Neugierige Blicke vom Head Coach: Kyle Trask im Rookie Minicamp der Buccaneers Neugierige Blicke vom Head Coach: Kyle Trask im Rookie Minicamp der Buccaneers IMAGO / Icon SMI

Summer Thoughts: Luxuspick Kyle Trask

geschrieben/veröffentlicht von/durch  17.06.2021
Meine Gedanken schwirren noch immer um die Quarterbacks aus dem letzten Draft. Diesmal sind sie bei Kyle Trask hängengeblieben, der Lehrling hinter Tom Brady bei den Tampa Bay Buccaneers.
Im Geiste könnte ich mit Jason Licht und Bruce Arians anstoßen. Was dem Gespann aus General Manager und Head Coach in den letzten 16 Monaten der NFL gelungen ist, ist eine Vorlage für "how to build a winning football team.“ Heimlich still und leise ist ihnen dabei mit dem Pick von Kyle Trask im vergangenen Draft eine erstaunliche Personalie gelungen. Eine weitere einer ganzen Reihe richtiger Entscheidungen. Ich kann dabei nicht abstreiten, dass ich grundsätzlich ein Faible für Quarterbacks “aus der zweiten Draftreihe“ habe. Es macht mir bei den Ballverteilern, die hinter den ganz großen Prospects jedes Jahr gedraftet werden, einfach noch mehr Spaß ihren Werdegang zu verfolgen. Freilich, manch einer beginnt und endet als Backup, manch einer kann irgendwann dennoch auf eine ganz beachtliche NFL-Karriere zurückblicken. Russell Wilson war ein Drittrundenpick, Dak Prescott stammt aus Runde vier, Tom Brady? Das muss heute nicht mehr erwähnt werden, aus Runde sechs.

Während Quarterbacks, die früh in Runde eins vom Board geholt werden, regelmäßig der Rote Teppich ausgerollt wird, die sportlichen Entscheidungsträger ein Team um den neuen Hoffnungsträger aufbauen und versuchen, ihm bestmögliche Umstände zu bereiten, ist Karriere oder Nicht-Karriere bei Late Round Quarterbacks von wesentlich mehr "zufälligen" Aspekten abhängig. Sie müssen mehr als die Top-Talente, zur richtigen Zeit plötzlich am richtigen Ort sein und die vielleicht eine Chance, die sie haben, am Schopfe packen. Wer will verneinen, dass die Jacksonville Jaguars beispielsweise alles in den nächsten Jahren tun werden, um mit Trevor Lawrence endlich eine erfolgreiche Ära zu gestalten. Wenn die Jaguars in der kommenden Saison dennoch auf der Stelle treten, sich Lawrence Statistiken im Mittelmaß der Liga zeigen, wird man in Florida 2022 noch einmal mehr Gas geben, damit das “Jahrhunderttalent“ doch noch mit dem Team durchstarten kann.

Alle eint in Tampa ein Ziel

Und da sind wir schon bei Kyle Trask, der als sechster Quarterback und 64. Spieler insgesamt vom Board gegangen ist. Insbesondere im Vergleich zu Kellen Mond (Minnesota Vikings, Position 66) und Davis Mills (Houston Texans, Position 67), hat Kyle Trask bei den Buccaneers ein Team erwischt, das ihm herausragende Entwicklungsmöglichkeiten geben kann. Davon kann Mills nur träumen, wie ich in meinen Summer Thoughts in der Vorwoche bereits festgestellt hatte. Bei genauerer Betrachtung ist Trask für die Buccaneers sogar ein Luxuspick in einer Win-Win-Situation.



Den Buccaneers war es zuvor als erstem NFL-Champion überhaupt gelungen, sämtliche Starter aus dem vorherigen Super Bowl zu behalten oder erneut unter Vertrag zu nehmen. Licht und Arians muss es in herausragender Art und Weise gelungen sein, die Spieler an einen Tisch zu holen und mit ihnen über ihre Situtation und der des Teams zu sprechen. In Tampa gab es in diesem Jahr keinen einzigen, der sich den Triumph im zurückliegenden Super Bowl gegen die Kansas City Chiefs vergolden lassen wollte. Niemand sprach von einem Wechselwunsch, keiner von einem Holdout um andernorts den noch besseren Vertrag abzustauben. Alle eint eine Erkenntnis und ein Ziel: Solange Tom Brady seine Karriere nicht beendet, so lange wird Tampa um den Titel spielen.

Perfekte Situation für Trask und die Buccaneers

Nun hatten die Buccaneers zumindest zum Ende der vergangenen Saison den besten Kader und konnten diesen halten. Während andere Teams auf den Draft hinfieberten, um meterweit klaffende Löcher im Roster mit neuem Talent zu bestücken, fand man sich im Front Office der Buccaneers ein und wusste offenbar gar nicht so recht, in welche Richtung es nun gehen sollte. Spieler, die sofort helfen, würden in den Win-Now-Modus passen. Gleichzeitig muss man aber auch die Luxussituation erkannt haben, dass man wie kein anderes Team je zuvor in die Zukunft investieren kann, ohne dabei die Gegenwart zu gefährden. Mit Trask sicherten sich die Buccaneers somit einen legitimen Erben, der das Zepter irgendwann von Tom Brady würde übernehmen können, ohne dass Brady sich, wie ein Aaron Rodgers in Green Bay beispielsweise, auf den Schlips getreten fühlen muss. Zudem dürfte es nicht spekulativ sein, zu behaupten, Tampa wird beim Karriereende von Tom Brady keine sonderlich gute Draftposition haben. Wird der Quarterback-Prospect am hinteren Ende der Draftreihenfolge in drei oder vier Jahren größeres Talent als Trask besitzen? Und wäre es nicht gut, jetzt einen Quarterback in aller Ruhe hinter Brady aufzubauen? Wer das deutlich verneint,Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Zurück zur Quarterback-Situation auf dem Piratenschiff: Tom Brady weiß, nur er bestimmt, wann seine Karriere endet. Alles haben sie in Tampa darauf ausgerichtet, dass der erfolgreichste Football-Spieler der Geschichte noch einen Triumph in seine Vita heften darf. Trask sieht Brady, anders als einst Jimmy Garoppolo bei den New England Patriots, da nicht als Konkurrenten, selbst wenn der 23-Jährige wirklich auf ihn folgen sollte. Besser könnte die Situation für Trask somit nicht sein. Er kann von Brady jeden Tag lernen, ähnelt TB12 in seinen grundsätzlichen Anlagen sogar ein wenig. Trask ist kein großer Athlet, kommt aber über sein Ball Placement, seinen Release, seine Antizipation und seine Anführermentalität. Und Trask hat den üblichen Vierjahresvertrag für einen Rookie – unwahrscheinlich, dass Brady dann noch immer nicht in Football-Rente ist. Irgendwann in der zweiten Hälfte seines Vertrags wird Trask mutmaßlich seine Chance bekommen, dann muss er sie nur ergreifen.
Markus Schulz

Markus Schulz arbeitet seit 2009 beim Sport-Informations-Dienst in Köln. Seine Leidenschaft für den American Football entdeckte der Familienvater bereits mit elf Jahren während Super Bowl XXIII. 2017 schloss sich Schulz TOUCHDOWN24 zudem als Chefredakteur an. Außerdem hat der gebürtige Mönchengladbacher mehrere Bücher über den US-Sport publiziert und engagiert sich ehrenamtlich als Pressesprecher bei seinem örtlichen Football-Verein Remscheid Amboss.
Twitter: @ELFinsider

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