Im Trikot von Stanford Cardinal: Davis Mills Im Trikot von Stanford Cardinal: Davis Mills IMAGO / ZUMA Wire

Summer Thoughts: Houston Texans - welcher Plan steckt hinter Mills?

geschrieben/veröffentlicht von/durch  03.06.2021
Ich möchte meinen Kopf auf die Tischplatte schlagen. Houston Texans, Davis Mills, warum? Dieser Pick ergibt doch keinen Sinn. Aber der Reihe nach!

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Der Sprachrekorder meines Mobilfunkgerätes nimmt meine Stimme auf, während die Frühsommersonne meinen Beinen etwas Wärme schenkt und eine erste Bräune hinterlässt. Ich lasse die Gedanken schweifen, die Geschehnisse der zurückliegenden Wochen Revue passieren. Ein erstes Mal bleiben meine Gedanken am ersten Pick der Houston Texans hängen. An Position 67 beriefen General Manager Nick Caserio und Head Coach David Culley Quarterback Davis Mills ein. Der Auserwählte ist sicherlich kein schlechter Quarterback. Der 22-Jährige galt bei seinem Wechsel 2017 von der High School auf das College als stärkster Quarterback der Klasse. In Stanford schritt die Entwicklung allerdings nicht so voran, wie es sich der 5-Sterne-Rekrut erhofft hatte. Insbesondere seine Unentschlossenheit sowie sein Ball Placement lassen zu Wünschen übrig.



Trotzdem ist grundsätzlich natürlich weiterhin großes Talent vorhanden. Was bleibt, ist aber die Erkenntnis, dass Mills nicht zu den Top-Prospects im Draft zählte. Das muss natürlich nicht heißen, dass er so kein Starting Quarterback in der NFL sein kann, aber warum haben ausgerechnet die Texans ihren höchsten Pick in diesem Draft in ein unausgereiftes Talent auf der Quarterback-Position investiert? Wo sie doch so viele andere Baustellen haben?

Darf ich davon ausgehen, dass meine Meinung über den Roster der Texans einer Konsens-Meinung entspricht? Die Texans kommen aus einer Saison mit nur vier Siegen. Star-Quarterback Deshaun Watson hat trotzdem eine individuell gute Saison gespielt. Doch mit Blick auf das, was in der Free Agency passiert ist, ist der Kader im Vergleich zum Vorjahr eher schlechter geworden. Watson hat Wideout Will Fuller verloren, zudem Tight End Darren Fells, von DeAndre Hopkins aus dem Jahr davor muss man schon gar nicht mehr sprechen, um das Dilemma zu verdeutlichen. Es wäre ein Wunder, würde Houston 2021 mehr als die vier Spiele von 2020 gewinnen. Wohlgemerkt: In diesem Gedankenkonstrukt steht Watson die ganze Saison auf dem Feld.

Tyrod Taylor war doch eine optimale Wahl

Wahrscheinlicher ist aber, dass Watson von den Schatten seiner mutmaßlichen Vergangenheit eingeholt wird. Es könnte, sollten sich Vorwürfe mehrfacher sexueller Übergriffe auf verschiedene Frauen bewahrheiten, sogar sein, dass der 25-Jährige dafür eine Freiheitsstrafe absitzen muss. Es ist mindestens wahrscheinlich, dass die NFL Watson unabhängig von einem Gerichtsurteil selbst sperren wird. So wie sie es beispielsweise bei Kareem Hunt oder Ezekiel Elliott in der jüngeren Vergangenheit getan hat. Vielleicht wird Watson - auch wenn es mit diesen Unwägbarkeiten unwahrscheinlich ist - sogar noch getradet und spielt kein Spiel mehr im Texans-Trikot.

Für diesen Fall hatten die Texans bis zum Draft alles richtig gemacht. Mit Tyrod Taylor hatten sie einen erfahrenen Quarterback von den Los Angeles Chargers geholt, der ihnen eine Baseline gibt. Natürlich ist Taylor kein Spielmacher, der die Fähigkeit hat, die Texans mit diesem Roster durch die Saison zu tragen. Aber immerhin steht der 31-Jährige nicht im Ruf, Spiele alleine zu vergeigen. Seine Fehlerquote ist extrem gering - zugegeben: Big Plays sind auch eher Mangelware.

