HEFT #53

Ausgabe JANUAR 2022

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Plötzlich Playoff-Anwärter: Dolphins surfen auf Erfolgswelle

Jaylen Waddle und die Miami Dolphins surfen derzeit auf einer Erfolgswelle. Jaylen Waddle und die Miami Dolphins surfen derzeit auf einer Erfolgswelle. IMAGO / ZUMA Wire
Es ist der verrückteste Turnaround in dieser Saison: Die Miami Dolphins, vor wenigen Wochen noch Kandidat auf einen Top-5-Pick im Draft, sind nach einer Siegesserie von sieben Spielen in Folge plötzlich mitten drin im Playoff-Rennen der AFC und haben ihr Schicksal in der eigenen Hand. Kann die Franchise auf dem Rücken einer starken Defense weiter für Furore sorgen? Alles dazu in unserem Spotlight für Week 17.


Es ist nur knapp zwei Monate her, da herrschte Land unter bei den Miami Dolphins. Die fünfte Saisonpleite im sechsten Spiel gegen die harmlosen Jacksonville Jaguars in London schien das Ende aller Playoff-Ambitionen für ein Team zu bedeuten, das vor der Saison noch davon gesprochen hatte, 2021 endlich den nächsten Schritt nach vorne zu machen. Auf die peinliche Pleite an der Themse folgten zwei weitere bescheidene Auftritte, Miami fiel auf eine Bilanz von nur einem Sieg bei sieben Niederlagen ab.

Die Playoffs? Längst keine Diskussion mehr. Es ging um die Jobs von Head Coach Brian Flores und General Manager Chris Grier, dem viele Fans nicht nur seine Fehlgriffe in der Offensive Line, sondern vor allem seine andauernde Liebelei mit Texans-Quarterback Deshaun Watson vorwarfen. Viele Quellen rund um Miami glauben, das Watson-Drama habe einen nicht unerheblichen Einfluss auf den verkorksten Start des Teams gehabt – und insbesondere auf die Leistung von Starting-Quarterback Tua Tagovailoa.

„Wir haben einfach weitergekämpft“


Zwei Monate später sind diese Anschuldigungen fast vergessen. Der dominante 20:3-Erfolg gegen die New Orleans Saints am Montagabend war bereits der siebte Erfolg in Serie für die Franchise. Damit ist Miami das erste Team in der Geschichte der NFL, das in einer Saison sowohl sieben Spielen in Folge verloren als auch gewonnen hat. Noch wichtiger ist aber, dass die Dolphins dank der Patzer der Konkurrenz auf den siebten und letzten Playoff-Spot in der AFC springen. Miami hat sein Schicksal nun in der eigenen Hand: Zwei Siege in den verbleibenden Spielen gegen Tennessee (So., 19 Uhr) und New England und die Delfine stehen in der Postseason – ein unglaublicher Turnaround.

„Ich denke, das hat uns eine Menge gezeigt“, so Flores nach dem Sieg über New Orleans angesprochen auf die Niederlagenserie früh in der Saison. „Es zeigt den Charakter, den die Jungs in diesem Locker Room haben. Sie haben einfach weitergekämpft.“ Zwar haben die Dolphins während ihrer jüngsten Erfolgsserie nur gegen ein einziges Team mit einer positiven Bilanz gespielt (die Ravens in Woche 10), doch Flores hat recht: Es zeigt eine Menge Charakter, nach einem derartigen Fehlstart in die Saison nicht den Glauben komplett zu verlieren. Völlig unabhängig davon, wer am Wochenende als Gegner auf dem Rasen steht.

Am Montag war das ein extrem dezimiertes Saints-Team, dem über 20 Spieler aufgrund von Corona fehlten und das mit seinem vierten Quarterback antrat, der anstelle eines richtigen Playbooks nur eine Art Spickzettel hatte. Dennoch: Für beide Teams ging es diesem Spiel um alles, nämlich darum, die eigenen Playoff-Ambitionen am Leben zu halten. Und die Indianapolis Colts haben erst wenige Tage zuvor gezeigt, dass man auch mit einem Team voller Backups in der NFL gewinnen kann. Miami sollte dieses Spiel gewinnen und sie taten es auch. Mehr kann man nicht erwarten.

