HEFT #53

Ausgabe JANUAR 2022

Jetzt kaufen
- Werbung -

Vor Playoff-Endspiel: Darum will niemand die Chargers in den Playoffs haben

Brandon Staley (l.), Justin Herbert (r.) und die Los Angeles Chargers spielen am Sonntagabend um den Playoff-Einzug. Brandon Staley (l.), Justin Herbert (r.) und die Los Angeles Chargers spielen am Sonntagabend um den Playoff-Einzug. IMAGO / ZUMA Wire
Der letzte Spieltag in der Regular Season steht an und sollten die Indianapolis Colts in Jacksonville keinen Mega-Choke hinlegen, gibt es im Playoff-Rennen der AFC nur noch einen freien Platz. Wer sich den siebten und letzten Spot schnappt, wird in einem echten Endspiel zwischen den LA Chargers und den Las Vegas Raiders in der Nacht von Sonntag auf Montag ermittelt – da ist Drama vorprogrammiert. Warum der Großteil der AFC vermutlich lieber die Raiders in der Postseason sehen will, verraten wir euch in unserem Spotlight für Woche 18.


Die NFL hätte sich kaum ein besseres Finale für ihre erste Saison mit 18 Spielen wünschen können: Eine alte Rivalität entscheidet über den vermutlich finalen Playoff-Spot in der AFC, wenn am Sonntagabend die Los Angeles Chargers und die Las Vegas Raiders zum zweiten Mal in diesem Jahr aufeinandertreffen. Das sind die wahrscheinlichsten Szenarien, wie der sechste und siebte Seed in der Conference aussehen werden:

  • Colts und Chargers gewinnen: In diesem Szenario holen sich die Colts den 6th Seed und das Duell mit den Bengals, die Chargers würden als 7th Seed das dritte Mal in diesem Jahr auf die Chiefs treffen. Die Raiders wären raus.
  • Colts und Raiders gewinnen: In diesem Fall holen sich die Raiders den 6th Seed und spielen in Cincinnati, die Colts treffen als 7th Seed auf die Chiefs. Die Chargers wären raus.

Nun gibt es durchaus noch andere Szenarien, in denen die Colts gegen die Jaguars verlieren und die Ravens und Steelers noch Chancen auf die Postseason haben – Kollege Moritz Wollert hat alle Möglichkeiten bereits gestern aufgelistet. Die Colts sind bei den Buchmachern in Vegas aber mit 15 Punkten favorisiert und die Jaguars haben soeben erst eine 10:50-Klatsche von den Patriots kassiert.


Die Chancen stehen also gut, dass die Colts am frühen Sonntagabend ihren Part erledigen und sich den vorletzten Playoff-Spot sichern. Dann ginge es im Duell zwischen Los Angeles und Las Vegas um den letzten Postseason-Spot – mit Sicherheit auch der Grund dafür, warum die NFL das Spiel kurzerhand zum Sunday Night Football flexte. So werden neben Chargers- und Raiders-Fans auch viele Supporter anderer Teams am Sonntagabend vor dem Fernseher sitzen – und darauf hoffen, dass Derek Carr und Co. den Chargers ein Bein stellen. Denn:

Kein AFC-Team will die Chargers in den NFL Playoffs sehen


Die Chargers sind eine der größten Wundertüten in dieser Saison. Das Team von Rookie-Coach Brandon Staley schlug die Chiefs im Thursday Night Football in einem Overtime-Thriller, nur um kurz darauf zweistellig gegen die 3:11-Texans zu verlieren. Es gelang den Bolts zu selten, Konstanz in ihre Leistungen zu bringen. Laut Pro Football Focus (PFF) hatten im Saisonverlauf nur die Cincinnati Bengals Woche für Woche eine höhere Standardabweichung von ihrem durchschnittlichen EPA-Wert (Expected Points Added) pro Spielzug als die Chargers.

Dennoch ist LA eines der gefährlichsten Teams in der AFC. Der Grund ist schnell erklärt: Justin Herbert. Herbert hatte 2021 bereits sieben Spiele mit einem PFF-Grade über 80 und holte sich den Rekord für die meisten Touchdowns eines Chargers-Quarterbacks in einer Saison von Philip Rivers, zeigte aber unter anderem gegen die Patriots und Ravens auch, dass er noch sehr schlechte Spiele hat. Dennoch: Über die letzten Wochen hat Herbert zumindest etwas Konstanz in sein Spiel bekommen, bei drei seiner letzten fünf Spiele lagen seine EPA pro Play über dem Saisondurchschnitt.

