Anthony Richardson ist bei den Indianapolis Colts gelandet - der möglicherweise beste Landing-Spot für den jungen Quarterback.
IMAGO / USA TODAY Network

Welche Teams haben es geschafft, ihre Super-Bowl-Hoffnungen während des NFL Draft 2023 zu maximieren? Darum wird es in den nächsten zwei Wochen in jeder Talkshow hierzulande und über den großen Teich gehen, wenn wir über die NFL reden. Denn endlich haben wir wieder frischen Stoff und frische Themen, über die wir reden können. Eines davon: Es war, wie vorhergesagt, der „Draft der Quarterbacks“, gleich drei Signalcaller wurden in den Top 4 ausgewählt. Doch im Schatten der großen QB-Moves haben es auch andere Teams geschafft, sich in den Fokus zu draften. Wir von TOUCHDOWN24 werfen heute einen Blick auf unsere größten Gewinner und Verlierer dieses aufregenden Wochenendes.

 

Gewinner: Philadelphia Eagles


Wie soll man die Eagles nicht an erster Stelle erwähnen? Es war fast schon frech, wie es der amtierende NFC-Champion geschafft hat, sein ohnehin bereits exzellentes Roster noch weiter zu verstärken. Und das mit einer Strategie, die wir so noch nicht gesehen haben: Mit Jalen Carter und Nolan Smith in der ersten Runde sowie dem überraschenderweise bis in die vierte Runde gefallenen Cornerback Kelee Ringo holte sich Philly gleich drei Spieler aus demselben College ins Team. Und nicht aus irgendeinem College, nein: Carter, Smith und Ringo waren Teil der für viele besten College-Defense aller Zeiten bei den Georgia Bulldogs.

In Philly trifft das Trio nun in Defensive Tackle Jordan Davis und Linebacker Nakobe Dean auf zwei weitere Bulldogs-Stars, die General Manager Howie Roseman bereits im 2022er-Draft in die Stadt der brüderlichen Liebe lockte – zu den „Philly Bulldogs“, wie sie vielerorts schon genannt werden. Georgias Defense war die letzten Saisons so etwas wie das Gegenstück zu LSUs Offense im Jahr 2021, mit heutigen NFL-Stars wie Joe Burrow, Ja'Marr Chase oder Justin Jefferson. Schlagen die Defensivstars des amtierenden College-Champions ebenfalls ein, wird Philly in der kommenden Spielzeit noch schwerer zu schlagen sein.

Verlierer: Miami Dolphins


Ähnliche Frage wie bei den Eagles, nur spiegelverkehrt: Wie sollen wir die Dolphins nicht als Verlierer dieses Drafts nennen? Miami ist in einer Division mit den Bills, den von Aaron Rodgers angeführten Jets und Bill Belichicks Patriots (selbst wenn der Patriots-Roster nichts besonderes ist, hat Belichick immer noch Tricks auf Lager), hat auf der Quarterback-Position mit Tua Tagovialoa ein riesiges, gesundheitliches Fragezeichen und holte sich in diesem Draft nur vier neue Spieler ins Team. Zum Vergleich: Die Patriots hatten alleine am dritten Tag des Drafts ganze neun Picks.

Ja, im letzten Jahr war es die gleiche Situation für Miami, doch damals ging der Erstrundenpick für Superstar Tyreek Hill flöten. Damit konnte man die Draftklasse der Dolphins gleich viel positiver betrachten. 2023 verloren die Dolphins ihr Auswahlrecht in der erste Runde aber wegen illegalem „Tampering“ mit Tom Brady und Sean Payton, bekamen also nichts im Gegenzug. Die Dolphins müssen in den nächsten ein bis zwei Jahren Erfolg haben, sonst holt sie das fehlende Talent aus den letzten beiden Drafts schneller ein als gedacht.

Gewinner: Seattle Seahawks


Klar, mit zwei Picks in der ersten Runde hat man als Team höhere Chancen, am Ende des Wochenendes zu den „Gewinnern“ gezählt zu werden. Dennoch, diese Picks müssen sitzen, denn schließlich hat man sie ja im Zuge irgendeines Trades erhalten, in dem man eine andere Art von Kompensation abgegeben hat. Anders als die meisten Experten vermuteten, holten sich die Seahawks nicht Jalen Carter an Position 5, sondern entschieden sich für Devon Witherspoon, den besten Cornerback der Draftklasse. Gerüchten zufolge war Witherspoon weit oben auf der Wunschliste der Lions, die an 6. Stelle pickten und daher nur wenige Minuten nach Seattles Auswahl mit den Cardinals tradeten.

Witherspoon ist nicht der schnellste Cornerback, doch er hat eine Nase für den Ball und bringt bei fast jedem Play irgendwie eine Hand dazwischen. Er wird es den Seahakws zusammen mit der Vorjahresauswahl Tariq Woolen erlauben, eine Art „Legion of Boom 2.0“ zu bilden. Mit der zweiten Auswahl an Position 20 fand dann noch der für viele beste Receiver der Klasse, Ohio States Jaxon Smith-Njigba, seinen Weg nach Seattle. Er wird die Chance haben, sich neben D.K. Metcalf und Tyler Lockett in der Liga zu etablieren und gibt Geno Smith ein weiteres, verlässliches Target. Damit wurde die erste Runde zu einem echten Home-Run für Pete Carroll und Co.

