HEFT #52

Ausgabe DEZEMBER 2021

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Mac Jones und der feine "Patriot Way"

Mac Jones marschiert schon als NFL-Rookie zum Takt bei den New England Patriots. Mac Jones marschiert schon als NFL-Rookie zum Takt bei den New England Patriots. Imago Images / UPI Photo / Matthew Healey
Beim Sieg der New England Patriots über die Carolina Panthers am vergangenen NFL-Sonntag ereiferten sich nicht wenige über ein "Tackle" von Pats-Quarterback Mac Jones gegen Panthers-Edge-Rusher Brian Burns. Wie viel sein im besten Falle grenzwertiges Play über den jungen Signal Caller aussagt oder wie unfair die Aktion wirklich war, sei einmal dahingestellt. Über die Art und Weise, wie man in New England über den Sport nachdenkt, verrät das Play und auch Jones‘ Reaktion hinterher dafür aber doch eine ganze Menge.



Im ersten Moment schien es wie ein ganz normaler Sack-Fumble zu sein. Panthers-Defensive-End Brian Burns tackelt Patriots-Quarterback Mac Jones von der Blindside, der Ball purzelt über den Boden und etliche Spieler stürmten dem Fumble hinterher. Auch Burns will sich aufmachen, doch Jones klammert sich hinter ihm an seinen Knöchel. Mehr noch, New Englands Rookie rollt sich zur Seite und verdreht damit Burns‘ Bein auf unnatürliche Weise. Burns zieht sich eine Verletzung zu, kann dann zeitweise weiterspielen, bevor er letztendlich doch passen muss. Welchen Anteil daran die Szene mit Jones hat, ist nur schwer zu sagen.

Letzteres ist einigen Spielern Carolinas hinterher auch ganz egal. Edge Rusher Haason Reddick nennt Jones‘ Griff "dirty", ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die Schiedsrichter nicht einmal eine Penalty Flag geworfen haben. Linebacker Shaq Thompson pflichtet ihm bei und sagt, dass es für „so etwas keinen Platz in dieser Liga gibt“. Sogar die NFL reagiert prompt und lässt zumindest verlauten, dass sie sich die Szene noch einmal in Bezug auf eine mögliche Strafe für Jones ansehen würde. So viel erst einmal zu den Fakten, euer Ehren!

Mac Jones äußert sich vage zu den jüngsten Vorwürfen

Da wir in einem Rechtsstaat leben, wollen wir aber auch in diesem Falle das Prinzip der Unschuldsvermutung bewahren und Mac Jones die Chance geben, sich zu den Vorfällen zu äußern. Eine vorschnelle Verurteilung, wie sie Gegnern der Patriots sicherlich schnell über die Lippen geht, wäre unangebracht, ebenso wie ein blindes Vertrauen auf vermeintlich noble Absichten des jungen Signal Callers. Also dann, bitte sagen sie uns, was sie in jenem Moment gedacht haben, Mister Jones?

"Als ich ziemlich hart getroffen wurde, wusste ich nicht so genau was los war", erklärt Jones am Montag in einem Podcast. "Ich dachte, er hätte den Ball und es ist mein Job, den Tackle zu machen. Das war auch schon alles." Wirklich alles, Mister Jones? "Klar, als ich aufstehe, da ist der Ball schon weiter vorne… es ging ziemlich schnell und ich wollte niemanden verletzen oder so. Ich habe nur versucht, das Tackle zu machen. Weil, wisst ihr, ich wusste nicht wirklich was passiert." Und wie stehen sie zu einer Suspendierung, Herr Jones? "Ich dachte, alles wäre so passiert und ich müsste den Tackle machen", führt der 23-Jährige weiter aus und weist auch den Vorwurf von sich, ein altes Duell mit Brian Burns in Highschool-Tagen hätte eine Rolle gespielt. "Ich habe gemacht, was ich gemacht habe und es ist jetzt, wie es ist. Ich hoffe, die NFL sieht das wie ich im Spiel und guckt nicht noch mehr hin, denn so war es."

Mac Jones hat früh von Bill Belichick gelernt

Irgendwo in einem kleinen dunklen Kämmerlein im Herzen des New Englander Kampfsterns muss Bill Belichick ein winziges Lächeln über die Lippen gekommen sein, als er diese Worte inmitten einer 36-Stunden-Schicht Game Film gehört hat. Er selbst hätte des Interview nicht besser führen können, mit dem Mindestmaß an von der Öffentlichkeit erwarteten Anteilnahme, dafür aber gleichzeitig mit einer geradezu intrinsischen Gleichgültigkeit gegenüber dem, was alle andere denken. Eine potenzielle Schwäche zeigen mit einer echten Entschuldigung? Niemals. Dabei bestand so oder so überhaupt kein Grund, den Knöchel seines Gegenspielers zu verdrehen, selbst mit anderthalb zugedrückten Augen ist dieses Play noch eine unfaire Aktion. Zwischen den Zeilen von Mac Jones steht aber noch eine weitere klare Botschaft geschrieben: In New England hat man einen Job und den erledigt man. Das Tackle muss gemacht werden, das ist alles, was zählt. Koste es, was es wolle.