Ob Watson oder nicht, es ist egal

Dennoch, in dieser Gesamtgemengelage dürfen die Texans mit und ohne Watson von mindestens einem Top-drei-Pick im Draft 2022 ausgehen. Für diesen Fall gäbe es zwei Szenarien: Entweder Watson ist noch immer der Starting Quarterback und Caserio ist es gelungen, den Ballverteiler von einem langfristigen Verbleib in Texas zu überzeugen. Für den Fall benötigt Houston Mills nicht im Roster. Watson, Taylor und beispielsweise ein Quarterback aus der sechsten oder siebten Draftrunde sollten eine sehr gut aufgestellte Unit bilden. Die Texans könnten den Wiederaufbau ihres Teams im Draft 2022 mit einem Downtrade und dem Einsammeln mehrerer Erstrundenpicks für die Folgejahre einleiten.

Im anderen Fall kann man eben nicht mehr mit Watson planen, er ist längst woanders, geht spätestens in der Offseason 2022 oder sitzt hinter Schwedischen Gardinen. Dann ist Taylor noch immer ein guter Backup und mit einem Top-drei-Pick können die Texans sich einen wesentlich talentierten Quarterback leisten als es Mills ist. Auch in diesem Szenario ergibt Mills keinen Sinn für die Texans.

Mills als Franchise Quarterback denkbar?

Kann man denn einen Fall konstruieren, bei dem man am Ende sagen kann: Respekt, das hatte ich (und hatten wohl die meisten anderen) so überhaupt nicht kommen sehen? Mills ergibt komplett Sinn, Caserio ist ein Genie? Dann müsste Mills irgendwann im Saisonverlauf, bestenfalls so früh wie möglich, als Starter auf dem Feld stehen. Und er müsste gut sein! Überzeugen! So sehr überzeugen, dass Mills der neue Franchise Quarterback der Texans wäre und Houston entweder eine gute Saison spielt oder trotzdem ein Top-Draftpick für einen Downtrade und für das Einsammeln von starkem Draft-Kapital genutzt werden kann - weil eben auch ein furioser Mills mit Houston nicht mehr Siege holt als Watson im Vorjahr.

Aber ist das wahrscheinlich? Wohl eher nicht. Mills wäre ein Rookie-Quarterback ohne Supporting Cast, eine durchschnittliche Offensive Line, okay. Aber dann? Die Receiver hinter Brandin Cooks heißen Randall Cobb und Keke Coutee. Hinzu kommt Tight End Jordan Akins. Noch schlimmer sieht die Defense aus, von der wenig Hilfe zu erwarten ist. Häufig werden die Texans einem Rückstand hinterherlaufen, eine Offense müsste Big Plays produzieren, um das Spiel offenzuhalten. Und das wirkt mehr als unwahrscheinlich. Die Chance, dass Mills in der bevorstehenden Saison eher verbrannt wird, ist nicht gerade klein. Es ist so ebenfalls unwahrscheinlich, dass Mills einen höheren Draftwert generieren kann, als er in diesem Jahr den Texans wert war. Als Spekulationsware eignet er sich wohl auch nicht.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Der Pick der Texans in Mills bleibt unverständlich. Es scheint, als wären die bitteren Zeiten des Kader-Missmanagements in Houston auch nach der Bill-O`Brien-Ära noch nicht ausgestanden.
Markus Schulz

Markus Schulz arbeitet seit 2009 beim Sport-Informations-Dienst in Köln. Seine Leidenschaft für den American Football entdeckte der Familienvater bereits mit elf Jahren während Super Bowl XXIII. 2017 schloss sich Schulz TOUCHDOWN24 zudem als Chefredakteur an. Außerdem hat der gebürtige Mönchengladbacher mehrere Bücher über den US-Sport publiziert und engagiert sich ehrenamtlich als Pressesprecher bei seinem örtlichen Football-Verein Remscheid Amboss.

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