Pures Glück am Draftabend: Micah Parsons (r.) zusammen mit NFL Commissioner Roger Goodell Pures Glück am Draftabend: Micah Parsons (r.) zusammen mit NFL Commissioner Roger Goodell Foto: IMAGO / UPI Photo

Micah Parsons – ein Bad Boy für die Cowboys?

geschrieben/veröffentlicht von/durch  14.05.2021
Die Frage, wann Micah Parsons im vergangenen Draft vom Board gehen würde, wurde von den Dallas Cowboys frühzeitig beantwortet. Der 21-Jährige wurde mit Pick Nummer zwölf einberufen. Ohne Zweifel war Parsons der beste Offball-Linebacker der Klasse, unbestritten sind aber auch die Zweifel an der Reife und am Charakter des Ausnahme-Talents. Boom or Bust liegen bei Parsons nah beieinander.
6,50 € inkl. MwSt. TD24 Heft 47 - JUL 2021 Noch 119 vorhanden Zum Produkt


Häufig schon hat es beste Prospects aus der ersten Runde eines Drafts gespült, auch wenn es sportlich kaum Zweifel an ihnen gegeben hatte. Oftmals reichten ein Joint, eine Autofahrt ohne Führerschein oder sonstige “Off Field Issues“, um die NFL-Teams an einem Spieler derart zweifeln zu lassen, dass sie sich lieber für einen anderen Spieler entschieden haben. Und so fällt und fällt ein Spieler immer tiefer, Spot um Spot, Runde um Runde. Nicht aber Micah Parsons, was zeigt, welch herausragendes Talent er mitbringt – und er hat mehr als nur einen Joint auf seiner schwarzen Liste - zumindest, wenn man Isaiah Humphries, seinem ehemaligen Teamkollegen bei den Penn State Nittany Lions, Glauben schenkt.

Aussage gegen Aussage

Vorweg, sämtliche Vorwürfe gegen Parsons sind nicht bewiesen, es handelt sich um Anschuldigungen, es gibt Aussagen, die auch für Parsons sprechen, letztendlich befindet sich der dazugehörige Gerichtsprozess im Schwebezustand. Dass es noch zu einem Urteil kommen soll, hat mit der Anzeige seines früheren Mitspielers Humphries zu tun. Im Frühjahr 2018 hatte es erstmals eine Auseinandersetzung zwischen Parsons und Defensive Back Humphries in der Kabine der Penn State University gegeben. Da Coach James Franklin die Situation gesehen haben - aber nicht eingeschritten - sein soll, soll sich Parsons bestärkt gefühlt haben.

Gemeinsam mit Yetur Gross-Matos, der 2020 von den Carolina Panthers gedraftet wurde, und Defensive Tackle Damion Barber soll es dann zu sexuellen Übergriffen gegenüber Humphries gekommen sein, dessen Aufenthalt im Locker Room sich häufig in ein Martyrium aus Demütigungen und sexuellen Belästigungen gewandelt haben soll. So zumindest der Vorwurf von Humphries. Doch die Beschuldigten weisen die Aussagen von sich, vielmehr haben über 60 Mitspieler schriftlich bekundet, niemals sexuelle Übergriffe in der Kabine gesehen zu haben. Ob die Vorwürfe wahr sind, wissen nur die Beteiligten selbst; das herauszufinden, ist nun Aufgabe eines Gerichtes.



Trotz der schweren Vorwürfe musste Parsons am Draftabend des ersten Tages nicht lange warten. Spötter behaupten, dass er mit diesem Schatten auf seiner Vita bestens zu den Cowboys und nach Texas passen würde, wo die Uhren vielleicht noch etwas hinter dem Zeitgeist ticken und Dinge “unter Männern“ auch noch anders geregelt werden. Parsons selbst war jedenfalls glücklich, dass er nicht nur nicht aus der ersten Runde gefallen war, ja, sogar mit Pick zwölf in einer Range gedraftet wurde, die auch ohne seine Unwägbarkeiten realistisch für ihn gewesen wären, nein, ausgerechnet die Cowboys entschieden sich für ihn. “Wenn es Dallas ist, werde ich weinen“, sagte Parsons, als er auf einen Anruf aus einem der NFL-Front-Offices wartete. Sichtlich berührt nahm er den Call von Cowboys-Owner Jerry Jones entgegen, ein Traum wurde wahr, hatte er doch schon lange davon geträumt, für die Cowboys spielen zu dürfen.

Laut Jones grinste Defensive Coordinator Dan Quinn von Ohr zu Ohr, als die Wahl des Teams auf Parsons gefallen war. Und das zurecht, Parsons deckt als Linebacker die gesamte Breite des Feldes ab, agiert gegen den Lauf ebenso stark wie gegen den Pass, er ist explosiv und beweglich und bringt alles dafür mit, um einen All-Pro-Karriere zu begehen. Mit 1,91 Meter Länge hat er einen hervorragenden Überblick und antizipiert herausragend, was passieren wird. Wie für die Nittany Lions wird Parsons auch bei den Cowboys die Nummer #11 tragen. Parsons scheint der perfekte Spieler, um den Verlust von Cowboys-Legende Sean Lee aufzufangen, der im April nach elf Jahren in Dallas sein Karriereende erklärt hatte. Sportlich kann Parsons nur ein "Boom" werden, sofern das Bezirksgericht ihn nicht für schuldig befindet und ihn somit seine "Offfield Issues" einholen. 

Übrigens: Er glänzte an seiner High School auch als Runningback, lief in seinem Senior-Jahr für 1239 Yards und 27 Touchdowns, während er gleichzeitig 9,5 Sacks und eine Interception in der Defense sammelte. An der Penn State wollte ihn das Trainerteam deshalb auch als Returner einsetzen, was Parsons allerdings verweigerte. Ob das eine Option bei den Cowboys ist?
Markus Schulz

Markus Schulz arbeitet seit 2009 beim Sport-Informations-Dienst in Köln. Seine Leidenschaft für den American Football entdeckte der Familienvater bereits mit elf Jahren während Super Bowl XXIII. 2017 schloss sich Schulz TOUCHDOWN24 zudem als Chefredakteur an. Außerdem hat der gebürtige Mönchengladbacher mehrere Bücher über den US-Sport publiziert und engagiert sich ehrenamtlich als Pressesprecher bei seinem örtlichen Football-Verein Remscheid Amboss.

TOUCHDOWN24 im Abo

td24 abo 300x300

Anzeige

Händler finden