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Mike White- Eine unglaubliche NFL-Geschichte

Hallo, NFL, hier bin ich! Mike White ist bei den New York Jets der Mann der Stunde Hallo, NFL, hier bin ich! Mike White ist bei den New York Jets der Mann der Stunde Imago Images / ZUMA Wire / Duncan Williams
Wenn Mike White für die New York Jets gegen die Indianapolis Colts bei Thursday Night Football aufläuft, dann wird es für ihn ein ganz anderes Gefühl sein als in seinem ersten NFL-Start am vergangenen Wochenende. Er wird nicht einfach nur ein Backup sein, der für ein paar Spiele den großen Hoffnungsträger der Franchise vertritt und dann wieder in der Versenkung verschwindet. Dank seiner überragenden Leistung gegen Cincinnati ist er zumindest für ein paar Tage mehr, eine große Unbekannte, ein Grund zum Träumen, Futter für die hungrigen Mäuler des New Yorker Medienmonsters. Aber sein wir mal ehrlich, Mike White ist doch eine Eintagsfliege, wie sie im Buche steht. Oder etwa nicht?



Die Cincinnati Bengals kamen am vergangenen Wochenende als vermeintlich bestes Team der AFC nach New York, eine Mannschaft, über die nach ihrem beeindruckenden Sieg über die Baltimore Ravens eine Woche zuvor die gesamte NFL sprach. Auch wenn ihr Matchup mit den heimischen Jets als klassisches Trap Game um die Ecke schaute, es gab eigentlich keine Möglichkeit, wie die jungen New Yorker mit ihrer Antonow voller Probleme den Bengals über vier Viertel Paroli bieten könnten. Nicht ohne ihren eigentlichen Starting Quarterback, nicht ohne ihren Top-Receiver, nicht mit der vollkommenen Indisponiertheit, die sie offensiv über weite Strecken in dieser Saison präsentierten und welche sie scheinbar jeglichen Selbstvertrauens beraubt hatte. Und dann passierte Mike White.

Mike White wird über Nacht zum Jets-Superstar

Man kann über seine Zahlen sprechen, die 405 Passing Yards, die drei Touchdowns, die gefangene Two-Point-Conversion, gerne auch über die zwei Interceptions, die nicht wirklich seine Schuld waren. Man kann sich den Spielverlauf anschauen, eine taktische Analyse machen oder die Schuld bei den Bengals suchen, die sicherlich nicht mit so scharf gewetzten Krallen zur Sache gingen, wie sie es vorher die gesamte NFL-Saison über getan haben. Es gab auch eine ziemlich fragwürdige Strafe gegen Cincinnati kurz vor dem Ende, die den Erfolg der Jets nicht begründete aber immerhin begünstigte. Doch all diese Dinge, sie sind eigentlich nur Randerscheinungen. Reine Makulatur. Belanglos. Denn es passierte Mike White.

Der Sport schreibt solch verrückte Geschichten immer mal wieder und am vergangenen Sonntag schien er irgendwie mit dem richtigen Fuß aufgestanden zu sein. Eigentlich passieren derartige Dinge nicht, sie können gar nicht passieren. Sie entbehren jeder Vernunft, jedem Sinn, jeder Rationalität. Sie sind Fantasie, unerklärliche Phänomene, ja gar kleine Wunder. Ein nach jeglichen Maßstäben limitierter, von etlichen Stellen mehrmals als nicht gut genug erachteter Spieler führt in seinem ersten Start eine der besten Mannschaften der NFL vor, inspiriert ein junges, verunsichertes Team und gibt einer gesamten Franchise für einen sonnigen New Yorker Nachmittag mehr Leben, als sie lange Zeit in den eigenen Adern gespürt hatte.

Mike White stellt den New York Jets interessante Fragen

Mike White. Man kann den Namen vielleicht noch einhundert Mal schreiben, glaubwürdiger wird der große Fantasy-Roman dadurch immer noch nicht. Ebenso wenig entbehrt es die New York Jets davon, dass sie sich eine ganze Reihe von Fragen bezüglich ihrer Zukunft stellen müssen. Nicht unbedingt, ob Mike White der Quarterback eben jener sein wird, dafür bräuchte es schon noch etwas mehr als ein besonderes Spiel und wohl auch ein paar Pässe, die weiter als 20 Yards fliegen. Vielmehr darf man sich in Florham Park fragen, warum Zach Wilson, der eigentlich große Hoffnungsträger der Franchise, bisher nicht einmal annährend so gespielt hat wie Mike White am Sonntag? Oder warum die Offense unter ihm nie so funktionierte wie unter Mike White? Oder warum Mike White passiert ist?



