HEFT #51

Ausgabe NOVEMBER 2021

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NFL-Elite oder Mittelfeld? Die Seahawks empfangen die Rams

Russell Wilson und Matthew Stafford treffen bei Thursday Night Football das erste Mal in der NFC West aufeinander. Russell Wilson und Matthew Stafford treffen bei Thursday Night Football das erste Mal in der NFC West aufeinander. Imago Images / ZUMA Wire / Collage: Touchdown24
Beim Thursday Night Football treffen sich mit den Seattle Seahawks und den Los Angeles Rams zwei Teams aus der NFC West und dementsprechend brisant kommt ihr Duell in der "kurzen" Woche auch daher. Es gilt nicht nur für beide Mannschaften, mit den bisher überragenden Arizona Cardinals in der Division Schritt zu halten, sie wollen auch mit Blick auf die gesamte NFL ihren angestrebten Contender-Status untermauern. Ein Sieg am Donnertag würde da natürlich mehr als gut tun!



Im Laufe einer NFL-Saison gibt es gewisse Zeitpunkte, an denen sich das Schicksal einer Mannschaft entscheiden kann. An denen sich herauskristallisiert, wohin in den nächsten Wochen die Reise hingeht und eventuell sogar welchen Stempel man der gesamten Spielzeit aufdrücken kann. So sieht es auch für die Seattle Seahawks und die Los Angeles Rams vor ihrem Showdown bei Thursday Night Football aus. Und auch wenn die beiden NFC West Rivalen mit unterschiedlichen Gefühlen in das Matchup gehen, so hat für beide das Spiel schon früh in der Saison in einer der vielleicht stärksten Divisions der NFL eine enorme Bedeutung.

Wie lief die letzte NFL Woche für die Rams und die Seahawks?

Die Los Angeles Rams waren in den ersten drei Wochen eines der heißesten Teams der NFL und wurden von so manchem schon als verfrühter Super-Bowl-Anwärter gefeiert, nachdem sie Tom Brady und die amtierenden Champions in Woche Drei überzeugend schlagen konnten. Dann aber kamen die Arizona Cardinals im SoFi Stadium vorbei und drehten die Temperatur der Rams in Richtung Minusbereich. Sean McVays Team tat mit ihren eigenen Ballverlusten, unkonzentrierten Momenten und vielen Ungenauigkeiten auch eine Menge dafür, dass die Cards die "City Of Angels" mit breitem Grinsen verlassen konnten. Mental schienen die Rams nach dem emotionalen Sieg gegen Tampa Bay nicht ganz auf der Höhe zu sein, was nicht bedeutet, dass ihnen die Niederlage nicht auch ein paar Hausaufgaben mit auf den Weg gibt.

Die Seahawks konnten sich dagegen am Sonntag über einen Auswärtssieg bei den San Francisco 49ers freuen und glichen ihre Bilanz bei zwei Siegen und zwei Niederlagen aus. Russell Wilson und Co. profitierten dabei von einigen Verletzungen der Niners, die unter anderem ohne gelernten Kicker antraten und in Halbzeit Zwei wegen einer Verletzung von Jimmy Garoppolo auf Rookie Trey Lance zurückgreifen mussten. Seattles bisher schwache Verteidigung machte an der Bay einen besseren Eindruck und hielt die Hawks gerade am Anfang, als sie fünf Drives lang nicht ein First Down erzielten, im Spiel. Cornerback D.J. Reed wechselte wieder auf seine angestammte rechte Seite und machte links Platz für Neu-Hawk Sidney Jones, was abgesehen von einer extremen Fehlkommunikation der gesamten Unit gut zu tun schien. Ein paar magische Momente von Russell Wilson und gute getimte Impact Plays besorgten den Rest.

Welchen Eindruck haben die Rams und die Seahawks in der Saison gemacht?

Es ist irgendwie komisch, aber obwohl die Rams mit einer deutlichen Niederlage im Gepäck in Seattle anreisen und die Seahawks frisch von einem Auswärtssieg in der eigenen Division kommen, scheint die Stimmungslage fast bei der Gastmannschaft ein wenig besser zu sein. Dies liegt nicht nur an der besseren Bilanz, insgesamt haben die Rams in der bisherigen NFL-Spielzeit im Vergleich zu Seattle einfach den gefestigteren Eindruck gemacht. Viel davon begründet sich auf ihrem beeindruckenden Sieg gegen die Buccaneers, der ligaweit für Aufsehen sorgte, und dem guten Saisonstart von Neu-Ram Matthew Stafford (elf Touchdowns, zwei Interceptions, 68,7 Prozent Passquote).



Seattle dagegen schlägt sich weiter mit enormen Problemen in der eigenen Defensive herum, kein anderes NFL Team gibt so viele Yards ab wie die Seahawks. Auch die Offense hat bisher große Probleme, einen dauerhaften Rhythmus zu finden, auch wenn sie zeitweise immer mal Dominanz versprühen. Pete Carrolls Mannen haben die schlechtesten Ballbesitzwerte der gesamten Liga und das obwohl sie sich unter ihrem neuen Offensive Coordinator Shane Waldron, Ex-Mitarbeiter von Sean McVay, noch keinen Turnover geleistet haben und ihre Run Game statistisch zu den zehn besten der Liga gehört. Die offensiven Hoffnungen fokussieren sich zumeist aber auf das Deep Passing Game mit Tyler Lockett und D.K. Metcalf, die punktuell ein Spiel immer mit einem Play drehen können, deren riesige Qualität aber bisher noch nicht in offensiver Stringenz mündet.

