Justin Fields blickt erwartungsvoll in seine NFL-Zukunft bei den Chicago Bears. Justin Fields blickt erwartungsvoll in seine NFL-Zukunft bei den Chicago Bears. Imago Images / ZUMA Wire / Chris Sweda

Justin Fields und der Fluch der Chicago Bears

geschrieben/veröffentlicht von/durch  10.05.2021
Viele Fans der Chicago Bears konnten ihr Glück beim NFL Draft 2021 kaum fassen: Per Trade sicherte sich die Franchise aus der Windy City Justin Fields, einen der talentiertesten Quarterbacks des aktuellen Jahrgangs. Dieser füllt nicht nur eine monumentale Lücke im aktuellen Kader und in der mittelfristigen Zukunftsplanung. Er gibt den Bären auch die Hoffnung, endlich mal einen dieser echten Franchise-Quarterbacks gefunden zu haben, die sonst immer nur in anderen NFL-Farben auflaufen!

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"Die Vergangenheit ist lediglich ein Prolog". So sagte es der englische Jahrhundert-Dramatiker William Shakespeare einst und brach unter anderem eine imaginative Lanze für das Leben im Jetzt sowie das große Potenzial der Zukunft. Wenn die Chicago Bears auf ihre illustre und erfolgreiche Historie zurückblicken, dann hätten sie mit dem Verfasser von "Hamlet" sicherlich das ein oder andere in Bezug auf diese Aussage zu diskutieren. Schließlich sind derer acht NFL Championships sowie der sagenumwobene Super Bowl Sieg von 1985 ein wenig mehr als ein reines Vorwort. Die Gegenwart und die Zukunft, da würden die heutigen "Monster Of The Midway" aber auch zustimmen, muss man trotzdem in vielen Bereichen losgelöst von der Vergangenheit betrachten. Besonders im Hinblick auf einen Spieler: Justin Fields.

Dieser in Kennesaw, Georgia, geborene Modellathlet wird in den kommenden Monaten und Jahren mit der großen Aufgabe betraut sein, die stolze NFC North Franchise in die Zukunft zu führen. Eine hoffentlich erfolgreiche Zukunft, in der man endlich wieder das in den letzten Jahren zeitweise aufklaffende Loch zum Erzrivalen aus Green Bay schließt und sich im erlauchten Kreis echter Super Bowl Contender wiederfindet. Der elfte Pick des 2021er NFL Draft untermauert derartige Hoffnungen mit einer Reihe von guten Argumenten: An der Ohio State University war er ein Superstar, dessen astronomische Zahlen über zwei Jahre oftmals jeglicher Logik entbehrten, der im direkten Duell mit Number One Overall Pick Trevor Lawrence sechs Touchdowns auf den Rasen zauberte und dessen Körperbau Erinnerungen an den so mancher antiker griechischer Heldenstatue weckt.

Die düstere Quarterback-Kapitel vor Justin Fields

Hier und da hört man aber schon die ein oder andere böse Stimme, die mit dem verbalen Zeigefinger zur Erinnerung mahnt. Zum vor Augen führen einer Tatsache, von der sich die Chicago Bears einfach nur schwer lossagen können. In ihrer Geschichte hatten die Bären nie einen wirklich überragenden Quarterback in ihren Reihen, ganz egal wie viel Hoffnung so mancher von ihnen am Anfang auch versprühte. James Palmer vom NFL Network kramte letztes Jahr eine Statistik heraus, die in der Wahrnehmung eingefleischter Bears-Fans längst zum Allgemeinwissen gehört: In den Kategorien Passing Yards pro Spiel (173,3), Passing Yards pro Attempt (6,5), Passing Touchdowns pro Spiel (1,0), Touchdown zu Interception Verhältnis (0,93) und dem Passer Rating (71,9) rangiert Chicago in der Super Bowl Ära auf dem letzten Platz in der gesamten NFL. Nein, nicht nur kumuliert, sondern in jedem einzelnen dieser Rankings haben die Bears die rote Laterne in den Tatzen. Noch nie durften ihre Fans einen 4000-Yard-Passer bewundern, noch nie schaffte ein Quarterback in Chicago 30 oder mehr Touchdowns.



