Ob NFL-Star Jonathan Taylor so jemals wieder für die Colts aufläuft, steht in den Sternen. Credit: Imago Images / ZUMA Wire / John Mersits

Eine NFL-Offseason bedeutet auch immer einigen Stress zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Im Moment beschäftigt der Zwist zwischen Jonathan Taylor und den Indianapolis Colts die Liga, nicht nur, weil er den vielleicht besten Runningback der NFL betrifft, sondern auch weil es in den kommenden Wochen noch ein klein wenig hässlicher werden könnte!

Sechs Jahre auf drei verschiedenen Football-Ebenen. Fünf davon schließt er mit 1800 Yards oder mehr ab. Sein Trophäenschrank platzt aus allen Nähten, die Liste seiner Rekorde würde ausgestreckt von New Jersey über Indianapolis bis hin ins schöne Wisconsin reichen. Irgendwie tut sie es sogar, was Jonathan Taylor im Moment aber nicht wirklich interessieren dürfte. Denn ein paar schwarze Zahlen auf weißem Papier haben eben nicht die richtige Dimension. Noch nicht.

Der Runningback der Indianapolis Colts ist der neueste NFL-Star, der sich in einem ausgedehnten Vertragsstreit mit seinem Team befindet. Wer sich nun angewidert von diesen Zeilen abwendet, dem kann man nicht böse sein. Die von der NFL-Presse im Stile weiblicher Schweine durchs Dorf getriebenen Streitigkeiten zwischen Teams und ihren Profis gehören Jahr für Jahr zu den wohl leidigsten Geschichten, welche die National Football League in schöner Regelmäßigkeit schreibt.

Für einfache Menschen aus einer weit entfernten weil realen Welt wirken die Probleme von zigfachen Millionären im Showgeschäft Profi-Football doch ein wenig entrückt von einer gesunden Perspektive auf das schwierige Ding, das sich Leben schimpft. Erst recht, wenn die Missverständnisse in kindischer Social-Media-Manier ausgefochten werden. Wenn du einen gemeinen Leak über einen Reporter verbreitest, dann lösche ich den Teamnamen aus meinem Online-Profil. Mancher Kita-Streit läuft da sittlicher und intellektueller ab.

Jonathan Taylor ist in fiesem Vertragspoker gefangen

Auf jenes Level ist der Vertragspoker zwischen Jonathan Taylor und den Colts bisher noch nicht abgerutscht, was aber auch nur daran liegt, dass es auch ohne die erwähnten Beweise der Unreife ziemlich fies und mit ordentlichen Geschützen zur Sache geht. Nachdem das Team wenig Dringlichkeit in einer Vertragsverlängerung für ihren All-Pro sah, konterte dieser nach langem Hin und Her mit der Bitte um einen Trade. Unter der Oberfläche brodeln dabei etliche Meinungsverschiedenheiten, vom Status von Taylors letztjährigen Verletzungen über seine darauffolgende Knöchel-Operation bis hin zur Drohung der Colts, ihren derzeit im Camp inaktiven Runner auf die Non-Football-Injury-List zu setzen.

Letzteres könnte eine komplette Eskalationsstufe darstellen, denn Taylor würde dann potenziell weder für die Colts auflaufen noch sein Gehalt für 2023 erhalten. Gleichzeitig würde sich sein Vertrag um ein weiteres Jahr verlängern. Helfen würde das niemandem, was bei einem Trade vielleicht schon anders aussehen könnte. Diesen lehnen der extrovertierte Colts-Besitzer Jim Irsay und General Manager Chris Ballard kategorisch ab, nicht zuletzt wegen der mauen Marktlage für die NFL-Runningbacks, welche zuletzt mit diesem Schicksal immer wieder Schlagzeilen machten.