Physische Defense als Erfolgsbringer


Die Gründe für die plötzliche Trendumkehr liegen vor allem auf der defensiven Seite des Balles, wo mit Safety Jevon Holland und Pass-Rusher Jaelan Phillips gleich zwei Rookies in ihrer Debütsaison einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Miami spielt defensiv seit einigen Wochen sehr physischen Football, was von Flores ausdrücklich so gewollt ist. „Wir haben uns einfach vorgenommen, mehr wie letztes Jahr zu spielen“, so Superstar-Corner Xavien Howard vor kurzem. Das bedeute: Mehr Druck auf den gegnerischen Quarterback und dem Gegner das eigene Spiel aufzwingen.


Wie das aussehen soll, zeigte Miami am Montagabend gegen einen bemitleidenswerten Ian Book, der gegen den furiosen Ansturm der Dolphins-Line gleich achtmal zu Boden ging. Diese Dolphins-Defense hat enormes Talent, es tummeln sich gleich mehrere hohe Draftpicks wie Holland, Christian Wilkins oder Raekwon Davis im Team. Ausschlaggebend für den defensiven Umbruch ist aber der Einsatz, mit dem die Unit Woche für Woche spielt. Die Dolphins haben eine Handvoll von Spielern, die Plays einfach nicht aufgeben – angeführt von Rookie Phillips, für den das Draft-Attribut „Motor“ wohl erfunden wurde.

„Daran, wie er hinter dem Ball herläuft, kann man immer sehen, wie sehr ein Spieler für sein Team spielt“, so Phillips. „Du tust alles, wozu du physisch in der Lage bist, um an den Ball zu kommen. Das ist eine Einstellung. Für mich ist jeder ein Feigling, der das nicht tut.“ Diese Selbstlosigkeit ist es, die dazu geführt hat, dass Miami defensiv endlich wie ein Team auftritt. Die Zahlen sprechen für sich: Seit Woche 9 führen die Dolphins die Liga in Sacks an, sind das beste Team in der Red-Zone und liegen in Sachen Total und Scoring Defense auf Platz 2 respektive 3.

Ist Miami ein Contender?


Tatsache ist aber auch, dass Miami Woche für Woche dominante Auftritte von der eigenen Defense benötigt, da die Offense schlicht noch nicht so weit ist. Tua ist nach seinen Verletzungsproblemen zur Saisonmitte zwar endlich wieder fit, doch er tut sich hinter einer schwachen Offensive Line schwer, Punkte aufs Board zu bringen. Der Shift von Austin Jackson auf die Guard-Position hat hier etwas geholfen, die Rückkehr von Center Michael Deiter ebenfalls. Dennoch bleibt die O-Line und die Offense allgemein ein Sorgenkind.

Das fällt in Spielen gegen auf dem Papier schwächere Teams nicht weiter ins Gewicht, da die Defense der Dolphins meistens ausreicht, um einen Sieg einzutüten – wie gegen die Saints gesehen. In den kommenden Partien geht es für Miami aber ausschließlich gegen Playoff-Anwärter. Die Titans und Patriots werden Punkte aufs Board bringen, genau wie jeder potenzielle Playoff-Gegner. Können Tua und die Offense hier genug dagegen halten?

Hinzu kommen die gestiegenen Erwartungen. Die Spiele bedeuten mehr, da jeder Auftritt der letzte sein kann. Miami hat sein Schicksal nun in der eigenen Hand - das ist eine ganz andere Art von Druck, wie ihn das Team gewohnt ist. Die Spieler müssen zeigen, dass sie auch mit solchen Situationen umgehen können. In gewisser Weise startet die Saison für Miami in Woche 17 neu. Ausgang unbekannt.



Daniel Wolf

Daniel Wolf hat Sportjournalismus an der Hochschule Ansbach studiert und dort seine Leidenschaft für das „richtige“ Football entdeckt. Ist seit Andrew Lucks Mega-Playoff-Comeback gegen die Kansas City Chiefs lautstarker Supporter der Indianapolis Colts. Schreibt seit 2018 für TOUCHDOWN24, hauptsächlich im Bereich NFL. Stolzer Vize-Meister der TOUCHDOWN24-Fantasy-Liga.
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