Letzteres ist ein Kunststück, was selbst Namen wie Ryan Fitzpatrick oder Blake Bortles in ihrer Vita vorweisen können. Oder auch Andy Dalton, der in dieser Offseason bei den Bears unterschrieb und am Anfang sogar noch vor Justin Fields auf dem Depth Chart stehen soll. Gründe für diese gleichermaßen unterirdischen wie verwunderlichen Zahlen gibt es viele, neben übersinnlichen Verschwörungstheorien ist die plausibelste natürlich die Grundphilosophie Chicagoes und ihr Verständnis davon, American Football zu spielen. Seit jeher basiert eben jene in der Windy City auf einem physischen Laufspiel und einer furchteinflößenden Defense, die Liste legendärer Verteidiger und Running Backs würde so manchen Zeitrahmen sprengen. Es ist ein Mantra, was zu den kalten, windigen Verhältnissen am Lake Michigan passt, was den oft winterlichen Begebenheiten in Illinois nicht nur trotzt, sondern sie zum gefürchteten Gehilfen macht. Und es ist eine Identität, mit der die Bears über ein Jahrhundert meistens gut gefahren sind. Ganz aufgeben werden sie diese – berechtigterweise – auch in Zukunft nicht. Aber Justin Fields ist gleichermaßen die Art von modernem, athletischem Quarterback, wie ihn die NFL derzeit in ihr Herz geschlossen hat, und in die viele erfolgreiche Franchises ihre Hoffnungen setzen.

Justin Fields soll die Offense in ein neues Zeitalter führen

Wie sehr man sich auch in Chicago nach einem Unterschiedsspieler als Signal Caller sehnt, zeigen die vergangenen Tage. Justin Fields ist bereits jetzt Zentrum jeder PR-Kampagne der Franchise, die Sportmetropole schließt ihn willentlich in ihre Arme und träumt von großen Taten auf großen Bühnen. Fields scheint wie gemacht dafür, mit seinem unerschütterlichen inneren Selbstbewusstsein, der intrinsischen Motivation ob seiner relativ späten Auswahl im Draft und einer Aura des Arbeitswütigen, wie sie in der National Football League oft zum Erfolg führt. Natürlich gibt es auch Zweifel, wie seine lange Wurfbewegung oder die vermeintlich langsame Verarbeitung von Spielsituationen. Doch diese Sorgen sind für einen anderen Tag. Fields steht im Moment nur für die Hoffnung, dass man endlich auch einmal wegen und nicht nur mit seinem Quarterback gewinnen kann. Er soll die Namen der Vergangenheit in die hintersten Hinterstübchen der Bears-Psyche verbannen, wenn er sie schon nicht ganz vergessen machen kann. Die Cade McNowns, die Rex Grossmans, die Jack Concannons dieser Welt. Oder auch die letzten großen Hoffnungsträger namens Jay Cutler und Mitch Trubisky, deren Zeit in Chicago ebenfalls von reihenweise Enttäuschungen und verpassten Chancen geprägt war.

So ganz loslösen kann man die heutige Quarterback-Situation dann wohl doch nicht vom Gestern. Schließlich kann man aus vergangenen Fehlern oder gescheiterten Projekten ja auch eine Menge lernen. Vielleicht auch Dinge, die jemandem wie Justin Fields bei seiner Entwicklung zu Gute kommen, wann auch immer er seinen ersten Start bekommen wird. Der berühmte amerikanische Schriftsteller Robert A. Heinlein wies einmal daraufhin, dass man sich auf keinen Fall seiner Geschichte verschließen darf, sonst hätte es nämlich fatale Folgen. Er schrieb einmal: „Eine Generation, welche die Historie ignoriert, die hat keine Vergangenheit – und keine Zukunft.“ Da sind die heutigen Fans der Chicago Bears dann wohl doch eher beim lieben William Shakespeare, nach welchem Justin Fields und die von ihm gestaltete Zukunft die wirklich große Geschichte werden könnte…
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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