Die NFL hat ihn wieder: Tim Tebow versucht es bei den Jacksonville Jaguars nochmal als Tight End. Die NFL hat ihn wieder: Tim Tebow versucht es bei den Jacksonville Jaguars nochmal als Tight End. Imago Images / ZUMA Wire / Daniel Wallace

"Tim Tebow 2.0" erscheint der NFL

geschrieben/veröffentlicht von/durch  12.05.2021
Tim Tebows Karriere in der National Football League war immer ein kleines Unikum. Eigentlich gilt das für seine gesamte sportliche Laufbahn, die auf Abwegen ja auch schon in den Medien und beim Baseball vorbeischaute. Jetzt geben die Jacksonville Jaguars dem einstigen First Round Quarterback wieder einen NFL-Vertrag in seiner ursprünglichen Profession. Zum Teil zumindest, denn Tebow wird es diesmal nicht als Passgeber, sondern als Tight End versuchen. Klingt seltsam? Ist es auch irgendwie.

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Man kann über Tim Tebow viel sagen und das tun eine Menge Menschen auch. Oftmals ruft der eigentlich so sympathische Zeitgenosse mit dem Millionen-Dollar-Lächeln und dem für diese Welt zu guten Herzen auch negative Reaktionen hervor. Dabei weiß irgendwie jeder, dass diese neben seinem zeitweise überbordenden Glauben ihren Ursprung meist nur in der scheinbaren Makellosigkeit von Tebows einnehmender Aura haben. Er hat sich auf allen Leveln des American Football durchgeboxt, ohne runde Wurfbewegung, ohne Unmengen an natürlichem Talent oder ohne eine Spielweise, die im Entferntesten als ästhetisch beschrieben werden könnte. Nein, Tim Tebow schaffte es eigentlich immer mit "guts", wie es die Amerikaner sagen und was Olli Kahn gemeinhin als "Eier" übersetzen würde. Tebow hatte dazu immer viel Herz, viel Mut, viel Köpfchen. Und doch, irgendetwas an dem bibelfesten Ballsportler traf bei etlichen Leuten immer wieder einen falschen Nerv. Diese Menschen, die im hintersten Kämmerlein der eigenen Psyche noch eine schwindende Erinnerung an die frühere "Tebowmania" haben, dürfen sich nun freuen. Tim Tebow ist kehrt in die NFL zurück. Als Tight End bei den Jacksonville Jaguars. Und vielerorts stellen sich die Nackenhaare bereits nach oben.

Tim Tebow beweist der NFL abermals seinen großen Mut

Dabei muss man zuallererst mal eines tun, nämlich den imaginären Hut ziehen. Tim Tebow ist es einfach völlig egal, was die Menschen von ihm oder seinen Ausflügen in verschiedenste Bereiche der Sportbranche denken. Dies ist umso beeindruckender in der NFL zu bewerten, einer Liga, in welcher der öffentliche Druck quasi täglich so stark bläst wie die eisigen Winde über der Drake-Passage. Kritiker gab es schon während seines ersten Aufenthalts in der National Football League zu genüge, es gab sie später erst recht, als er es etwas blauäugig beim Baseball versuchte. Jetzt traut er sich tatsächlich auch noch, im reifen Alter von bald 34 Jahren ein Comeback auf einer ganz anderen Position zu starten. Na ja, immerhin spielt auch der Tight End wie der Quarterback in der Offense, was zumindest etwas helfen könnte. Dennoch ist es natürlich für jemanden, der seit Jahren nicht mehr professionell NFL-Football gespielt hat, eine absolute Mammutaufgabe, alleine über so einen Move nachzudenken. Aber so ist es nun mal mit Tim Tebow und seinem positiven Selbstvertrauen, von dem wohl jeder auf dieser Welt ein kleines Bisschen haben würde.


