Julio Jones in einem Falcons-Jersey - von diesem Bild müssen wir uns verabschieden. Julio Jones in einem Falcons-Jersey - von diesem Bild müssen wir uns verabschieden. IMAGO / Icon SMI

Overtime – Die Bedeutung des Jones-Trades

geschrieben/veröffentlicht von/durch  08.06.2021
Eines der am meisten diskutierten Themen der vergangenen Wochen ist endgültig vom Tisch. Star-Receiver Julio Jones verlässt die Atlanta Falcons und schließt sich den Tennessee Titans an. Die Falcons bekommen dafür einen Zweitrundenpick im Jahr 2022 und einen Viertrundenpick im Jahr 2023, die Titans erhalten einen Sechstrundenpick im Jahr 2023 zurück. Das berichtete zunächst NFL-Insider Ian Rapoport, mittlerweile haben es beide Teams bestätigt. Es ist ein Deal, der für beide Seiten Sinn ergibt – am Ende des Tages aber nur einen klaren Gewinner hat.


6,50 € inkl. MwSt. TD24 Heft 47 - JUL 2021 Noch 119 vorhanden Zum Produkt

Julio Jones hat seinen Wunsch bekommen. Nachdem der 32-Jährige über mehrere Wochen einen Trade forciert hatte, gab Atlanta den Forderungen seines Star-Spielers nach und akzeptierte das Angebot der Titans. Wochenlang versuchten die Falcons Medienberichten zufolge, einen Erstrundenpick für Jones herauszuschlagen, letztlich waren die Mühen aber vergeblich.

Das bedeutet der Jones-Trade für die Titans


Für die Titans, die sich in einem „Win-Now“-Fenster befinden, ist der Deal ein absoluter Steal. Mit Jones bekommt Tennessee einen etablierten Superstar, der sich vielleicht nicht mehr in seiner Prime befindet, aber – Gesundheit vorausgesetzt – nach wie vor einen Unterschied machen kann. Ja, Jones' Zahlen sind in den letzten Jahren abgefallen, er ist bereits 32 Jahre alt und er kostet Tennessee 2021 eine Menge gegen den Cap (ca. 23 Mio. Dollar) – all das in einem Jahr, in dem die finanzielle Situation der meisten Teams wegen der Corona-Pandemie sowieso eng ist.

Dennoch: Die größte Schwäche im offensiv sonst sehr gut besetzten Roster der Titans war die Receiver-Position. Nach den Abgängen von Corey Davis (Jets) und Jonnu Smith (Patriots) in der Free Agency kann Jones nun die 1A- oder 1B-Rolle auf der anderen Seite von A.J. Brown einnehmen. Brown, der damit mit einem seiner großen Vorbilder zusammenspielen wird, und Jones geben Quarterback Ryan Tannehill ein elitäres Receiving-Duo und werden bereits jetzt für Sorgenfalten auf den Gesichtern der Colts-, Jaguars- und Texans-Fans sorgen.

Denn wenn Jones auf dem Feld steht, was zugegebenermaßen 2020 ein Problem war, ist er nach wie vor ein Top-10-Receiver. Laut Pro Football Focus (PFF) wandelte Jones im Vorjahr 35 Prozent seiner Targets in Raumgewinne von mehr als 15 Yards um – sechs Prozent mehr als jeder andere Wideout mit mindestens 50 Targets. In den fünf Jahren zuvor fing Jones laut PFF 225 Pässe, die für mehr als 15 Yards gingen – das sind 50 mehr als jeder andere Receiver. In der Statistik „Yards per Route run“, meiner Meinung nach einer der besten Stats für WR-Production, zählt Jones bereits seit Jahren zur Creme de la Creme.

Wer soll diese Titans-Offense verteidigen?


Schematisch gefällt mir die Verpflichtung von Jones aus Titans-Sicht daher sehr gut, da Tannehill über die letzten beiden Jahre gezeigt hat, dass er über einen starken Deep-Ball verfügt und auch keine Angst davor hat, den Ball tief zu werfen (Depth of Target von 9,3 in diesem Zeitraum laut PFF, Platz 5 ligaweit). Das einzige Problem war die niedrige Frequenz, mit der die Titans – gerade bei Early Downs – tief warfen.

Ich habe bereits im Vorjahr dafür plädiert, dass die Titans mehr Shots auf Early Downs nehmen sollten, da sich Defenses (teilweise zu) stark auf Derrick Henry konzentrierten. Mit Browns und Jones hat Tennessee jetzt zwei Waffen, die es ausnutzen werden, wenn Defenses versuchen, die Box voll zu stellen, um den „menschlichen Panzer“ im Backfield zu stoppen. Es wird für Verteidiger ein wenig „Pick your own Poison“ sein: Entweder die Box voll stellen und riskieren, dass Brown und Jones die Secondary auseinander nehmen. Oder die tiefen Pässe wegnehmen, dafür aber Henry mehr Platz geben.

