Anmelden



- Werbung -

Sind moderne NFL-Runningbacks unterbezahlt?

Jonathan Taylor von den Colts gehört zu den besten Runningbacks der NFL. Jonathan Taylor von den Colts gehört zu den besten Runningbacks der NFL. Imago Images / Icon SMI / Michael Allio
Michael Carter von den New York Jets sprach in der vergangenen Woche das aus, was viele seiner NFL-Positionskollegen schon seit Jahren denken: Runningbacks bekommen immer weniger vom großen Geldkuchen ab und finden das ob der physischen Marter, welche sie erfahren, nicht gerade gerecht. Auch wenn jeder weiß, dass die NFL mittlerweile eben eine Passing League geworden ist, so können Carters Aussagen doch Anlass sein für eine durchaus kontroverse Diskussion!

Er hat keine besonders laute Stimme, ist vielen NFL-Fans vielleicht nicht einmal unbedingt ein Begriff und steht gerade erst am Anfang seiner Profikarriere. Michael Carter von den New York Jets sorgte dennoch in der vergangenen Woche für Schlagzeilen, als er in einer Pressekonferenz darauf hinwies, dass viele seiner Runningback-Kollegen in der großen National Football League unterbezahlt sind. Alle VWL-Erstsemester, Fans von Ludwig Erhard und neoliberale Marktfreunde, denen die Erklärung einer freien Marktwirtschaft und des Zusammenspiels von Angebot und Nachfrage auf den Zungen brennt, bitte einmal tief durchatmen! Hören wir doch erst einmal, was der junge Carter genau gesagt hat.



"Wenn man sagt, dass man Runningbacks als Runningbacks bezahlt, dann heftet man ihnen einen Stempel an und man sollte darüber nachdenken, sie als Offensivwaffen zu bezahlen", erklärte der 23-Jährige beim Sommercamp der Jets. "Davante Adams bekommt um die 100 Millionen oder so und Aaron Jones in etwa die Hälfte. Ich will niemandem etwas vom Geld vorschreiben oder wegnehmen und verstehe, dass es einen Markt gibt, der Verträge diktiert. Aber wenn Tyreek Hill oder Stefon Diggs Wertschätzung erfahren, dann sollte das auch für Jungs wie Derrick Henry oder Jonathan Taylor gelten, die super wichtig für ihre Teams sind. Sie sollten auch größere Verträge bekommen."

Die schwindende Bedeutung der NFL-Runningbacks

Die allgemeine öffentliche Meinung, dass gerade in der heutigen Zeit Runningbacks in der NFL ersetzbar wären, teilt Carter ebenfalls nicht. "Ich finde es nicht gerecht, dass so zu formulieren", so der Jets-Runner, der in diesem Jahr mit Rookie Breece Hall eines der vielversprechendsten jungen Backfields der AFC bilden könnte. "Man ersetzt Spieler wie Alvin Kamara nicht einfach. Man ersetzt auch einen Christian McCaffrey nicht einfach, wenn sie so viel für die Mannschaft tun. Das ist kein Vorwurf an ihre Backups, viele von ihnen sind Freunde von mir, aber die Stars haben einfach eine sehr große Bedeutung."

Zunächst einmal bleibt festzuhalten, dass Carter sein Argument für einen jungen Spieler wirklich schlüssig, respektvoll und auf vernünftige Art und Weise formulierte, was in Zeiten von kryptischen Social Media Ankündigungen und zeitweise nicht zu deutendem Kauderwelsch verteilt auf 280 Zeichen in jeglichen Bereichen des Lebens leider als erfrischend erachtet werden muss. Was aber natürlich trotzdem bleibt, sind zwei große Fragen: Hat Carter Recht und wenn ja, kann sich wirklich etwas ändern?

Von jener Ebene einmal abgesehen, welche hohe Sportgehälter im Vergleich zu den mittlerweile überall bekannten systemrelevanten Jobs in Frage stellen könnte, ist Carter durchaus nah an den Fakten. Jeder weiß, dass Runningbacks in der heutigen NFL nicht mehr den Stellenwert genießen, den sie vor vielen Jahren einmal hatten. Das Spiel hat sich geändert, die Anforderungen ebenso, Bälle fliegen weit mehr als sie getragen werden und da entwickeln sich die Saläre verschiedener Positionen natürlich auch in unterschiedlichem Maße. Die großen Linebacker-Büffel, deren größte Stärke in der physischen Laufverteidigung lag, können davon ein trauriges Lied singen.

