HEFT #50

Ausgabe OKTOBER 2021

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Overtime – Welchen Impact haben diese Last-Minute-Trades?

Die Minshew Mania gibt es jetzt in Philadelphia zu bestaunen. Die Minshew Mania gibt es jetzt in Philadelphia zu bestaunen. IMAGO / Icon SMI
Während der Fokus der NFL zwei Tage vor dem Eröffnungsspiel zwischen Super-Bowl-Champion Tampa Bay und den Dallas Cowboys langsam Richtung Regular Season rückt, wollen wir bei TOUCHDOWN24 noch einmal einen Blick auf drei Trades werfen, die im Preseason-Trubel der letzten Tage und Wochen ein wenig untergegangen sind oder die zumindest nicht die Beachtung bekommen haben, die sie verdienen. Allen voran steht der Trade der Eagles für Quarterback Gardner Minshew, der sich zu einem echten Steal entwickeln könnte.

Minshew zu den Eagles: Wenig Risiko, großes Potenzial


Es ist für mich einer der am meisten unterschätzten Trades der Offseason: Die Philadelphia Eagles haben sich kurz vor Saisonbeginn die Dienste von Gardner Minshew gesichert. Der Quarterback kommt für einen konditionellen Sechstrundenpick, der ein Fünftrundenpick werden kann, falls Minshew in mindestens drei Spielen mehr als 50 Prozent der Snaps absolviert, aus Jacksonville in die Stadt der brüderlichen Liebe. Der Move war bis zu einem gewissen Grad eine Reaktion auf die schwache Preseason von Eagles-Backup Nick Mullens, den Philly im Zuge des Trades für Minshew entließ.

Minshew, letztes Jahr noch Starter bei den Jaguars, soll nun neuer Backup des designierten Starters Jalen Hurts werden und ist damit einer der besten Backups der Liga. Noch vor zwei Jahren nahm Minshew, bekannt für seinen eindrucksvollen Schnauzer und die Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Jon Gries, die Liga im Sturm, gewann als Rookie sechs seiner zwölf Starts und kam dabei auf über 3.000 Passing-Yards und 21 Touchdowns. Die „Minshew Mania“ nahm ihren Lauf und brachte die Jaguars dazu, den eigentlichen Starter Nick Foles, erst kurz zuvor aus Philadelphia gekommen, nach Chicago zu traden.


Was folgte, war eine für die Jaguars auf Team-Ebene extrem enttäuschende 2020er-Saison, in der Minshew seine Leistungen aber durchaus bestätigen konnte. Er kam bis zu seiner Verletzung in sieben Spielen auf eine Bilanz von 16 Touchdowns bei fünf Interceptions und konnte seine Completion-Percentage um fast fünf Prozentpunkte steigern. Doch mit der Ankunft des neuen Hoffnungsträgers Trevor Lawrence geriet Minshew in Vergessenheit. Um die Dinge für den 25-Jährigen noch schlimmer zu machen, wurde er in der Preseason auch noch von Backup-Konkurrent C.J. Beathard outplayed, was schließlich den Weg für einen Trade freimachte – auch, weil Minshew sich selbst immer noch als Starter sieht und diese Chance in Jacksonville auf absehbare Zeit nicht bekommen wird.

In Philadelphia muss sich Minshew zwar nun ebenfalls erst einmal hinter Hurts anstellen, doch sollte der Sophomore als Passer keine deutliche Leistungssteigerung zum Vorjahr zeigen, ist es für mich nicht ausgeschlossen, dass Minshew im Laufe des Jahres eine Chance bekommt, sich als Starter zu beweisen. Für den Preis eines Sechstrundenpicks und eines günstigen Rookie-Vertrags erhalten die Eagles somit einen erstklassigen Backup mit bereits bewiesenen Leader-Fähigkeiten und Starter-Potenzial. Und sollten sowohl Hurts als auch Minshew nicht das Zeug zum Franchise-Quarterback haben, kann Philly immer noch im 2022er-Draft Ausschau halten. Für mich alles in allem ein erstklassiger Move von General Manager Howie Roseman.

Michel zu den Rams: Mehr als ein einjähriger Abstecher?