Wie man sieht hat Mac Jones anscheinend bei so mancher Unterrichtsstunde seines legendären Coaches gut zugehört. Genau dieses Mantra ist es schließlich, welches seit fast zwei Jahrzehnten die fundamentale Basis für den Erfolg der Patriots ausmacht. Nebst ein paar ganz guter Spieler natürlich, wie zum Beispiel diesem Herrn Brady oder wie der doch gleich hieß. Diese Einstellung, diese Philosophie, sie hat über die Jahre auch einen Namen bekommen – der "Patriot Way". Zwar gab es immer wieder Unstimmigkeiten, was besagten denn jetzt wirklich im Kern ausmacht, dennoch entwickelte sich dieser Ausdruck längst zum geflügelten Wort für vieles, was in New England richtig läuft.

Alles für den Sieg, die Patriots geben manchmal noch mehr

Im Grunde genommen stimmt es ja auch, es gibt in New England ganz klare Standards, Regeln und Arbeitsweisen, die jede Fortune-500-Company in ihre Betriebsgrundsätze mit aufnehmen würde. Fleiß, Konzentration, Pünktlichkeit, die richtige Arbeitseinstellung und das Wissen um die eigene Rolle als Rad in einem komplexen Konstrukt – sie alle sind Teil vom Erfolgsrezept New England Patriots und hängen seit Ewigkeiten bei Bill Belichick am Küchenschrank. Dem letztendlichen Sieg wird alles untergeordnet und warum auch nicht? Schon der große Vince Lombardi sagte schließlich, dass man ja nicht ohne Grund die Punkte zählt und das Siegen zwar nicht alles sei, dafür aber das einzige. Auch etwas weniger klangvolle Namen wie Herm Edwards sind heute noch virale Media-Hits mit "you play to win the game".

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Kaum jemand hat das in den letzten zwei Dekaden besser getan als die New England Patriots, die Tatsache, dass sie wahrscheinlich eine ganze Putzkolonne für ihren Trophäenschrank brauchen, spricht eine deutliche Sprache. Es wird auch regelmäßig von amerikanischen Medienvertretern – in den meisten Fällen auch ganz zu Recht – anerkennend erwähnt und nicht selten mit Lobgesängen auf die Klasse der Patriots ausgeschmückt. Es sind allerdings letztere, die einfach zu häufig nicht ins Bild passen. Machen wir uns bei all den sportlichen Höchstleistungen nichts vor, es gibt eine Grenze bei den Dingen, die man tut, um zu gewinnen. Einfach gesagt sind das die Regeln. Die geschriebenen und eigentlich auch die ungeschriebenen. Und an eben jener Grenze schrammen die Patriots sehr oft vorbei. Und manchmal, wie beim Play von Mac Jones, überschreiten sie diese auch.

Das Märchen vom "Patriot Way" wird manchmal gruselig

Die Geschichten sind alle bekannt – Spygate, Deflategate, was auch immer Gate. Sie alle werfen in ihrem Kern ein Licht auf die Art und Weise, wie man bei den New England Patriots das Business NFL angeht und wo hier die Prioritäten liegen, allen kauzigen Hoodies, putzigen Kinderfotos oder dem „ich bin gerade aus dem Bett gefallen“ Look zum Trotz. Die alte Geschichte vom doch ach so klassischen und noblen "Patriot Way", sie verläuft sich dabei spätestens in Kapitel Drei, gleich hinter der Anekdote zu Robert Krafts Downtime in Florida. Oder vielleicht eben auch nicht, denn während ein Großteil der Liga sich noch aufregt, feilen Mac Jones und Bill Belichick schon gnadenlos am nächsten Gameplan, der die Basis für den Sieg in der kommenden NFL-Woche ausmachen wird. Ein oft zitiertes amerikanisches Sprichwort im Sport heißt: „If you don’t like it, do something about it.“ Und das am besten auf dem Feld.

Man kann New Englands Eskapaden letztendlich finden, wie man möchte. Die unterschiedlichen Vergehen einstufen, wie man will. Die Frage danach, was noch voller Einsatz und Siegeswille oder eben unlautere Mittel sind, sie ist in der Praxis nicht immer leicht zu beantworten. Sie wird auch von vielen Menschen unterschiedlich eingeschätzt und das obwohl es ja eigentlich klare Regeln gibt. Die New England Patriots, Bill Belichick und so wie es aussieht auch Mac Jones haben da jedenfalls ihre ganz eigene Sichtweise und auch ihre ganz eigene Definition. Manche würden sogar sagen einen eigenen Weg…
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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