HEFT #51

Ausgabe NOVEMBER 2021

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Nach Gruden-Skandal: Bekommen die Raiders das Schiff wieder auf Kurs?

Jon Gruden trat im Zuge seines E-Mail-Skandals bei den Las Vegas Raiders zurück. Jon Gruden trat im Zuge seines E-Mail-Skandals bei den Las Vegas Raiders zurück. IMAGO / Icon SMI
Beleidigungen, Sexismus und Rassismus – die Tragweite dessen, was die an die Öffentlichkeit geratenen E-Mails des mittlerweile zurückgetretenen Raiders-Coaches Jon Gruden offenbarten, schockierte Anfang der Woche die Liga. Gruden entschuldigte sich öffentlich, doch das Problem liegt tiefer und könnte der NFL langfristig schaden. Für Las Vegas an sich ist das Problem deutlich kurzfristiger: Wie schafft es das Team, die Ablenkungen auszublenden, kurz vor dem wichtigen Division-Duell gegen Denver am Wochenende? Antworten darauf gibt es im Spotlight für Week 6 in der NFL.


Noch vor wenigen Tagen war Jon Gruden der schillernde und beliebte Head Coach eines NFL-Teams, das mit drei Siegen in Folge in die Saison gestartet war. Und das gerade einmal im vierten Jahr eines Vertrages, der ihm 100 Millionen Dollar einbringen sollte. Heute ist Gruden nicht nur als Trainer der Las Vegas Raiders zurückgetreten – nein, sogar sein altes Team, die Tampa Bay Buccanneers, haben ihn aus ihrer Ruhmeshalle, dem „Ring of Honor“, geschmissen. Es war eine turbulente Woche, die ein abruptes und unerwartetes Ausrufezeichen hinter die Karriere eines der faszinierendsten Charaktere der Liga setzte.

Der E-Mail-Skandal, der letztlich zu Grudens Niedergang führte, offenbarte eine Vielzahl an rassistischen, sexistischen und homophobischen Aussagen, die der 58-Jährige im Laufe der letzten zehn Jahre von sich gegeben hat. Dabei schien es zunächst so, als könne sich Gruden auf seiner Position halten – wäre es eben nur die eine E-Mail aus dem Jahr 2011 über den Vorsitzenden der Spielergewerkschaft, DeMaurice Smith, gewesen, in der er Smith rassistisch beleidigte. Smith habe „Lippen von der Größe von Michelin-Reifen“, schrieb Gruden an einen nicht genannten NFL-Manager.

Er habe sich „auf eine schreckliche Art und Weise ausgedrückt“, gab Gruden später zu Protokoll. Aber Rassismus? Das stritt Gruden vehement ab, er habe keinen Funken rassistischen Gedankenguts in sich. Wäre es bei dieser einen E-Mail geblieben, Gruden hätte sich möglicherweise gegen den Sturm stellen können. Aber es gab keine Möglichkeit, wie Gruden nach vor seine Spieler hätte treten können, nachdem die New York Times am Dienstagabend einen Bericht veröffentlicht hatte, in der mehrere Mails aus den Jahren 2011 bis 2018 zitiert werden, in denen sich Gruden unter anderem homophobisch und frauenfeindlich äußerte.

Gruden ist nur die Spitze des Eisberges


Die meisten von euch haben den Inhalt dieser Mails mittlerweile wohl schon mitbekommen, Gruden ließ dabei quasi kein Fettnäpfchen aus. Commissioner Roger Goodell bezeichnete er wiederholt als „Schwuchtel“ oder „Pussy“, er kritisierte die Bereitschaft der NFL, weibliche Schiedsrichter einzustellen und empörte sich über die Hymnen-Proteste einiger schwarzer Profis gegen die noch immer vorherrschende Polizei-Gewalt im Land. Grudens Ansichten finden sich in einer Sammlung von insgesamt 600.000 Mails, die die NFL im Rahmen ihrer Untersuchungen rund um das misogyne Arbeitsklima beim Washington Football Team ans Licht brachte.

Es ist unnötig zu erwähnen, dass Grudens NFL-Karriere, die in den 1990er-Jahren begann, nun vorüber ist und er den Rest des Geldes aus seinem Monstervertrag wohl nicht mehr sehen wird. Um die Tragweite der Entwicklungen zu verstehen, muss man sich erst darüber im Klaren sein, dass Gruden nicht einfach nur irgendein Coach ist, in der Football-Welt kennt ihn fast jeder. 2003 gewann er mit den Buccanneers den Super Bowl und wurde als Coach of the Year ausgezeichnet, 2009 wechselte er schließlich als TV-Experte zu ESPN, wo er für ein halbes Jahrzehnt der bestbezahlte Mitarbeiter und das Gesicht von Monday Night Football wurde.