Die Verpflichtung von Michel, der aus New England nach Los Angeles kam, ist eine direkte Reaktion auf die Verletzung von Star-Runningback Cam Akers, der mit einer Achillessehnenverletzung die komplette Saison ausfällt. Zwar betonte der Coaching-Staff um Head Coach Sean McVay mehrfach, mit der Tiefe der Runningback-Rotation zufrieden zu sein, aber die Chance auf Michel wollte sich die Franchise nicht entgehen lassen.

Michel kam laut ESPNs Adam Schefter für einen Fünft- und Sechstrundenpick nach LA, wobei sich diese beiden Picks auch noch zu einem kompensatorischen Viertrundenpick umwandeln können, falls die Rams letzteren für John Johnson III bekommen, der mittlerweile in Cleveland spielt. Michel ist zwar selbst noch kein alter Hase und doch der erfahrenste Runner aus einer Gruppe, die sich nun aus Darrell Henderson Jr., Xavier Jones, Jake Funk und eben Michel zusammensetzt.

Trotz Michels Resümee sollte aber Henderson nach wie vor als Starter gesehen werden. Der Trade für Michel zeigt eher einmal mehr, dass sich McVay und Co. nicht sicher sind, wie viel Last sie auf die Schultern des 24-Jährigen legen wollen. Henderson gilt als verletzungsanfällig, der Move für Michel sollte dafür sorgen, dass Henderson auch noch im Januar frisch ist, wenn es für die Rams womöglich um einen tiefen Playoff-Run geht.

In Los Angeles ist Michel mit seinem alten Georgia-Runningback-Coach Thomas Brown wiedervereint, den McVay bereits mehrfach im Verlauf der Vorbereitung positiv herausgehoben hat. Das dürfte in der Entscheidungsfindung der Franchise ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Für Michel selbst sind die Rams die optimale Chance, um noch einmal zu zeigen, dass seine Beine noch lange nicht leer sind. Michel wird nach dieser Saison Free Agent - er hat also alle Karten selbst in der Hand, sich für weitere Spielzeiten im Jersey der Rams zu empfehlen.

Shaq Lawson zu den Jets: Ein perfektes Match?


Als Lawson vor einigen Tagen die Nachricht erfuhr, dass er zu den New York Jets getradet wird, hätte er nicht glücklicher sein können: „Ich weiß, welchen Coach sie da oben haben“, so Lawson. „Ich denke, meine Energie auf dem Feld passt zu seiner. Ich denke, er gibt mir die Chance, ich selbst zu sein.“ Der Coach, von dem Lawson sprach, ist natürlich der neue Jets-Head-Coach Robert Saleh, letztes Jahr noch Defensive Coordinator in San Francisco, der bereits bei den Niners eine teilweise furchterregende Defense bildete.

Die Jets sendeten am vergangenen Samstag einen Sechstrundenpick nach Houston, um sich die Dienste von Lawson zu sichern. Lawson geht 2021 in seine vierte Saison und hat noch keine Spielzeit mit mehr als vier Sacks beendet. Warum also ist der Trade eine Erwähnung wert? Nun, der 27-Jährige galt nach seiner Zeit auf dem College bei Clemson als riesiges Talent, konnte sein gesamtes Potenzial bis dato aber noch nicht auf den Rasen bringen. Bei den Jets könnte er nun endlich seinen Breakout feiern.

Das hat gleich zwei Gründe: Zum einen Saleh, der bereits bei den 49ers gezeigt hat, dass er das meiste aus talentierten Edge-Rushern herausholen kann. Und zum anderen die Tatsache, dass Lawson im Zuge der Verletzungen von Namensvetter Carl Lawson und Vinny Curry von Beginn an viele Chancen auf dem Feld haben wird. Es könnte ein perfektes Match für beide Seiten werden: Für die Jets, die dringend eine neue Edge-Präsenz benötigten, und für Lawson selbst, der New York als Sprungbrett für seine Karriere nutzen könnte.

Daniel Wolf

Daniel Wolf hat Sportjournalismus an der Hochschule Ansbach studiert und dort seine Leidenschaft für das „richtige“ Football entdeckt. Ist seit Andrew Lucks Mega-Playoff-Comeback gegen die Kansas City Chiefs lautstarker Supporter der Indianapolis Colts. Schreibt seit 2018 für TOUCHDOWN24, hauptsächlich im Bereich NFL. Stolzer Vize-Meister der TOUCHDOWN24-Fantasy-Liga.
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