Verlierer: New Orleans Saints


Aufgrund ihres Trades mit den Eagles aus dem Vorjahr waren die Saints schon vor dem Draft in einer schlechten Position. Bryan Bresee in der späten ersten und Isaiah Foskey in der zweiten Runde sollten an der defensiven Front zwar sofort helfen, doch diese Picks verdeutlichen nur einmal mehr, wie sehr die Saints der Verlust von Marcus Davenport schmerzt, für den sie einst zwei Erstrundenpicks aufgaben. In der dritten Runde kam dann mit TCUs Kendre Miller relativ früh ein Runningback, obwohl die Position mit Alvin Kamara und Jamaal Williams bereits stark besetzt ist. Ja, es ist ein Depth-Pick, doch den hätte man auch später im Draft machen können.

Interessant finde ich dagegen die Auswahl von Fresno States Quarterback Jake Haener in der vierten Runde. Haener wurde vielerorts mit Drew Brees verglichen, der auch sein großes Vorbild in der Jugend war. Es ist eine dieser tollen Geschichten, die nur der NFL Draft schreibt, dass er jetzt tatsächlich in New Orleans gelandet ist. Insgesamt haben sich die Saints mit diesem Draft zwar nicht wesentlich verschlechtert, doch eben auch keinen Platz zwischen sich und der restlichen Konkurrenz in der NFC South geschaffen. In einem Draft ohne wirklich klare Verlierer (Miami abgesehen) ist das für uns zumindest erwähnenswert.

Gewinner: Indianapolis Colts (Chris Ballard)


Es gibt eigentlich keine zwei Meinungen dazu, dass Ballard einer der besten Manager ist, wenn es darum geht, junge Talente im Draft zu evaluieren. Der 53-Jährige hatte einige beeindruckende Drafts in der Vergangenheit, doch stand in Indianapolis nach der letzten Saison trotzdem zur Debatte. Der Grund? Die Quarterback-Situation. Seit Ballard bei den Colts als GM übernommen hat, hat sich kein Signalcaller langfristig durchsetzen können. Der Ansatz der Colts, mit einem anscheinend titelreifen Roster auf ältere, erfahrene Quarterbacks (Rivers, Wentz, Ryan) zu setzen, scheiterte krachend. Stattdessen soll es jetzt endlich ein junger Quarterback sein, der das Team in die Zukunft führt. Und dieser Quarterback ist kein anderer als Anthony Richardson.

Der ehemalige Gators-Star ist nicht der beste Quarterback dieser Klasse (das ist meiner Meinung nach ganz klar Bryce Young), aber er hat das höchste Upside. Gerade, wenn wir betrachten, dass er mit den Colts wohl den perfekten Landing-Spot erwischt hat. Der neue Colts-Coach Shane Steichen hat als Offensive Coordinator der Eagles im Vorjahr gezeigt, dass er mit mobilen Quarterbacks umgehen und ein entsprechendes System etablieren kann. Um eines klarzustellen: Jalen Hurts' Erfolge in Philly zu kopieren, wird nicht einfach, doch das Ceiling ist bei Richardson definitiv vorhanden.

Helfen wird Richardson auf seiner Suche nach mehr Genauigkeit im Passspiel auch Receiver Josh Downs, den die Colts als einen der größten Steals des Drafts in der dritten Runde (Pick #79) holten. Falls die O-Line in Indy wieder ihr altes Gesicht zeigt und Richardson dem Hype um seine Person gerecht wird, könnten die Colts eine der unterhaltsamsten Offensivreihen 2023 stellen. Und wenn die Fans in Indianapolis eines gebraucht haben, dann ist es nach Jahren des „Daherdümpelns“ im Liga-Mittelfeld ein wenig Aufregung.

Verlierer: San Francisco 49ers


Ähnlich wie die Saints und Dolphins hatten die Niners ohne ein Auswahlrecht in den ersten beiden Draftrunden keine einfache Ausgangssituation, doch immerhin gab es mit drei Picks in Runde 3 die Möglichkeit, doch noch mit Talent aus dem Draft zu gehen. Einer dieser Picks ging für Kicker Jake Moody drauf, der zwar ein unglaubliches Talent ist. Doch ein Kicker in Runde 3? Das ist schlicht und einfach viel zu früh, wenn es noch gutes Talent auf deutlich wichtigeren Positionen gibt. Die Auswahl von Saftey Ji'ayir Brown von Penn State war dann zwar ein guter Value-Pick, doch auch der dritte Tag war – einmal ausgenommen von TCU-Linebacker Dee Winters in der sechsten Runde – eher eine Enttäuschung.

Letztlich ist der schwache Draft vor allem ein Resultat aus dem Trade für Trey Lance vor ein paar Jahren, der sich nun im Trainingscamp einen Kampf mit Brock Purdy um den Startplatz in San Francisco liefern wird. Die Frage ist: Schaffen es die Niners, noch irgendwie Value aus dem Lance-Trade zu generieren? Denn wenn nicht, sind solche Drafts letztlich das, was Lehrer ihren Schülern gerne einmal als „Folgefehler“ verzeihen. Ein schwacher Draft bleibt es dennoch.


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