Am stärksten ist Herbert bei Third Down, dem „Money“-Down in der NFL. Nur Kyler Murray hat beim dritten Versuch mehr EPA pro Spielzug als der 23-Jährige. Das war bereits im Vorjahr so, was viele Datenanalysten zur Annahme veranlasste, Herbert werde hier deutliche Anzeichen von Regression zeigen. Dass das nicht geschehen ist, liegt wohl schlicht daran, dass Herbert ein einzigartiger Quarterback ist. Und das trotz der Tatsache, dass die Chargers-Receiver in diesem Jahr die fünfthöchste Drop-Rate in der Liga haben (33 Drops). Herbert ist die Ausnahme von der Regel.

Rush-Defense als Achillesferse in den Playoffs?


Während die Chargers-Offense dank Herbert an guten Tagen mit jedem Team mithalten kann, ist die Defense schon das ganze Jahr über das Sorgenkind der Bolts. Trotz all des (berechtigten) Lobes, den Staley für seine aggressiven und analytischen Entscheidungen bei vierten Versuchen im Saisonverlauf bekommen hat, ist Staleys Steckenpferd die größte Schwäche dieses Chargers-Teams. Gerade die Run-Defense war zu Beginn des Jahres auf einem historisch schlechten Weg. Hier hat Staley mittlerweile gegengesteuert, indem er bei Early Downs mehr Verteidiger in die Box gestellt hat.

Das wiederum geht zulasten der Passverteidigung, wobei die zwischenzeitlichen Ausfälle von Star-Safety Derwin James und Cornerback Michael Davis sicherlich nicht geholfen haben. Angesichts eines Playoff-Feldes mit Stars wie Patrick Mahomes, Josh Allen und dem formstarken Joe Burrow sowie laufstarken Teams wie Indianapolis, Tennessee und New England wird es für die Chargers schwierig werden, einen Playoff-Run zu starten, wenn Herbert nicht auf dem höchsten Niveau spielt.

Der letzte Auftritt der Defense gegen die Broncos war zwar vielversprechend, doch sind die Broncos bei allem Respekt nicht der Gradmesser, gerade ohne Starter wie Jerry Jeudy, Teddy Bridgewater und Tackle Bobby Massie. Mehr Hoffnung machte da das Spiel gegen die Chiefs vor drei Wochen, als Los Angeles ganze 25 Pressures schaffte – mehr als doppelt so viele wie in den beiden Spielen seitdem zusammen. Die Chargers brauchen unbedingt den Druck vorne, um mit High-Scoring-Teams wie Kansas City und Buffalo mithalten zu können.

Können die Raiders Justin Herbert stoppen?


Zunächst gilt der Fokus der Chargers aber voll den Raiders, die ebenfalls noch ihr Schicksal selbst in der Hand haben und mit einem Sieg die Playoffs erreichen. Beim ersten Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften beim Monday Night Football in Woche 4 führten die Chargers bereits zur Halbzeit uneinholbar mit 21:0, am Ende des Tages stand ein 28:14-Sieg für die Bolts. Herbert hatte eines seiner besten Saisonspiele, warf für 222 Yards und drei Touchdowns ohne Interception.

Ähnliches werden Defensive Coordinator Gus Bradley und die Raiders-Defense zu verhindern versuchen. Die Frage ist: Wird Bradley dafür von seinen typischen Cover-3-Konzepten abweichen, gegen die Herbert in diesem Jahr ein PPF-Grade von fast 82 hat? Gegen die Chiefs verzichtete Bradley auf einen defensiven Schemewechsel, Mahomes ließ die Raiders zweimal bezahlen. Auch Herbert würde sich über eine gute Dosis Cover 3 am Sonntagabend freuen. Der Rest der AFC wohl weniger.

 

 



Daniel Wolf

Daniel Wolf hat Sportjournalismus an der Hochschule Ansbach studiert und dort seine Leidenschaft für das „richtige“ Football entdeckt. Ist seit Andrew Lucks Mega-Playoff-Comeback gegen die Kansas City Chiefs lautstarker Supporter der Indianapolis Colts. Schreibt seit 2018 für TOUCHDOWN24, hauptsächlich im Bereich NFL. Stolzer Vize-Meister der TOUCHDOWN24-Fantasy-Liga.
Nach Oben