Gefühle und äußere Wahrnehmung beiseite, statistisch bewegen sich beide Teams in etlichen Kategorien ungefähr in ähnlichen Fahrwassern. Beide Verteidigungen rangieren im unteren Drittel der NFL und geben in etwa gleich viele Punkte ab, beide Angriffe lieben es, tief zu passen, laufen den Ball in etwa bei 42 Prozent ihrer Plays und verfügen über einen Star-Quarterback, der die Fäden in der Hand hat. Die Rams hoffen, dass ihre individuelle Qualität in der Defense zukünftig mehr durchschlagen kann (bisher nur NFL-Rang 27 bei den zugelassenen Yards) und die Unit auch unter dem neuen Koordinator Raheem Morris zu alter Stärke findet. Seattle muss mehr Konstanz in der Offense entwickeln und damit die eigene Defense entlasten.

Wie werden die Rams und Seahawks einander attackieren?

Seattle hat keine guten Erinnerungen an die letzte Begegnung der beiden Mannschaften, denn die Rams warfen die Seahawks mit 30:20 in der Wild Card Round aus den letztjährigen NFL Playoffs. Russell Wilsons Offensive erlebte dabei mit nur elf First Downs und 278 Yards an Total Offense einen Albtraum-Tag. Die Protection ist wenn überhaupt nur leicht verbessert bei den Hawks und wird gegen den Rams Pass Rush wieder auf eine harte Probe gestellt werden. Dieser hatte zwar zeitweise Schwierigkeiten, Kyler Murray letzte Woche in der Pocket zu halten, ist aber eigentlich beweglich genug, um auch mobile Signal Caller vor Probleme zu stellen. Russell Wilson wird trotzdem wohl mit sein Auge auf das ein oder andere Outlet werfen, wenn der Contain nicht stimmt.

Das Linebacking Corps der Rams fällt im Vergleich zu ihrer Defensive Line enorm ab, womit Seattle entgegen ihres eigentlichen Naturells die Tight Ends mehr ins Spiel bringen könnte. Sollte Gerald Everett, ehemals bei den Rams und zuletzt auf der Covid-Liste, wieder dabei sein, dann wäre er sicherlich eine gute Option. Die Mitte des Feldes war bei den Rams zuletzt häufig offen und es wäre nicht verwunderlich, wenn auch D.K. Metcalf sowie Tyler Lockett vermehrt innen ihre Zelte aufschlagen. Die immer mal wieder in Frage gestellte Run Defense der Rams, in der Aaron Donalds Rolle nicht selten für kontroverse Diskussionen sorgt, dürfte von Seattle ebenfalls früh getestet werden, hier haben die Seahawks bisher gute Raumgewinne mit Chris Carson und Alex Collins generieren können und vergangenen Sonntag schafften die Cardinals 216 Yards gegen L.A..



Auf der anderen Seite könnte es für Seattle schwierig werden, Matthew Stafford dauerhaft unter Druck zu setzen. Der eigene Pass Rush ist nicht nur gesundheitlich angeschlagen (Carlos Dunlap und Darrell Taylor sind nicht fit), er wird es auch mit einer der bisher besten Pass Blocking Lines der NFL zu tun bekommen. Selbst gegen Arizona hatte Stafford regelmäßig unendlich viel Zeit in der Pocket, traf aber oft falsche Entscheidungen oder seine Pässe waren zu ungenau. Eine Schlüsselrolle könnte hier Bobby Wagner als Blitzer bekommen, der mit seinem Speed und seiner Übersicht direkten Einfluss auf Stafford nehmen kann.

Ein Hauptaugenmerk müssen die Seahawks auf Cooper Kupp werfen, der bisher mit Abstand das beliebteste Target von Stafford ist. Gerade beim Third Down schaut er immer wieder in die Richtung des Pro Bowlers, was die Rams gegen die Cardinals zeitweise ausrechenbar machte. Auf der anderen Seite schaut auch Russell Wilson gerne beim dritten Versuch in die Richtung von D.K. Metcalf, den aber mit All-Pro Jalen Ramsey ein traditionell hartes Matchup erwartet. Ein wichtiger Faktor dürften also die Secondary Receiver der jeweiligen Teams werden, die entgegen der bisherigen Tendenz für überraschende Momente sorgen könnten.

Wird Thursday Night Football zum Faktor? Oder Shane Waldron?

Der Statistik nach haben Heimmannschaften bei Thursday Night Football einen großen Bonus. Der berühmte Heimvorteil der Seahawls könnte damit beim Primetime-Game noch einmal verstärkt werden, das Lumen Field dürfte für das Divisions-Matchup mal so richtig brennen. Das bittere Playoff-Aus im letzten Jahr ist zudem weitere Motivation für die Seahawks und Russell Wilson, die definitiv auf Rache pochen werden. Wie gut die offensive Kommunikation der Rams unter diesen Umständen funktioniert, bleibt abzuwarten, schließlich stieß Matthew Stafford erst in der Offseason zum Team. Auf dem Papier haben die Rams defensiv ein paar Unterschiedsspieler mehr, aber auch emotional müssen sie mit Seattle schritthalten. Andernfalls kann die Partie auswärts schnell aus dem Ruder laufen, vor allem wenn Russell Wilson heiß läuft und seinen Rhythmus findet.

Interessant wird auch das Schachspiel der Coaches. Shane Waldron hat in der Offseason die Seiten gewechselt, wird er für die eine oder die andere Mannschaft zum Vorteil? Oder vielleicht sogar zum Nachteil? Das sind nur zwei der vielen Fragen, welche uns die Seahawks, die Rams und Thursday Night Football morgen beantworten werden. Manche dieser Antworten könnten richtungsweisend für die nächsten Wochen oder darüber hinaus werden.
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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