Dass Grudens krude Ansichten nun genau während des Montagspiels zwischen den Baltimore Ravens und den Indianapolis Colts zustande kam, sehen viele in den USA als eine Art poetischer Gerechtigkeit, ob der Zeitpunkt der Veröffentlichung aber absichtlich gewählt war, darüber lässt sich nur spekulieren – und es ist auch nicht das entscheidende Thema. Selbst Gruden selbst, so abstrus seine Ansichten auch teils sein mögen, ist nicht die vorherrschende Thematik. Vielmehr steht Gruden als Gesicht für eine Liga, die an vielen Stellen noch immer homophob, rassistisch und frauenverachtend ist.

„Es geht nicht um E-Mails, sondern um eine Überzeugung“


Wie inzwischen bekannt wurde, soll Gruden aus Washington Bilder bekommen und weiterverschickt haben, die oberkörperfreie Cheerleader zeigen. Die NFL vermutet, dass die Frauen gezwungen wurden, diese Bilder von sich machen zu lassen. Gruden hielt den Empfang und das Senden solcher Fotos anscheinend für genauso unproblematisch wie die diskriminierenden Aussagen in seinen E-Mails, die nie für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Er fühlte sich sicher in seinem Job als einer der mächtigsten Menschen der Liga. Hinter der vermeintlich fortschrittlichen Fassade einer Liga, die im Zuge solcher Geschichten noch immer ihr hässliches Gesicht zeigt.

„Hier geht es nicht um eine E-Mail, sondern um die Überzeugung einiger, dass Menschen, die wie ich aussehen, als weniger behandelt werden könnten“, so der Spielergewerkschaftsvorsitzende Smith, selbst ein Ziel von Grudens rassistischen Aussagen. „Die Nachrichten handeln nicht von dem, was in unserem privaten Gespräch gesagt wird, sondern was von Leuten gesagt wird, die nie gedacht haben, dass sie entlarvt und zur Rechenschaft gezogen würden.“

Gruden mag sich direkt nach der Veröffentlichung der Times-Geschichte öffentlich entschuldigt und noch so sehr betont haben, er habe nie jemanden rassistisch beleidigen oder diskriminieren wollen. Vielleicht denkt Gruden ja wirklich, seine Aussagen wären unproblematisch – halt nur der Teil eines Jargons, der in einer von Männern dominierten Liga eben vorherrscht. Doch damit und durch seine Aussagen zeigt Gruden, dass es ihm zwar wirklich leid tut. Aber wohl nur, dass ausgerechnet er erwischt wurde und nicht die möglicherweise tausenden anderen Funktionäre, die nur klug genug waren, derartige Aussagen nicht in offiziellen Mails zu tätigen.

Bekommt Bisaccia das Schiff aus Kurs?


Während sich die gesellschaftspolitischen Folgen des Gruden-Skandals erst noch entwickeln, hat Grudens Rücktritt aber erst einmal sportliche Auswirkungen auf die Raiders, die bereits am Sonntag in einem elementar wichtigen Division-Duell gegen die Denver Broncos antreten müssen. Die Herausforderung für das Team sei es jetzt, „einfach zur Arbeit zu gehen und sich auf den Gameplan zu konzentrieren“, so David Carr, Bruder von Raiders-Quarterback Derek und TV-Experte beim NFL Network. „Das ist nicht einfach. Die Worte, die in diesen Mails standen, tun weh – auch den Leuten innerhalb des Teams. Trotzdem müssen sie jetzt weitermachen.“


Die Aufgabe, das Raiders-Schiff auf Kurs zu halten, fällt nun primär Rich Bisaccia zu, der bisherige Assistant Head Coach und Special Teams Coordinator. Er verfügt über die nötige Erfahrung, arbeitet er doch bereits seit 2002 in der Liga, und genießt ein hohes Ansehen im Front Office der Raiders. Bisaccia ist bis dato zwar ausdrücklich nur eine Interimslösung, doch natürlich ist das auch eine große – und vielleicht die letzte - Chance für den 61-Jährigen, einen Head-Coaching-Job in der NFL zu ergattern.

Ein Sieg gegen die Broncos wäre ein guter Start – nicht nur, um seine eigene Position zu stärken und die Geister des Gruden-Dramas zu vertreiben. Sondern ganz pragmatisch gedacht auch, um die Playoff-Chancen eines Teams am Leben zu halten, das bis dato eine überraschend starke Saison spielt, trotz zuletzt zweier Niederlagen in Folge. Die Raiders dürfen in der AFC West mit den Überfliegern aus Los Angeles und den Chiefs mit Patrick Mahomes nicht den Anschluss verlieren – Gruden-Drama hin oder her.

Daniel Wolf

Daniel Wolf hat Sportjournalismus an der Hochschule Ansbach studiert und dort seine Leidenschaft für das „richtige“ Football entdeckt. Ist seit Andrew Lucks Mega-Playoff-Comeback gegen die Kansas City Chiefs lautstarker Supporter der Indianapolis Colts. Schreibt seit 2018 für TOUCHDOWN24, hauptsächlich im Bereich NFL. Stolzer Vize-Meister der TOUCHDOWN24-Fantasy-Liga.
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