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Bryce Young, C.J. Stroud und Anthony Richardson hörten ihre Namen innerhalb der ersten vier Picks des NFL Draft 2023. Dementsprechend hoch sind die Erwartungen an die Jungspunde, die sich ganz unterschiedlichen Ausgangspositionen gegenübersehen. Wer von ihnen könnte direkt fulminant loslegen, wer könnte mit Startschwierigkeiten zu kämpfen haben?

Schein und Realität liegen in der Welt der NFL oftmals nah beieinander, ganz besonders in den langen Monaten der Offseason. Reine Projektion wird zur gefühlten Wirklichkeit, bevor überhaupt ein einziger Ball in den amerikanischen Himmel gekickt wurde. Auf keiner Position ist dies wohl evidenter als bei neu gedrafteten Quarterbacks. Die jungen Hoffnungsträger werden mit Vorschusslorbeeren und Erwartungen überhäuft, die dem Gewicht von drei Defensive Tackles auf den Schultern gleichkommen, ihre bloße Draftposition an der Spitze der ersten Runde ist für viele bereits Beweis genug, dass sie doch jetzt auch der Superstar-Passer werden müssen, den jeder erwartet. Die Realität sieht aber eben ganz oft anders aus.

Man muss sich nur die gefeierte Quarterback-Klasse von 2021 anschauen und schon erkennt man, dass es auch hoch gedraftete Passgeber in der NFL weitaus schwerer haben, als man das im Vorhinein denken möchte. Abgesehen von Top Pick Trevor Lawrence ist Zach Wilson mehr oder weniger bei den Jets gescheitert, Trey Lance hat unter anderem aufgrund eines Knöchelbruchs nur vier Starts bisher gemacht und könnte sich nun hinter Brock Purdy auf dem Depth Chart wiederfinden. Der Stern von Mac Jones ist nach einer starken Rookie-Saison nachhaltig verblasst und selbst der zuletzt begeisternd aufspielende Justin Fields hat in Sachen Passgeberqualitäten und Siegermentalität noch eine ganze Menge auf der To-Do-Liste. Kurzum: Es ist selbst für hoch gedraftete Quarterbacks unheimlich schwer, früh oder überhaupt in der NFL Fuß zu fassen, nicht umsonst bekleiden sie ja die wohl wichtigste Position im Profisport und sehen sich dementsprechend hohen Anforderungen gegenüber.

NFL wird Young, Stroud und Richardson viel abverlangen

Eben jene türmen sich nun auch vor Bryce Young, C.J. Stroud und Anthony Richardson auf. Allesamt sind sie die personifizierten Heilsbringer für die Leiden der Panthers, der Texans und der Colts, die mit ihnen nun den Aufbruch in eine neue Ära begründen möchten. Bei aller Euphorie gilt keiner der drei Signal Caller für Scouts als ein absoluter Homerun wie zum Beispiel Trevor Lawrence, Andrew Luck oder in grauer Vorzeit ein John Elway. Young ist extrem klein, Stroud muss sich außerhalb der dominanten Struktur Ohio States beweisen und Richardson zeigte bisher abgesehen von seiner überragenden Athletik wenig detailorientiertes Quarterback-Spiel. Es ist nur eine Erinnerung daran, dass diese drei Youngster es eben nicht alleine richten können, sondern wie jeder NFL-Starter vor ihnen auf ein unterstützendes Umfeld angewiesen sind. Vielleicht sogar noch mehr als manch anderer, wenn man die Fragezeichen hinter ihnen bedenkt.

Nun will es die Natur des Draftes so, dass die ganz hoch gezogenen Spieler eben nicht das Glück einer funktionierenden Mannschaft um sich herum genießen können, in der Regel landen sie bei einem echten Kellerkind, das aus gewissen Gründen genau da steht. Dem sind sich – so hofft man zumindest – auch die Verantwortlichen der jeweiligen Teams bewusst. In gewisser Weise lassen sich bereits gezielte Moves erkennen, welche mit Blick auf die jeweilige Quarterback-Verpflichtung gemacht wurden und letztendlich ein optimales Umfeld für die Spieler schaffen sollen. Wie sinnvoll diese Moves waren und ob genug getan wurde, wird sich erst mit der Zeit herausstellen, ein Checkup der Ist-Situation ist dennoch möglich.

Bryce Young ging als First Overall Pick im NFL Draft 2023 und muss sich dennoch viele Fragen aufgrund seiner Körpergröße gefallen lassen. So fantastisch er spielerisch für Alabama aufgetrumpft hat, so sehr zaubern die harten Fakten des Zollstocks und der Waage Sorgenfalten auf die Stirn so mancher Beobachter. Protection heißt also auch für ihn ein wichtiges Zauberwort. Alle fünf Starter in der Offensive Line kehren für Carolina zurück, was in sich schon einmal etwas Positives ist, auch wenn Carolinas Frontlinie insgesamt durchwachsen in der Vorsaison agierte. Der junge Tackle Ikem Ekwonu sollte allerdings einen Schritt nach vorne machen und mit Bradley Bozeman bekommt Young einen starken, erfahrenen Center an die Seite gestellt. Wie die Guards Brady Christensen und Austin Corbett von ihren letztjährigen Verletzungen zurückkommen könnte eine wichtige Rolle spielen.

