"Wow, neun NFL Teams in 17 Jahren!" Ryan Fitzpatrick ist ziemlich viel rumgekommen. "Wow, neun NFL Teams in 17 Jahren!" Ryan Fitzpatrick ist ziemlich viel rumgekommen. Imago Images / Icon SMI / Zach Bolinger

"Fitzmagic" ist bereit für den nächsten Auftritt

geschrieben/veröffentlicht von/durch  31.05.2021
Langsam wird es eng auf dem hauseigenen Helmregal. Ryan Fitzpatrick spielt in der kommenden Saison beim Washington Football Team für seine neunte NFL Franchise und könnte somit im großen Football-Lexikon durchaus mit eigenem Foto neben dem Begriff "Journeyman" verewigt sein. Wo er auch war, den Playoffs durfte der heute 38-Jährige nur von der heimischen Couch aus zuschauen. Seinem Kultcharakter tat das keinen Abbruch – im Gegenteil – und in Washington könnte es ja vielleicht auch das erste Mal etwas werden mit der NFL Postseason!

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Ryan Fitzpatrick spielt nämlich nicht nur den vielleicht besten Football seiner Karriere in den vergangenen Jahren und ähnelt damit einem gut reifenden Qualitätswein, er ist in der Hauptstadt auch von einer mehr als schlagkräftigen Mannschaft umgeben. Das Football Team verfügt über eine der besten Verteidigungen der NFL, konnte in der Offseason einige junge Playmaker dazugewinnen und schaffte es unter Coach Ron Rivera ja auch im letzten Jahr schon mit einem sich stetig drehenden Quarterback-Karussell in die Postseason. Jetzt übernimmt die "Amish Rifle" und soll als designierter Starter Konstanz auf der vielleicht wichtigsten Position im amerikanischen Profisport bringen.



Fitzpatrick? Konstanz? Ist klar. Neun verschiedene Trikots trug er in seinen 17 NFL-Spielzeiten, die Leistungen pendelten dabei zwischen Brett-Favre-Gedächtnistagen und „wir lassen mal den eigenen Fanbeauftragten Signal Caller spielen“. Doch egal ob "Fitzmagic" oder "Fitztragic", unterhaltsam ist es mit dem siebenfachen Vater allemal. Sein letzter Arbeitgeber, die Miami Dolphins, können davon ein Lied singen, hielt sich der bekennende Football-Junkie doch das gesamte vergangene Jahr über in einer Art Quarterback-Competition inklusive Mentorship mit Youngster Tua Tagovailoa. "Fitz" machte letztendlich sogar die bessere Figur, Teil der Zukunft Miamis wurde er trotzdem nicht.

Ryan Fitzpatrick lebt vor allem im Moment

Auch in Washington wird er das nicht sein, zumindest nicht auf mittel- oder gar langfristige Sicht. Im Alter von bald 39 Jahren gehen Karriereplanung und auch die meisten Arbeitspapiere nur noch von Jahr zu Jahr, erst recht, wenn sich die eigenen Leistungen in ihrer Gesamtheit dann doch oft am Rande der Ersatzbank bewegten. Aber so wie Ryan Fitzpatrick auf dem Spielfeld eigentlich immer nur für das aktuelle Play lebt, so wird er auch seine neueste Herausforderung angehen. Wenn er nicht das hätte, was Sportler gerne als „kurzes Gedächtnis“ bezeichnen, dann hätte er sich längst mit seinem Harvard-Abschluss irgendeinen gut bezahlten Job in der freien Wirtschaft gesucht und würde dort beim Feierabend-Bier Geschichten erzählen, wie er einmal einen Touchdown zu Terrell Owens geworfen hat.



Was gestern war, zählt aber für seine neuen Teamkollegen und für ihn selbst nur wenig, besonders nebensächlich ist seine NFL Vita für das, was kommen soll. Dabei sind gerade die Leistungen der jüngsten Vergangenheit durchaus bemerkenswert. In seinen letzten drei Spielzeiten brachte er fast 65 Prozent seiner Pässe an den Mann und 50 Touchdowns stehen gerade einmal 33 Interceptions gegenüber. Von seinen 25 Starts in Tampa Bay und Miami gewann er dann allerdings doch nur elf. Insgesamt gelangen dem beliebtesten Rauschebart der Liga in seiner Karriere gerade einmal zwei NFL Spielzeiten mit einer positiven Teambilanz. Nichtdestotrotz setzt Washington auf das, was Fitzpatrick an jeder seiner Karrierestationen fernab der reinen Statistiken und Zahlen wertvoll gemacht hat.

Die Rolle als Game Manager steht Ryan Fitzpatrick nicht

Wo immer er in der NFL auch auflief, brachte der Mann mit dem extravaganten Kleidungsstil positive Energie, zeigte keine Angst und hatte eine Aura im Schlepptau, welche bei den Teamkameraden immer gut ankam. Er ist ehrgeizig (was ihn teilweise zum suboptimalen Backup-Quarterback machte), weiß wie man gute Laune verbreitet und gerade zuletzt schweißte seine Erfahrung immer wieder junge Mannschaften zusammen. Den gleichen Effekt erhoffen sich die Verantwortlichen in Washington, die nicht existente Playoff-Vita des Neuzugangs mal außer Acht gelassen. Schließlich wirft ja aber auch das Team eine ganze Menge in die Waagschale mit jungen Defensivstars wie zum Beispiel Chase Young oder Montez Sweat oder aufstrebenden Offensive-Waffen wie Terry McLaurin. Hier muss Fitzpatrick eigentlich nicht viel mehr sein als ein Game Manager, dann könnte der generationsübergreifende One-Year-Stand zum ausbaufähigen Abenteuer werden.



Genau hier könnte aber das Problem liegen. Sichere Pässe, auf den Ball aufpassen, sich selbst mal zurücknehmen… das sind keine Ausdrücke, die regelmäßig im Vokabular von Ryan Fitzpatrick vorkommen. Dafür juckt es dem "Gunslinger" dann doch immer zu sehr in der eigenen Wurfhand, was ziemlich konträr läuft zu Washingtons eigentlicher spielerischer Identität. So oder so, Probleme beim Eingewöhnen im neuen Team wird "Fitzy" auf keinen Fall haben. "Dafür habe ich es einfach schon viel zu oft gemacht, als dass ich damit noch Schwierigkeiten hätte", lächelte Fitzpatrick bei einer der ersten Trainingseinheiten für seinen neuen Arbeitgeber.

Und da sind sie auch schon wieder, dieser ganz besondere Schalk im Nacken und die positive Energie Ryan Fitzpatricks, an die man sich in Washington gerne gewöhnen möchte. Natürlich zündet die Pointe nicht mehr ganz so gut, wenn erst einmal ein paar Interceptions und knappe Niederlagen durch das FedEx Field flattern, was die Historie dann wohl doch als durchaus realistisch erscheinen lässt. Aber gut, man kann halt auch nicht alles haben.

Mit Ryan Fitzpatrick bekommt man jedenfalls schon mal eine ganze Menge…
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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