HEFT #51

Ausgabe NOVEMBER 2021

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Jalen Hurts und die Zukunft der Philadelphia Eagles

"Was meinst Du, DeVonta, bin ich wohl nächstes Jahr noch der Starter?!" - Jalen Hurts von den Philadelphia Eagles "Was meinst Du, DeVonta, bin ich wohl nächstes Jahr noch der Starter?!" - Jalen Hurts von den Philadelphia Eagles Imago Images / Icon Sportswire / Kyle Ross
Am vergangenen NFL Sonntag hatte Jalen Hurts von den Philadelphia Eagles Ende der ersten Halbzeit gerade einmal 35 Yards mit 20 Pässen überbrückt. Dass die Fans seiner Mannschaft nicht schon das „For Sale“ Zeichen vor seinem Haus in den Rasen gerammt haben liegt daran, dass Hurts kurze Zeit später ein erfrischendes Comeback gegen die favorisierten Carolina Panthers aus den Federn zauberte. Womit er allerdings eine zentrale Frage des "Rebuild of Brotherly Love" noch nicht beantwortet hat: Kann er, Jalen Hurts, der Quarterback der Zukunft in Philadelphia sein?



Die Fanbase der Philadelphia Eagles, die sogar schon mal den gutherzigen Weihnachtsmann ausgebuht hat, ist nicht unbedingt die geduldigste unter der NFL-Sonne, das dürfte hinlänglich bekannt sein. Womit der derzeit ablaufende Rebuild der Eagles ein ziemlich zermürbendes Unterfangen für alle Beteiligten werden könnte, was das erneute Aufrichten einer Franchise in der NFL ja meistens ist. Vor allem eine Frage beschäftigt die Eagles-Anhänger in diesen Tagen und sie stellt die traditionell wichtigste im Prozess eines Wiederaufbaus dar: Wer ist der Quarterback der Zukunft?

Jalen Hurts streckt seit einiger Zeit vehement seinen Arm in die Höhe bei diesen Worten, nur sind sich die Millionen als Eagles-Fans verkleideten Lehrer ziemlich uneins, ob sie ihn denn nun wirklich drannehmen sollen. Für den Moment sitzt der Falknerhandschuh beim 23-Jährigen eigentlich ziemlich fest und das Team folgt ihm zumeist auch im Stile eines treuen Greifvogels, der für seinen menschlichen Partner auf die Jagd fliegt. Auch er selbst spannt immer wieder schön Flügel und Beine, mit denen er zeitweise wie kaum ein Zweiter in der NFL-Geschichte über den Rasen galoppiert. Das Problem ist nur, dass die Beutezüge im Großen und Ganzen zumeist nicht wirklich ergiebig sind. Wie zum Beispiel am vergangenen Wochenende in der ersten Halbzeit gegen die Carolina Panthers.

Jalen Hurts mit Albtraumstart gegen Carolina

Jalen Hurts begann das Auswärtsspiel gegen Sam Darnolds Mannen mit 20 Pässen für 35 Yards, ein Verhältnis, bei dem die Offense vorsichtig sein muss, nicht auf einmal in die falsche Richtung zu marschieren. Es war bei weitem nicht das erste Mal, dass Jalen Hurts derartige Schwierigkeiten mit seinem eigenen Passing Game hatte. Seine Wurfbewegung gilt weitestgehend als zu lang, der Ball springt nicht wirklich aus seiner Hand und er hat zuweilen große Probleme, komplizierte Coverages zu entziffern. Gepaart mit einem im Moment eher unbeständigen wie gesichtslosen Gameplan von Rookie-Head-Coach Nick Sirianni bringen diese Tatsachen die Eagles-Offense immer mal wieder zum Stottern. Jedoch bleibt das meistens kein Dauerzustand.

Das Spiel gegen Carolina ist auch hier ein perfektes Beispiel für das Mysterium Jalen Hurts. Denn auch wenn er ganz weit unten auf der NFL-Qualitätsskala begann, so sehr zeigte er gegen Spielende, dass er etwas hat, mit dem man in dieser gnadenlosen Liga Spiele gewinnen kann. Er machte wichtige Meter mit seinen Füßen, er fand Playmaker da, wo sie den Ball brauchen, und er machte mutige, toughe Würfe in Situationen, wo das Spiel auf der Kippe stand. Auch all das sind Dinge, die man schon von ihm gesehen hat, wie in seinem furiosen Starterdebüt letztes Jahr gegen New Orleans zum Beispiel oder auch beim diesjährigen Saisonauftaktsieg in Atlanta. Auch seine bisher gute Chemie mit First-Round-Receiver DeVonta Smith ist hierbei etwas, das er ganz klar auf der Habenseite hat.