Das wohl höchste Verletzungsrisiko in der NFL

Ein Stück weit haben – und darauf zielt ein wichtiger Teil von Carters Argument auch ab – die Läufer der NFL diese Evolution mitgemacht. Spielertypen wie Alvin Kamara oder Christian McCaffrey sind längst nicht mehr "nur" Läufer, sie sind tatsächlich offensive Maschinen, die mehr Funktionen als ein Schweizer Taschenmesser mitbringen. Von der Pass Protection bis zum Catch Radius eines Receivers, in der Breite waren die Anforderungen an Runningbacks noch nie so hoch, selbst wenn es auch früher starke Receiving Backs gab. Eindimensionalität oder Spezialistentum sind aber längst ausgestorben und damit muss man moderne Läufer natürlich auch neu bewerten.



Dies findet an der Schreibtischen der Ligaelite auch auf ganz nüchterne Art und Weise statt, so sehr das in Bezug auf Menschen auch nach Viehhandel klingen mag: Teams bewerten, was sie aus einem Spieler herausholen können, diesem geben sie einen monetären Wert und danach handeln sie dann mit einem Auge auf den Salary Cap. Und da sieht es eben für heutige Runningbacks einfach düster aus. Das Verhältnis von spät zu früh gedrafteten Backs verlangt nicht unbedingt nach hohen Investitionen im NFL-Draft, immer wieder erwiesen sich teure Runningback-Deals als Rohrkrepierer und die sportliche "Lebensdauer" eines NFL-Runningbacks ist letztendlich von ganz entscheidender Bedeutung.

Runningbacks stecken in der NFL ohne Ende ein

Kaum eine Position erlebt aufgrund der enormen Anzahl an Hits, die man auf ihr einstecken muss, einen so schnellen körperlichen Verschleiß wie jene des Runningbacks. Carter nannte einige Top-Stars, die von ihren Fähigkeiten durchaus vielleicht Receiver-ähnliche Deals in Anspruch nehmen sollten. Aber eine Tatsache ist dabei, dass Christian McCaffrey in den letzten zwei Jahren nur zehn Spiele machte, Ezekiel Elliott über denselben Zeitraum eher ineffektiv war ohne seine Top-Offensive-Line der Vergangenheit und dass ein Dalvin Cook noch nicht einmal in seiner beeindruckenden Karriere die volle Anzahl an Saisonspielen gemacht hat. Es gibt sogar Stimmen, die sagen, dass Runningbacks nur während ihres Rookie-Vertrages im Vollbesitz ihres physischen Schaffens sein können. Dazu sind sie wie kaum eine andere von einer anderen Gruppe Spieler in Form der Offensive Line abhängig, zumindest all jene, die nicht gerade Barry Sanders heißen.

Der Fluch der Runningbacks ist ein Teil davon, was ihre Position wirklich heroisch macht. Es hat etwas martialisches, etwas brutales, wenn ein Spieler in eine Wand aus Körper hineinstürzt und sich aufopfert, erst recht in einem Spiel, das gerade jenen Mut über vielem anderen schätzt. Gleichwohl hören sie seit Jahren, dass sie austauschbar oder nicht mehr zeitgemäß sind, manchmal sogar weniger wert, eine Formulierung, die in jedem von uns einen Nerv treffen würde. Bedenkt man dann noch die gewisse Arroganz, mit der manchmal über den Beitrag von Runningbacks geredet wird, ist das Gefühl, welches Carter wie schon viele seiner Kollegen vor ihm in Worte fasste, mehr als nur verständlich.

In Sachen monetärer Entschädigung diktieren aber eben andere Dinge den Markt, es kann nicht jeder in gleichem Maße vergütet werden. In vielen Fällen und beim Vergleich der Verträge von Christian Kirk und Derrick Henry ist das natürlich nicht immer fair, letztendlich äußern sich aber eben hier auch harte Realitäten des Spiels an sich. Es bedürfte zahlreicherer Beispiele an Runningback-Verträgen, welche sich für die Teams wirklich gelohnt haben und das nicht nur für eine oder zwei Spielzeiten, sondern für länger. Andernfalls dürfte es schwer werden, mit den Receivern der Liga mitzuhalten, was an der Tatsache aber wohl auch nichts ändert, dass die Dinge sind, wie sie sind und dass sich die Runningbacks in Zukunft wohl weiterhin mit einem gewissen Ungleichgewicht in Sachen Verdienst begnügen müssen.
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

Nach Oben