HEFT #51

Ausgabe NOVEMBER 2021

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Letzter Platz in der AFC West: Kann Mahomes das Ruder herumreißen?

Patrick Mahomes und die Chiefs stehen vor Week 4 unter Druck. Patrick Mahomes und die Chiefs stehen vor Week 4 unter Druck. IMAGO / Icon SMI
Eine Bilanz von 1:2 Siegen, letzter Platz in der AFC West – der Saisonstart ist für Patrick Mahomes und die Kansas City Chiefs gehörig in die Hose gegangen. Die Defense zeigt altbekannte Schwächen, doch auch die Offense muss sich stabilisieren. Schafft der amtierende AFC-Champion das am Sonntag gegen die Eagles? Außerdem: Wie viel Druck verspürt Mac Jones vor dem möglicherweise „größten Sportereignis in der Geschichte Bostons“? Antworten darauf gibt es im TOUCHDOWN24-Spotlight für Woche 4.

 

Was ist los mit Mahomes und der Chiefs-Offense?


Erstmal seit der Saison 2019 haben Patrick Mahomes und seine Kansas City Chiefs zwei Spiele in Folge verloren. Nach drei Spieltagen steht der amtierende AFC-Champion damit bei nur einem Sieg – und liegt in der Tabelle der AFC West gar auf dem letzten Platz. Der holprige Saisonstart lässt sich auf den ersten Blick recht einfach mit der bisherigen Leistung der eigenen Defense erklären: Gegen die Ravens wurde die seit Jahren anfällige Run-Defense der Unit bloßgestellt, gegen die Chargers konnte Justin Herbert aber auch in der Luft anstellen, was er wollte.

Die Schwachstellen der Defense sind schnell erklärt: Chris Jones fühlt sich auf seiner Position als Defensive End (wechselte vor der Saison von Defensive Tackle) noch nicht zu 100 Prozent wohl, Linebacker Willie Gay Jr. fehlt verletzungsbedingt und Rookie Nick Bolton kann diese Lücke bisher nicht schließen. Die Folge: Mahomes und Kollegen hätten in den ersten drei Spielen jedes Mal mehr als 30 Punkte auflegen müssen, um Siege einzufahren. Das ist auf dem Papier für die explosivste Offense der Liga natürlich ein Klacks – aber Spielraum für Fehler ist eben keiner gegeben.


Und damit wären wir beim Kernproblem der Chiefs-Offense. Es ist komisch, überhaupt von einem Problem bei einer Unit zu sprechen, die in Football Outsiders DVOA-Statistik auf Rang 3 liegt und auch in anderen Metriken glänzt (Yards: Rang 6, Scoring-Offense: Rang 4). Auf einer Per-Snap- und Per-Game-Basis hat die Offense bis dato überzeugt. Was also ist das Problem? Nun, um es einfach zu sagen: Turnover. Um etwas mehr ins Detail zu gehen: Die Chiefs-Offense steht sich zu oft selbst im Weg.

„So gewinnst du in dieser Liga keine Spiele“


Gegen die Chargers leistete sich die Unit ganze vier Turnover – nicht alle davon gingen auf Mahomes, doch der Star-Quarterback ist auch nicht von Schuld freizusprechen. Bei seiner Interception in Halbzeit eins warf er einen seiner typischen No-Look-Pässe leicht in den Rücken seines Receivers, in Halbzeit zwei forcierte er sein Glück bei einem langen Third Down auf Travis Kelce – und wurde prompt erneut intercepted. Dementsprechend frustriert war Mahomes nach dem Spiel auch: „Wir haben 24 Punkte erzielt, aber hatten vier Turnover. Du gewinnst in dieser Liga keine Spiele, wenn du den Ball so oft verlierst.“

Bereits gegen die Ravens in der Vorwoche kostete die Chiefs ein Fumble von Runningback Clyde Edwards-Helaire den potenziellen Sieg. Die gute Nachricht für Chiefs-Fans: Ihr Team könnte derzeit nur auf der falschen Seite der Varianz stehen. 2018, im ersten vollen Jahr der Mahomes-Ära, hatten die Chiefs ein Turnover-Verhältnis von +9 (Rang 6), im Jahr danach von +8 (Rang 7) und im Vorjahr von +6 (Rang 8). Trotz eines teilweise draufgängerischen Quarterbacks in Mahomes haben die Chiefs einen exzellenten Job gemacht, Turnover zu vermeiden. Das macht die Bilanz dieses Jahr umso mehr frustrierend.

Dennoch: Die Vergangenheit zeigt uns, dass sich diese Zahlen im Verlauf der Saison wieder einpendeln sollten. Auch Mahomes zeigte sich selbstbewusst: „Wir bewegen den Ball, so wie wir es wollen“, so der ehemalige MVP. „Ich mache mir um unsere Offense keine Sorgen. Wir müssen einfach die Fehler abstellen und in der Redzone Touchdowns erzielen.“ Angesichts der starken Division mit gleich zwei 3:0-Teams (Raiders, Broncos) und den gefährlichen Chargers werden die Chiefs das eher früher als später müssen. Die erste Chance dafür gibt es am Sonntag gegen die Philadelphia Eagles (19.00 Uhr).

