HEFT #52

Ausgabe DEZEMBER 2021

Jetzt kaufen

Spotlight: Sind die Bucs noch ein Super-Bowl-Contender?

Sind Tom Brady und Co. noch Super-Bowl-Anwärter? Sind Tom Brady und Co. noch Super-Bowl-Anwärter? IMAGO / Icon SMI
Selbst die besten Teams legen in der NFL hin und wieder ein Ei, doch es kommt selten genug vor, dass sich Super-Bowl-Contender gleich zweimal in Folge in den Fuß schießen. Nach der Division-Niederlage gegen New Orleans vor ihrer Bye Week setzte es vergangene Woche für die Tampa Bay Buccaneers auch gegen das Washington Football Team eine deutliche Niederlage. Was sind die Probleme in der Bucs-Offense? Geht dem amtierenden Champion die Luft aus oder holen Brady und Co. nur Luft für einen weiteren brandheißen Endspurt? Alles dazu im Spotlight für Week 11.


Vor knapp einem Jahr standen die Buccaneers bei einer mauen Bilanz von 7:5 Siegen und gingen als Wildcard-Team anschließend auf einen Super-Bowl-Run, den in Florida so schnell niemand mehr vergessen wird. Man könnte also behaupten, das Team sei mit seinem derzeitigen Record von 6:3-Siegen mehr als nur im Soll oder vielleicht sogar auf einem besseren Weg als im Vorjahr. Das wäre aber eindeutig zu kurz gedacht. Denn eines ist nach der peinlichen 19:29-Niederlage gegen Washington klar: Tampa Bay ist derzeit alles andere als auf Super-Bowl-Kurs.

Die Pleite gegen das Football Team war bereits die zweite Partie in Folge, die die Bucs mit mehr als einem Score verloren und in dem sich Tom Brady mehrere Interceptions leistete. Der leblose Auftritt kam umso mehr überraschend, da Tampa Bay zwei Wochen Zeit hatte, sich auf Taylor Heinicke und Co. vorzubereiten. Bis zum Debakel am Sonntag hatten die Bucs ihre letzten sechs Spiele mit mehr als zwei Wochen Vorbereitungszeit gewonnen – das Durchschnittsergebnis in diesen Partien: 36:16.

„Uns fehlen Energie und Leidenschaft“


Im Rückblick wirken selbst die anderen Auftritte der Franchise in diesem Jahr weniger eindrucksvoll. Ja, die Bucs haben die Patriots und Cowboys geschlagen, aber das waren enge Spiele, die in jede Richtung hätten ausschlagen können. Hinzu kommt eine deutliche Pleite gegen die Rams. Die einzigen überzeugenden Auftritte von Bruce Arians' Team waren die Blowout-Siege gegen die Falcons, Dolphins und Bears – allesamt Teams, die mit den Playoffs nicht viel zu tun haben. Es ist zwar irgendwo eine Milchmädchenrechnung, aber die Bucs könnten mit mehr Pech auch bei einer negativen Bilanz stehen.

Die gute Nachricht für die Buccaneers ist: Sie haben nach wie vor alles in der eigenen Hand. Mit Spielen gegen die Colts in zwei Wochen, die Bills in Woche 14 und dem Division-Rematch gegen die Saints in Woche 15 gibt es gleich mehrere Chancen, sich eindrucksvoll zurückzumelden. Stand heute nimmt die Wahrscheinlichkeit aber zu, dass es nichts wird mit einer Bye Week für Brady und Co., womöglich geht es bereits in der Divisional Round in die Fremde. Das war im Vorjahr zwar kein Problem, doch die Chancen, diesen Lauf zu wiederholen, stehen nicht gut.

Es gibt einen guten Grund, warum es seit 17 Jahren kein Team mehr geschafft hat, seinen Titel zu verteidigen. Die Bucs sind die Zielscheibe der Liga, jedes Team spielt bereits in der Regular Season seinen eigenen Super Bowl gegen die Piraten. Ist eine Mannschaft dann nicht zu 100 Prozent fokussiert und auf dem Platz, kommt es schnell zu vermeidbaren Niederlagen. „Wir müssen unser Gewissen hinterfragen“, meinte ein wütender Arians nach der Washington-Pleite. „Es ist alarmierend zu sehen, wie unser Energie-Level im Training hoch ist, uns dann aber am Spieltag völlig die Energie, die Leidenschaft fehlt. Ich bin darüber sehr enttäuscht.“