Taylors Agentenwechsel hin zum ehemaligen MMA-Top-Vertreter Malki Kawa verdeutlicht, dass er in dieser Sache keinen Schritt zurückweichen will. Warum sollte er auch, denn auch wenn viele NFL-Spieler sich und ihren eigenen Wert in derlei Geschichten oftmals maßlos überschätzen, so scheint es bei Taylor derzeit eher die Enttäuschung über einen Mangel an Loyalität von Seiten der Colts zu sein, die ihn in den Kampf am Verhandlungstisch treibt. Jene gilt eigentlich als typisch für Irsay und seine Franchise, jedoch scheint auch sie nicht zum derzeitigen Business-Modell Runningback zu passen.

Anthony Richardson braucht Jonathan Taylor

Was im ersten Moment wie eine logische Konsequenz und verständlich aus Teamsicht erscheinen mag, ist in Taylors Fall dann aber doch eben nicht so einfach. Denn Jonathan Taylor ist nicht irgendein Runningback. Er war auf der High School ein Naturwunder, nur um am College ein noch viel Größeres zu werden. Seine ersten beiden Jahre in der NFL gingen ebenfalls spektakulär über die Bühne, er hat objektiv so ziemlich alles, was man sich von einem Generationenspieler wünscht.

Unverwundbar ist er natürlich nicht, wie die letzte Saison zeigte. Diese ist bis jetzt aber lediglich eine Ausnahme, eine nagende Verletzung torpedierte auch wegen fragwürdigem Umgang damit die gesamte Spielzeit. Aber solange der Knöchel nicht chronisch kaputt sein sollte, worauf eigentlich nichts hindeutet, kann Taylor so ziemlich jedes Argument für einen neuen Vertrag ins Feld führen, was einem so einfällt. Inklusive der göttlichen Fügung, dass sein derzeitiger Quarterback namens Anthony Richardson unter einem Rookie-Vertrag spielt.

Gerade wegen ihm sollte das Interesse der Colts ganz klar darauf abzielen, mit Taylor vielleicht auch zu schlechteren Konditionen zu verlängern. Es wäre nicht nur ein Zeichen an den Locker Room, wo genau registriert wird, wie mit verdienten Spielern umgegangen wird. Was Taylor dem jungen und extrem ungeschliffenen Rohdiamanten Richardson geben kann, ist weit mehr, als es auf dem Papier oder im Salary Cap erscheinen mag. Hier geht es schließlich um die Entwicklung eines potenziellen Franchise-Quarterbacks.

Jonathan Taylor als Gesicht der Colts

Bevor jener das Gesicht der Colts sein kann hätten sie zudem mit Taylor jemanden, der perfekt für diesen Job ausgerüstet ist. Wir reden hier nicht von jemanden, der keine zwei Sätze unfallfrei aneinanderreihen kann, ohne in Obszönitäten abzugleiten, oder jemanden mit einem prallgefüllten Polizeiregister, wie es leider auch in der NFL immer mal wieder vorkommt. Taylor hätte in Harvard studieren können und hat dies in Zukunft auch noch vor. Er ist ein freundliches, begeisterungsfähiges Vorbild an Arbeitseifer, interessiert sich von Kindesbeinen an für Astrologie, lebt und atmet aber eigentlich nur Football. Kurzum: Er ist genau die Art Mensch, die man sich als Gesicht seiner Franchise wünscht.

So sehr die aktuelle Marktlage in der NFL es auch verlangen mag, einem Runningback im Vertragspoker auf keinen Fall nachzugeben, so sollten die Colts doch lieber zwei Mal überlegen, was sie das derzeitige Geplänkel mit Taylor kosten könnte. Wahrscheinlich weit mehr, als die Millionen, um die es gerade geht. Chris Ballard nannte Taylor selbst einmal eine der „besten offensive Waffen der NFL“, ein Satz, in dem das Wort Runningback nicht vorkommt. Und damit sollte man eventuell auch einen etwas anderen Standard anlegen.

Eventuell einen, der Taylors letzten sechs Jahren ein klein wenig angemessener ist.

Über den/die Autor/in
Moritz Wollert
Moritz Wollert
Moritz Wollert schreibt für TOUCHDOWN24 u.a. über die NFL. Für das monatliche Print-Magazin schreibt er u.a. die NFL History Artikel

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