Urban Meyer und Tim Tebow finden erneut zusammen

Der einzige Grund, warum die Jacksonville Jaguars ihn nun holen, ist das natürlich nicht. Dieser ist eher im neuen Jags-Coach Urban Meyer zu suchen, der Tebow noch aus gemeinsamen Tagen an der University of Florida kennt, wo sie dank monumentaler Erfolge parallel zu Legenden in der SEC und im gesamten College Football wurden. Und wo sie ein besonders inniges Verhältnis zueinander entwickelten, dass nun in der NFL in sein nächstes Kapitel gehen wird. Für Meyer, dessen erste Karriere-Schritte auf der Profibühne in den Augen vieler Experten etwas holprig anmuten, ist es ein weiterer Move, der ligaweit eher Unverständnis hervorruft. Den dreifachen National Champion schert derartige Kritik natürlich kaum. Er ist Teil einer langen Liste von Coaches, die sich – zeitweise natürlich auch zu Recht – als ein klein wenig schlauer als den Rest ihrer Kollegen ansahen. Als unfehlbar und derart kreativ, dass selbst der großen NFL nur so die Ohren schlackern ob der Innovation, die über sie hereinbricht. Eine derartige Herangehensweise führt nur selten zum Erfolg, wird sie nicht gleichzeitig zumindest mit einem Mindestmaß an Demut und Ehrfurcht vor den Herausforderungen dieses brutal komplizierten Jobs betrieben. Einem Job, wo eigentlich keine Zeit und Raum sind für Experimente wie das derzeitige Projekt "Tebow 2.0".

Der Mehrwert für die Jaguars ist sportlich begrenzt

Denn selbst wenn Tim Tebow den Sprung in den NFL-Kader schaffen sollte, selbst wenn er das ein oder andere Trick Play auf den Rasen zaubert und Meyer mit einem Ausdruck von "ich hab es euch doch gesagt" an der Seitenlinie entlanglaufen lässt, selbst dann wäre es den Wirbel, den die Verpflichtung schon jetzt verursacht, eigentlich nicht wert. Die PR-Idee eines lokalen Helden hin, Tebow als gewinnbringender Motivator her, es gäbe andere Mittel und Wege, von den vielen Vorzügen des Vorzeigeprofis zu profitieren. Als Coach, als Assistant, als Team Speaker… in ganz vielen Rollen könnte der gläubige Christ die Spieler an seiner inspirierenden Geschichte teilhaben lassen, welche ihn mithilfe seiner Missionarseltern einer Abtreibung in den Philippinen entkommen sah, als Legastheniker im Homeschooling brillieren ließ und dann irgendwann zu einem der ganz großen Philantropen seiner Zunft machte. Tim Tebow, auch oder vielleicht gerade in den Augen einiger gläubiger NFL-Profis, kann einer "Gruppe von Männern", wie es in der Liga gerne heißt, sehr viel geben. Doch dafür muss er nicht in hohem Alter einem vielleicht aussichtsreicheren jungen Spieler einen Platz wegnehmen und gleichzeitig etwaige Fragen von Teamkollegen bezüglich der Ernsthaftigkeit eigener Arbeit befeuern. Zumindest birgt die derzeitige Situation viel Zündstoff, die kein Team so wirklich braucht, schon gar nicht eines inmitten eines gewichtigen Rebuilds.

Jetzt sind es auch hier schon wieder eine ganze Reihe negativer Aspekte am jüngsten Unterfangen von Tim Tebow gefunden, irgendwie gehört es bei ihm einfach dazu. Dabei könnte man die ganze Geschichte auch einfach nur darauf herunterbrechen, dass ein alter College-Coach einem verdienten einstigen Schützling eine letzte Chance in der NFL geben will. Auszusetzen gibt es daran eigentlich… gar nichts, genau. Und dann irgendwie doch. So war es bei Tim Tebow immer und so wird es für ihn wohl auch ewig sein. In diesem Sinne: Go for it Timmy & good luck!
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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