Brady vs. Jones: Kann der Kronprinz dem König ein Bein stellen?


In seinen ersten drei offiziellen NFL-Spielen musste Mac Jones ausschließlich gegen Quarterbacks spielen, die in ihrer jeweiligen Draft-Klasse höher gepickt wurden als die Nummer-15-Auswahl dieses Jahres: Jones gewann gegen Tua Tagovailoa (Pick 5, 2020) und Zach Wilson (Pick 2, 2021) und musste sich Jameis Winston (Pick 1, 2015) geschlagen geben. Da dürfte ein Duell mit einem Quarterback, der Nummer 199 overall gepickt wurde, doch gerade recht kommen. Das Problem: Dieser Quarterback ist kein geringerer als der siebenmalige Super-Bowl-Champion Tom Brady, der nach unzähligen Jahren im Trikot der Patriots in „sein“ Gilette Stadium zurückkehrt.

Es ist das Spiel der Woche, ja vielleicht der bisherigen Saison, das so viele Schlagzeilen mit sich zieht: König Brady gegen den Kronprinzen Jones. Das erste Duell zwischen Patriots-Coach Bill Belichick und seinem langjährigen Schützling Brady. Und natürlich die Chance für Brady, den Rekord für die meisten Passing-Yards aller Zeiten zu knacken – dafür fehlen ihm nur noch 68 Yards. Ja, die Liga hätte sich für diesen lang ersehnten Kracher wohl keinen besseren Zeitpunkt aussuchen können. Die Stakes sind hoch, der Druck massiv.

Dass Brady mit solchen Umständen umgehen kann, hat er uns in der Vergangenheit ausreichend gezeigt. Wer mit 44 Jahren noch Football spielt, den haut so schnell nichts mehr aus den Socken. Ganz anders ist dagegen die Situation für Jones. Angesprochen darauf, wie sich Jones vor seinem ersten Primetime-Spiel in der NFL fühle – und das gleich gegen eine absolute Legende der Liga, ließ sich der Rookie zunächst nicht in die Karten schauen: „Es ist nicht so, dass eine Person gegen eine andere spielt, es ist ein Spiel 11 gegen 11. So schauen wir auf das Spiel, so schaut jedes Team darauf. Du kriegst eine Chance, in einem Primetime-Game zu spielen und das ist schlicht und einfach das, was es ist.“

"Das größte Sportereignis in der Geschichte Bostons"


Aber irgendeine Art von Druck müsse der 23-Jährige doch spüren, gegen eine lebende Patriots-Legende zu spielen, fast 20 Jahre nach seinem Debüt im Jersey New Englands? „Das ist die Sache mit Druck“, so Jones. „Du musst dich einfach darauf fokussieren, was deine Aufgabe ist. Alle Leute in hohen Drucksituationen machen das. Sie bereiten sich gut vor, das ist alles, was man kontrollieren kann. Sobald das Heu dann in der Scheune ist, ist es in der Scheune. Dann musst du einfach rausgehen und spielen.“

Bemerkenswerte nüchterne Aussagen, die wir aber andererseits auch nicht anders von einem Quarterback gewohnt sind, der von Belichick gecoached wird. Wie groß der Druck für Jones wirklich ist, das werden wir wohl erst Sonntagnacht erfahren. Der Wirbel um Bradys Rückkehr wird bis dahin nur noch zunehmen. Dan Shaughnessy, ein renommierter Kolumnist des Boston Globe, bezeichnete das Spiel bei ESPN bereits als größtes Sportereignis in der Geschichte von Boston: „Die sechs Super-Bowl-Titel, dann noch die Umstände, wie er [Brady, Anm. d. Red.] das Team verlassen hat – dafür gibt es in ganz Amerika keinen Vergleich. Er existiert einfach nicht. Es ist, als ob [Boston-Celtics-Legende] Larry Bird noch einmal mit Sacramento zurückkehren würden. Es ist undenkbar. Das ist, was dieses Spiel ist.“

Klingt nach besten Voraussetzungen für ein legendäres Spiel.

Daniel Wolf

Daniel Wolf hat Sportjournalismus an der Hochschule Ansbach studiert und dort seine Leidenschaft für das „richtige“ Football entdeckt. Ist seit Andrew Lucks Mega-Playoff-Comeback gegen die Kansas City Chiefs lautstarker Supporter der Indianapolis Colts. Schreibt seit 2018 für TOUCHDOWN24, hauptsächlich im Bereich NFL. Stolzer Vize-Meister der TOUCHDOWN24-Fantasy-Liga.
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