Welches System passt wirklich zu Jalen Hurts?

Nun möchte man diese Leistungsschwankungen gerne als das abtun, was man bei fast allen jungen NFL-Quarterbacks beobachten kann, die nicht gerade Justin Herbert heißen. Gerade sich entwickelnde Signal Caller haben im Haifischbecken NFL immer wieder großen Schwierigkeiten, den Kopf konstant über Wasser zu halten und gleichzeitig auch noch mit einer blitzsauberen Kraulbewegung durch das kühle Nass zu schießen. Hurts ist da nicht nur keine Ausnahme, er ist vielleicht sogar ein Extremfall. Denn die Schere geht bei ihm regelmäßig doch sehr weit auseinander. An einem Tag scheint seine Karriere schnurstracks aus die des Clipboard-Halters hinzusteuern, am anderen dann gibt er die Art erwachsenen, emotionalen "Leader of men", den sie in der NFL überall suchen.



Die Wahrheit liegt womöglich irgendwo in der Mitte. Eine Schwierigkeit könnte werden, dass Hurts oft im Rahmen von Run-Pass-Option-Plays oder mit dem eigenen Laufspiel den größten Schaden beim Gegner anrichtet. Teilweise verkrampfen sich die Eagles sogar darauf und vergessen ihr traditionelles Laufspiel, was Sirianni schon einiges an Kritik eingebracht hat, nur am Ende geht es vor allem darum, dass Hurts auch als Werfer dauerhaft Schritte nach vorne machen muss. Hier sind sich der Coach und sein junger Schützling noch nicht ganz einig, wer die Fernbedienung halten darf und welches Programm sie schauen wollen. Ein Film, der vor allem zu den Talenten von Jalen Hurts und zum Kader der Eagles passt, wäre hier für beide Seiten wünschenswert.

Jalen Hurts darf sich in der aktuellen NFL-Saison beweisen

Nun darf man nicht vergessen, dass Hurts erst 23 Jahre alt ist und nach gerade einmal neun Starts sicherlich noch am Anfang seiner NFL-Entwicklung steht. Die letztjährigen Einschränkungen durch Covid-19, seine anfängliche Backup-Rolle und auch die Begleitumstände in einem sich findenden Kader waren nicht immer optimal. Gleichzeitig startete er mit viel Kredit nach dem Carson-Wentz-Fiasko und brachte vom College, wo er in Alabama und Oklahoma gleich für zwei Powerhouses und Trainer-Gurus auflaufen durfte, mehr Erfahrung mit als viele andere. Sein Armtalent spannt letztendlich doch ein Dach über sein Potenzial, welches nur mit vielen anderen Qualitäten durchbrochen werden kann. So oder so ist die aktuelle Saison für ihn auf jeden Fall eine Chance, diese unter Beweis zu stellen und sich für größere oder dauerhaftere Aufgaben in der "City Of Brotherly Love" zu empfehlen. Ein Sieg morgen bei Thursday Night Football gegen Tom Brady und dessen Tampa Bay Buccaneers wäre dem ohne Zweifel zuträglich.

Wie auch immer sich die nächsten Wochen entwickeln, eigentlich können die Eagles ihrem Rebuild aktuell sehr optimistisch entgegen blicken. Schließlich besitzen sie drei First Round Picks im kommenden Draft, ihren eigenen sowie den der Dolphins und den der Colts. So wie es derzeit ausschaut habe alle drei durchaus Chancen, am Ende in den Top Ten zu landen oder zumindest in der oberen Hälfte des Draft. Mit einer verstärkten Defense oder weiteren Playmakern in der Offense könnte man Jalen Hurts vielleicht sogar im nächsten Jahr noch besser evaluieren. Eine derartige "zweite" Chance müsste er sich aber in der aktuellen Spielzeit schon noch etwas nachdrücklicher verdienen.

Schließlich sind wir immer noch in Philly, da kann er ja den Weihnachtsmann fragen…
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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