategie, um J.J. Watt zu einem „Zweijahresvertrag“ zu verpflichten, der ihn eigentlich viel länger auf dem Gehaltszettel der Franchise lässt.

Am Beispiel von Watts Vertrag wird der Trick deutlich: Watt hat einen Zweijahresvertrag für 28 Millionen Dollar unterschrieben, schlägt aber 2021 nur mit 4,9 Millionen Dollar gegen den Cap. Das ist möglich, da die Franchise seinen Signing Bonus in Höhe von 12 Millionen Dollar über fünf Jahre hinweg strecken kann. Watt kriegt sein Geld immer noch sofort, aber die Cards haben Flexibilität, was den Salary Cap betrifft. „Proration“ nennen die Amerikaner das „Strecken“ solcher Boni. „Das ist ein vollkommen legaler Weg, den Cap zu betrügen“, so CBS-Experte Joel Corry, ein früherer Spieleragent. „Ich erwarte noch viele dieser Deals in den nächsten Wochen.“

Die Spieler, die Free Agents werden, befinden sich in einer gewissen Zwickmühle. Die Free Agency war schon immer ein „buyer's market“. Spieler müssen in manchen Fällen also abwägen, ob sie einen vorgeschlagenen Pay-Cut des Teams nehmen, oder auf ihren Gehaltsforderungen beharren und eine Entlassung forcieren, die sie auf einen Markt wirft, der auf einmal deutlich mehr Talent hat als erwartet. Sie müssen entscheiden, ob sie lieber einen Einjahresvertrag unterzeichnen und gewissermaßen auf sich selbst wetten – alles in der Hoffnung, dass sich der Cap aufgrund neuer TV-Verträge bis 2022 erholt und sie dann richtig abkassieren können – oder ob sie von der Sicherheit eines langen Vertrags profitieren wollen, der ihnen insgesamt weniger Geld einbringt.

 

Salary Cap 2021: Der Draft wird noch wichtiger

 

Die Entscheidung wird bei vielen Spielern abhängig vom Alter fallen. Junge Spieler werden vermutlich eher auf sich selbst wetten und kurze Verträge unterzeichnen, während eine langfristige Sicherheit ohne den ganz großen Zahltag für viele ältere Akteure attraktiv sein dürfte. Aufgrund der engen finanziellen Lage werden Teams 2021 zudem einen noch größeren Fokus auf den Draft legen. Der Grund: Rookie-Verträge sind extrem günstig. Bengals-Quarterback Joe Burrow, der First-Overall-Pick 2020, erhält zum Beispiel knapp 36 Millionen über vier Jahre.

Zum Vergleich: Russell Wilsons Vertrag in Seattle schlug 2020 alleine mit 31 Millionen Dollar gegen den Cap. Das ist ein Problem für Teams mit wenigen Draft Picks wie die Houston Texans. Sie haben 2021 weder einen Erst- noch einen Zweitrundenpick und können weniger als andere Teams auf junges Talent für vergleichsweise kleines Geld setzen. Für alle Teams gibt es aber Hoffnung auf Besserung: DeMaurice Smith, seines Zeichens Exekutive Director bei der Spielergewerkschaft NFLPA, drückte unter der Woche in einem Brief an alle Spieler seine Hoffnung aus, dass sich der Cap mit vollen Stadien im Winter und neuen TV-Verträgen schnell erholen wird.

Das hilft den Teams dieses Jahr zwar nicht wirklich weiter, aber die Show muss ja weitergehen. Oder wie General Manager Brett Veach von den Chiefs neulich sagte: „Ich denke, es ist eben unser Job, so kreativ wie möglich für Spieler zu werden, die wir wollen, und einen Kompromiss für alle Seiten zu finden.“ Eines ist klar: Ein Offseason wie dieses Jahr werden wir in der absehbaren Zukunft wohl nicht mehr erleben.

Daniel Wolf

Daniel Wolf hat Sportjournalismus an der Hochschule Ansbach studiert und dort seine Leidenschaft für das „richtige“ Football entdeckt. Ist seit Andrew Lucks Mega-Playoff-Comeback gegen die Kansas City Chiefs lautstarker Supporter der Indianapolis Colts. Schreibt seit 2018 für TOUCHDOWN24, hauptsächlich im Bereich NFL. Stolzer Vize-Meister der TOUCHDOWN24-Fantasy-Liga.

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