Das Supportsystem der NFL-Rookie-Quarterbacks

Ganz sicher wird diese Adam Thielen einnehmen, der in Kombination mit Tight End Hayden Hurst als erfahrener Possession-Receiver ganz klar jemand sein soll, der Young den Einstieg in die NFL erleichtert. Auch vom Grundaufbau scheint das Receiving Corps sinnvoll zusammengesetzt und verfügt mit D.J. Chark sowie dem vielversprechenden Terrace Marshall über potenziell starkes Spacing auf den Außenbahnen. Es fehlt natürlich an echten Big-Name-Receivern, aber hier könnte das Run Game um Neu-Panther Miles Sanders einspringen, dass anfangs ganz klar viel zu tun bekommen wird. Neben dem Feld hat Young ebenfalls ein sehr starkes Support-System mit dem ehemaligen Quarterback Frank Reich als Head Coach sowie Andy Dalton als Backup, der ihm den einen oder anderen Kniff aus 166 NFL-Spielen verraten kann.

Ganz so viel Expertise wird Davis Mills C.J. Stroud nicht bieten können, dafür kann er aber als jüngerer Starter sicher mit mehr unmittelbarem Verständnis für den Number Two Pick agieren. Erfahrung bringt dann ja noch der 35-jährige Case Keenum mit. Das Glück eines offensiven Head Coaches hat Stroud nicht, dafür aber gilt DeMeco Ryans als jemand, der viel frischen Wind nach Houston bringen und seinem jungen Star viel Aufbauzeit gewähren wird. Offensive Coordinator Bobby Slowik hat Ryans aus dem Shanahan-System in San Francisco mitgebracht, wo er zuletzt als Passing Game Coordinator fungierte und damit auch bei mangelnder Erfahrung im Rampenlicht sicherlich vieles für Stroud einfacher machen kann.

Auf den Skill Positions gelang mit der Verpflichtung von Dalton Schultz ein echter Coup, denn schließlich gilt ein starker Tight End als einer der besten Freunde eines jungen Quarterbacks. Der Ex-Cowboy dürfte da keine Ausnahme sein. Genauso dürfte sich Stroud darüber freuen, dass die Texans mehr als alle anderen NFL-Teams für ihre Offensive Line ausgeben, auch wenn hier mit dem jungen Left Guard Kenyon Green oder dem Rookie-Center Juice Scruggs sicherlich auch ein klein wenig „Jugend forscht“ zu beobachten ist. Während auf der Receiver-Position einige Fragezeichen hinter dem alternden Robert Woods, dem unkonstanten Nico Collins oder dem zuletzt langzeitverletzten John Metchie stehen, dürfte das Running Game um den letztjährigen Star-Rookie Dameon Pierce und Neuverpflichtung Devin Singletary eine Waffe sein, auf die sich Stroud mehrfach in seiner Premierensaison in der NFL stützen wird.

Sollte Anthony Richardson vielleicht zunächst auf die Bank?

Dass Anthony Richardson in Indianapolis das Gleiche tun wird, steht wohl bei einem Jonathan Taylor im Backfield außer Frage. Dazu kommt mit Shane Streichen der für Richardson wohl perfekte Head Coach zu den Colts, schließlich gelang es ihm in Philadelphia, um das Lauftalent von Jalen Hurts eine fulminante Run-Offense aufzubauen und gleichzeitig den jungen Quarterback im Passing Game voranzubringen. Bei Richardson, der am College nicht direkt die Passer-Qualitäten zeigte wie Hurts, könnte es etwas länger dauern, auch wenn das Upside letztendlich aufgrund seiner physischen Fähigkeiten sogar noch weitaus höher sein könnte.

Um dies zu realisieren hoffen die Colts auf eine Stabilisierung ihrer Offensive Line, die vor allem durch eine Weiterentwicklung von Left Tackle Bernard Raimann und einen wiedererstarkten Center Ryan Kelly erfolgen könnte. Beide hatten im letzten Jahr doch regelmäßig ihre Probleme. Zum X-Faktor für Richardson könnte sein Backup-Quarterback werden. Gardner Minshew ist als Ex-Streichen-Kollege in Philly wohl der letzte, der einfach so kampflos den Starterposten aufgeben wird und damit ist er vielleicht sogar ein Segen für den jungen Richardson. Schließlich sehen es nicht wenige als gut für ihn an, erst einmal von der Bank das schnelle NFL-Leben zu beobachten und sich langsam in seine Profikarriere hineinzufinden.

So sehr der Schein einer Offseason die jungen Hoffnungsträger schon in ungeahnten Höhen wähnt, so sehr muss man dann eben doch einmal auf die Bremse treten, den Youngstern etwas Zeit geben und vielleicht auch erst mal ein wenig langsamer an die Sache herangehen. Irgendwann holt einen die Realität – wie auch immer sie im Falle der jungen Quarterbacks auch aussehen mag – eh ein…

Über den/die Autor/in
Moritz Wollert
Moritz Wollert
Moritz Wollert schreibt für TOUCHDOWN24 u.a. über die NFL. Für das monatliche Print-Magazin schreibt er u.a. die NFL History Artikel

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