Strafen und Verletzungen sind prägend


Doch Energie und Leidenschaft ließen sich korrigieren, so Arians weiter. Was ihn mehr besorge, waren sie sechs Strafen, die sich Tampa Bay gegen Washington erneut einfing. Schon gegen die Saints leistete sich das eigentlich erfahrene Team elf Strafen, die Penalties sind das ganze Jahr über so etwas wie die Achillessehne der Offense. „Die Strafen – das müssen wir schnellstens korrigieren“, so Arians. „Im ersten Play des Spiels shiftet die Defense und wir laufen ins Offside. Wir laufen nicht einmal ein Play und sind Offside. Diese Dummheit muss aufhören, wenn wir irgendwo hin wollen.“ Dabei nahm sich der Coach selbst nicht in Schutz. „All das hat nichts mit Fähigkeiten zu tun“, so der 69-Jährige. „Es geht darum, ein kluges Football-Team zu sein. Wir sind ein sehr dummes Team. Und das liegt auch am Coaching.“

Doch selbst ohne Strafen ist bei den Bucs derzeit der Wurm drin. Gegen die schlechteste Pass-Defense der NFC laut Football Outsiders DVOA-Rating (defense-adjusted value over average) brachte Brady nur zwei Pässe über 15 Yards an. Bereits gegen die Saints waren es nur drei solcher Bälle – eindeutig zu wenig für eine Offense, die sich auch über den Deep-Ball definiert. Antonio Brown, bis zu seiner Verletzung der beste Pass-Catcher der Franchise, fehlt derzeit an allen Ecken und Enden. Und auch Rob Gronkowski wird als verlässliche Anspielstation in der Redzone schmerzlich vermisst.

Und damit wären wir auch schon bei der zweiten Problematik, einer, gegen die Tampa Bay nicht wirklich etwas unternehmen kann: Verletzungen, vor allem in der Defense. Am Sonntag verloren die Bucs neben den zahlreichen verletzen Passverteidigern nun auch noch Standout-Defender Vita Vea, der quasi der alleinige Grund war, warum Teams gegen die Bucs oft komplett auf das Laufspiel verzichteten. Die Bucs-Defense hat über die letzten zwei Spiele 65 Punkte kassiert und es wird immer deutlicher, dass die Unit einfach nicht vom Feld kommt. Das beste Beispiel war Washingtons 19-Play-Drive im letzten Viertel, der fast die komplette Zeit von der Uhr nahm und mit einem kurzen Rushing-Touchdown alle Comeback-Hoffnungen zerstörte.

Die Giants als Aufbaugegner zur rechten Zeit?


Ein sichtlich angefressener Brady sagte nach dem Spiel: „Es ist uninteressant, gegen wen du spielst, wenn du so viele Fehler machst. Wir haben zu keinem Zeitpunkt eine gute Partie gespielt. Wir müssen raus gehen und die Plays machen, die uns die Defense gibt.“ Angesprochen auf seine weitere beiden Interceptions antwortete der 44-Jährige säuerlich: „Wir haben mit dem Ball angefangen, sie hatten ihn am Ende.“ Nach nur einer Minute und 43 Sekunden war Brady wieder von der Pressekonferenz verschwunden – sein alter Coach wäre stolz auf ihn gewesen.


Mit den New York Giants wartet am Montagabend (2.15 Uhr) nun ein alter Bekannter auf Brady, der ja seine eigene Geschichte mit den G-Men hat. Es ist ein weiteres Spiel, das Tampa Bay rein auf dem Papier deutlich dominieren sollte, doch derzeit ist in der NFL wohl nichts klar. Für die Bucs ist es dennoch eine willkommene Gelegenheit, der Liga zu zeigen: Wir sind auch noch da! Sollte das Spiel gegen Daniel Jones und Co. aber erneut in die Hose gehen, ist selbst die eigene Division wieder in Gefahr.

Daniel Wolf

Daniel Wolf hat Sportjournalismus an der Hochschule Ansbach studiert und dort seine Leidenschaft für das „richtige“ Football entdeckt. Ist seit Andrew Lucks Mega-Playoff-Comeback gegen die Kansas City Chiefs lautstarker Supporter der Indianapolis Colts. Schreibt seit 2018 für TOUCHDOWN24, hauptsächlich im Bereich NFL. Stolzer Vize-Meister der TOUCHDOWN24-Fantasy-Liga.
Nach Oben