Die Titans waren meiner Meinung nach ein Team, das nur eine weitere Waffe in der Offensive davon entfernt war, zu den Super-Bowl-Contendern in der AFC zu zählen – auch wenn wir noch nicht wissen, wie die runderneuerte Defense auftreten wird. Einen Receiver vom Kaliber wie Jones zu holen und dabei „nur“ einen Zweitrundenpick und einen Late-Round-Swap an Picks auszugeben, war für Tennessee daher ein absoluter No-Brainer. Die Titans müssen Stand heute als Favorit in der AFC South gesehen werden.

Das bedeutet der Jones-Trade für die Falcons


Auf der Seite der Falcons ist die Lage ein wenig komplizierter, da sich Atlanta für mich zwischen zwei Fenstern bewegt. Einerseits wollen die Falcons in ihren vermutlich letzten Jahren mit Matt Ryan als Quarterback nochmals angreifen, andererseits will man in einem "Win-Now"-Modus nicht unbedingt seinen besten Receiver wegtraden – das spricht dann doch eher für einen Rebuild. Doch wie gesagt, die Lage war kompliziert und das lag an mehreren Dingen.

Zunächst einmal an der Tatsache, dass es bereits im Vorjahr klar war, dass es für Atlanta schwer werden würde, Jones und Ryan – beide mit üppigen Verträgen ausgestattet – zu halten, ohne die Verträge nochmals neu zu strukturieren und noch mehr Dead Money auf künftige Jahre zu schieben. Das war eine Strategie, die Owner Arthur Blank unter anderem dazu gezwungen hatte, in der Mitte der 2020er-Saison neben Head Coach Dan Quinn auch General Manager Thomas Dimitroff zu entlassen – kein Wunder, dass der neue GM Terry Fontenot hier erst einmal ordentlich gegengesteuert hat.

Zweitens gibt es eben nicht viel, das ein General Manager tun kann, wenn sein Star-Spieler einen Trade forciert und seine Forderungen dann auch noch, bewusst oder nicht, im Live-Fernsehen ausplaudert. Kurzfristig gesehen ist der Move daher zwar eine klare Schwächung für etwaige Playoff-Ambitionen der Franchise, langfristig kann sich aber auch Atlanta nicht beschweren. Sie haben zwei wertvolle Draft-Picks erhalten und nebenbei knapp 15 Millionen Dollar an Cap-Space für dieses Jahr und 4 Millionen für nächstes Jahr freigemacht.

Kurzfristiger Verlust für langfristige Flexibilität


Das erlaubt es den Falcons, endlich ihre Draft-Klasse dieses Jahres unter Vertrag zu nehmen und gibt ihnen zusätzliche Flexibilität auf dem Free-Agent-Markt, was sich gerade zur Trade-Deadline hin immer auszahlen kann. Nehmen wir einmal an, die Falcons zählen trotz des Jones-Abgangs zu den Contendern. Dann sind sie nun eines der wenigen Teams, das einen begehrten Spieler bei einem „tankenden“ Team aus finanzieller Sicht aufnehmen könnte. Deswegen sollten Falcons-Fan den Abgang Jones' nicht zwingend als Verlust betrachten. Sowohl die Titans als auch die Falcons haben Value bekommen, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise.

Dennoch: Der Abgang des Fan-Lieblings wird sportlich eine massive Lücke hinterlassen, da müssen wir uns nichts vormachen. Mit Calvin Ridley und Erstrundenpick Kyle Pitts hat Atlanta zwar nach wie vor zwei erstklassige Anspielstationen, doch die Offense und vor allem Ryan haben sich traditionell schwergetan, wenn ihr Alpha-Receiver nicht auf dem Feld stand. Ridley und Pitts müssen hier erst noch den Beweis antreten, dass sie das Receiving-Corps alleine tragen können – die Verpflichtung von Head Coach Arthur Smith, letztes Jahr noch Offensive Coordinator in Tennessee, stimmt mich aber zuversichtlich.

Und selbst, wenn die Falcons-Offense einen größeren Dropoff hinlegt, als ich es Stand jetzt erwarten würde, wären die Falcons 2022 in einer Position, einen Quarterback wie Spencer Rattler früh zu picken, um den Umbruch langsam einzuleiten. Alles in allem ist es zwar keine grandiose Lösung für die Falcons, ihren Superstar zu traden, aber angesichts der Umstände war es der einzige, logische Move.

Daniel Wolf

Daniel Wolf hat Sportjournalismus an der Hochschule Ansbach studiert und dort seine Leidenschaft für das „richtige“ Football entdeckt. Ist seit Andrew Lucks Mega-Playoff-Comeback gegen die Kansas City Chiefs lautstarker Supporter der Indianapolis Colts. Schreibt seit 2018 für TOUCHDOWN24, hauptsächlich im Bereich NFL. Stolzer Vize-Meister der TOUCHDOWN24-Fantasy-Liga.

TOUCHDOWN24 im Abo

td24 abo 300x300

Anzeige

Händler finden