Unbeachtet nebst der Hysterie um Mister White bleiben einige Dinge, welche die Jets auch fernab des Quarterbacks anders gemacht haben als bisher und welche die Leistungen des zweifelsohne bisher schwächelnden Wilson in eine gewisse Relation setzen. Offensive Coordinator Mike LaFleur coachte erstmals aus der Press Box, was er eigentlich schon gerne vom ersten Spieltag an getan hätte, worauf er aber zugunsten des direkten Kontakts mit Rookie Wilson doch verzichtete. Auf einmal schien die Jets Offense ein Gefühl für Freiräume zu haben, für Mismatches, einen echten Rhythmus, wie ihn Jets-Fans schon lange nicht mehr beim eigenen Team gesehen haben. Drive-Starter funktionierten, etliche von Whites Completions waren einfache Dumpoffs zu den Runningbacks oder Screen Passes an andere Playmaker und obendrein griffen direkt mehrere Räder ineinander. Das war nicht nur einfach die Anwesenheit von Mike White oder die Abwesenheit vom unerfahrenen Wilson, es war vor allem auch ein Entwicklungsschritt eines jungen Rookie-Offensive-Coordinators, von dem nicht nur sein Quarterback, sondern das gesamte Team profitierte.

Nächster Stopp der Mike White Show: Thursday Night Football

Aber derartige Gedanken geraten schnell in Vergessenheit, viel mehr Spaß macht es doch den klitzekleinen wenn auch momentanen Funken Hoffnung zu entfachen, den Mike White den New York Jets gegeben hat. Etliche Fans und jedes New Yorker Media Outlet spielt quasi mit finalem Play gegen die Bengals Brandbeschleuniger, Head Coach Robert Saleh tat mit der Aussage "alles ist möglich" über die Zukunft auf der Quarterback-Positon sein Übriges. Diese Art von Hype, diese Art von besonderer Geschichte, man würde sie in Omaha, Nebraska, nicht eingefangen bekommen, in New York City tanzt sie dir auf der Nase rum und macht dir gleichzeitig noch einen Knoten in die Beine. Sie wird es tun, bis Mike White bei Thursday Night Football mit den Jets gegen die Indianapolis Colts antritt und alles wieder seinen gewohnten Lauf nimmt. Wenn die "Gang Green" ihre Leistung vom Sonntag nicht bestätigen kann und wenn Mike White auf ein Team trifft, dass sich auf ihn vorbereitet hat. Dann wird sich der Hype dieses einen besonderes Tages schon wieder von ganz alleine legen. Oder vielleicht doch nicht?

Ganz ehrlich, niemand weiß es und wer glaubt, es zu wissen, der kann sich davon ein Eis mit Schokostreuseln genehmigen. Niemand außer dem großen Sportgott selbst weiß, welche Geschichte er als nächstes schreiben wird. Und genauso ist es gut, nicht nur, weil dass die NFL und jeden einzelnen Spieltag interessant macht. Jeden wunderschönen sonnigen Nachmittag, an dem es doch auch einfach mal egal sein kann, wer oder was jetzt das Gestern, die Zukunft oder sonst irgendetwas ist. Oder wer wann wie gut oder wie schlecht aussehen wird. Wo es einfach nur um den Moment geht und darum, diesen zu genießen. Einen Moment wie jenen, den Mike White und auch seine Eltern am vergangenen Sonntag hatten, als das gesamte Metlife Stadium seinen Namen skandierte. Mike gab hinterher zu, dass ihm so etwas vorher noch nie passiert war. Mama und Papa White hatten dabei sogar Tränen in den Augen, wie sie hinterher ganz stolz erzählten.

Manchen Fans der New York Jets ging es vielleicht ähnlich…
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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