Kyle Shanahan steht kurz vorm Einzug in den Super Bowl. Credit: Imago Images / USA Today / Darren Yamashita

In der NFL ist aktuell die Trainersuche in vollem Gange. Oft ist bei Beschreibungen der heißen Kandidaten vom Coaching Tree die Rede. Der Stammbaum, welcher den jeweiligen Trainer in seiner bisherigen Karriere geprägt hat, sagt viel über die Philosophie und Herangehensweise aus. Bei niemandem lässt sich dieser so klar aufzeigen, wie bei Kyle Shanahan, dem das Coaching praktisch in die Wiege gelegt wurde. 

 

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Das Erbe von Shanahan, der mit seinen San Francisco 49ers kurz vor dem erneuten Einzug in den Super Bowl steht und dazu noch die Philadelphia Eagles aus dem Weg räumen muss, wiegt auf seinen Schultern. Ab der Geburt schien sein Weg nahezu vorgezeichnet.  

Kyle Shanahan der Football-Coach

Kyle erblickt das Licht der Welt am 14. Dezember 1979 in Minneapolis, Minnesota. Der heute 43-jährige wächst jedoch ab sofort dort auf, wo Mike Shanahan als nächstes anheuert. Vater Mike ist Vollblut-Trainer. Bereits mit 23 Jahren stand er zum ersten Mal bei den Oklahoma Sooners als Assistent an der Seitenlinie. Ab da folgt das übliche Leben eines unerfahrenen Trainers, der aufgrund von Verletzungen früh in eine neue Karriere gedrängt wird. Mike zieht beinahe jedes Jahr an eine neue Wirkungsstätte und klettert allmählich die Postenleiter bei den College Teams hinauf. 

Kurz nach der Geburt von Sohn Kyle zieht die Familie deshalb schon wieder um, diesmal nach Florida. Dort ist Mike endlich für vier Jahre als Offensive Coordinator in verantwortlicher Position und kann sich für die NFL präsentieren. 1984 verschafften ihm die Denver Broncos seinen ersten Job in der Profiliga. Bereits vier Jahre später wurde er erstmals Head Coach bei den Los Angeles Raiders. 

Der richtige Durchbruch gelingt Kyles Vater jedoch erst im Alter von 43 Jahren, als er zu den Broncos an die Seitenlinie als Hauptübungsleiter zurückkehrt und kurze Zeit später mit Quarterback John Elway zwei Super Bowls gewinnt. Seine letzte Station bei den Washington Redskins ist dann auch für die Karriere seines Sohnes entscheidend. 

 

Shany sammelt eigene Erfahrungen

Kyle Shanahan versucht sich zunächst als Wide Receiver und erhält tatsächlich ein Stipendium von den Texas Longhorns. In seiner unauffälligen College Karriere fängt “Shany” jedoch nur 14 Bälle für 127 Yards. Doch während andere sich im Kraftraum oder am Abend auf Partys trafen, macht Kyle sich Skizzen von Spielzügen und versucht laut eigener Aussage, Antworten auf jedes Problem zu finden, welches einem Spieler auf dem Feld begegnen könne. 

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Unmittelbar nach seiner Spielerkarriere heuerte Kyle bereits an der UCLA als Assistenztrainer an. Ein Jahr später geht es in die NFL. Die Tatsache, dass er wesentlich kürzer als sein Vater auf seine erste Gelegenheit warten muss, zeigt auch, dass hier sicherlich der Name Shanahan eine Tür zu den Profis geöffnet hat. Unter Jon Gruden in Tampa und später Gary Kubiak bei den Houston Texans arbeitete sich Kyle bis zum Job des Offensive Coordinators hoch. 

Das macht er so gut, dass sein Vater ihn 2010 nach Washington holt. In der Hauptstadt bildet Kyle sein eigenes Trainerteam für die Offense, welches sich in rückwirkender Betrachtung viel namhafter liest, als es damals den Anschein machte. 

Offensive Coordinator ist der damals 31-jährige Kyle Shanahan. Matt LaFleur ist gleichalt und coacht die Quarterbacks. Heute ist er Head Coach bei den Green Bay Packers. Offensive Assistant ist übrigens ein unscheinbarer 25-jähriger junger Mann. Sean McVay wird die rechte Hand von Kyle, folgt später selbst als Offensive Coordinator bei den Redskins auf seinen damaligen Chef und gewinnt sogar noch vor ihm den Super Bowl mit den Los Angeles Rams. 

Ein feines Näschen für talentierte Trainer bewies Kyle Shanahan schon immer. So setzt er, ab dem Moment an dem er 2017 als Head Coach bei den San Francisco 49ers anfängt, immer wieder auf seine exzellenten Kontakte in der Coaching-Szene und nimmt erstklassige aufstrebende Trainer unter seine Fittiche. Scheinbar hat er aus dem schwierigen Weg seines Vaters, der lange auf eine Chance warten musste, gelernt und will es nun anderen Weggefährten leichter machen. 

 

Kyle bildet eigenen Coaching Tree

Und er hat einen guten Blick dafür, wer gefördert werden sollte. Sein Offensive Coordinator Mike McDaniel ist mittlerweile Head Coach der Miami Dolphins. Defensive Coordinator Robert Saleh auf dem Chefposten der New York Jets. DeMeco Ryans klettert hinter Saleh die Karriereleiter bei den Niners hoch, beerbt den Aufsteiger, nachdem dieser zu den Jets gegangen ist und erhält nun selbst Einladungen von mehreren NFL Teams auf neuer Head-Coach-Suche zu Bewerbungsgesprächen. Bei Bobby Slowik, aktuell Offensive Coordinator, ist es bestimmt auch nur eine Frage der Zeit, ehe sich die Profiliga für den 35-jährigen als Cheftrainer-Kandidaten interessiert. 

In fünf Jahren hat Kyle Shanahan ein Umfeld bei den 49ers an der Westküste geschaffen, welches gute Trainer hervorbringt und hervorragende Spieler ausbildet. Bei bereits am College elitären Talenten, wie Nick Bosa, war der Weg sicher vorbestimmt. Doch Shanahan vertraut im NFC Championship Game auf weitere Pro Bowler dieser Saison. 

Safety Talanoa Hufanga und Tight End George Kittle wurden in der fünften Runde ihres jeweiligen Drafts ausgewählt. Linebacker Fred Warner immerhin in Runde Drei. Viele weitere Spieler haben sich prächtig unter der Anleitung von Shanahan entwickelt, der genau weiß, dass der Schlüssel dazu nicht allein in seiner Arbeit liegt, sondern in der des kompletten Staffs. 

Dabei scheut sich Kyle nicht davor, jungen und vermeintlich unerfahrenen Trainern eine Chance zu geben. Daniel Bullocks wurde mit 36 Safeties Coach bei den Niners. DeMeco Ryans erhielt seinen ersten Job direkt bei Amtsantritt mit 33. Wes Welker kam mit 38 nach San Francisco. Alle drei spielten bereits in der NFL. Ryans und Welker sogar auf absolutem Top-Niveau. 

Shanahan war ein Profiteur seines Trainer-Stammbaums. Sein Nachname hat geholfen, selbst frühzeitig eine Karriere in der NFL zu starten. Jetzt nutzt der Erfolgscoach seinen Einfluss und ermöglicht anderen aufstrebenden Neulingen, eine Chance auf ein Traineramt zu ergattern. Dabei fest das NFC Championship Game gegen die Eagles im Blick. Denn ein Super Bowl fehlt dem Football-Coach, um auch endlich mit anderen Größen in dieser Liga gleichzuziehen.