HEFT #51

Ausgabe NOVEMBER 2021

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Eine Hommage an die Kicker der NFL

Justin Tucker verwandelte gegen Detroit das längste Field Goal der Ligageschichte. Justin Tucker verwandelte gegen Detroit das längste Field Goal der Ligageschichte. Imago Images / Icon SMI / Scott W. Grau
Als Justin Tucker am Sonntag das längste Field Goal der NFL Geschichte über die Querstangen drosch, fiel der Liga eigentlich kollektiv die Kinnlade herunter. Es war ein Moment, in dem mal wieder eine Spielposition im Fokus stand, die sonst in der NFL oft vergessen wird: Der Kicker. Dabei hat ihr Job doch nicht nur vom Wortlaut her am meisten mit dem amerikanischen „Fußball“ zu tun, sie sind auch oft das besagte Zünglein an der Waage, welches über Siege, Saisons und sogar Super Bowls entscheiden kann. Zeit also, ihnen mal genau auf die Füße zu schauen!



Es sind jedes Mal wieder bange Momente, wenn der Ball in die Luft emporsteigt und gefühlt eine kleine Ewigkeit rotierend in Richtung Querstangen fliegt. Tausende Augenpaare sehen ihm nach, versuchen ihn mit Hoffnungen zu tragen oder mit konspirativen Gedanken seine Flugbahn zu verändern. Für einen Moment scheint das Leben dann in der großen NFL stillzustehen. Bis klar ist, ob das Field Goal gut ist oder eben nicht. Dann bricht der Wahnsinn zwischen Jubel oder Tristesse in seiner vollen Kraft los und der Fokus liegt in diesen Momenten meistens genau auf einem einzigen Mann: Dem Kicker.

Es ist eines der großen Paradoxe dieses Sports, in dem einige der wohl furchteinflößendsten und grimmigsten Männer dieses Planeten für 60 Minuten auf einander los gehen, dass am Ende nicht selten ein Akteur über Sieg und Niederlage entscheidet, der zumindest optisch wenig mit den Lawrence Taylors, den Jack Lamberts oder den Jack Tatums dieser Welt zu tun hat. Ein Spieler, dessen wirkliche Zugehörigkeit zur erlauchten Gemeinschaft der NFL-Profis von einigen ihrer Kollegen sogar angezweifelt wird und der sogar seine eigene Art von Spielball bekommt. Jemand, der vielleicht mehr Kuriosität als echter Footballer ist – trotz der Verbindung zwischen dem Namen der Sportart und der schießenden Profession.

Die Geschichte des Fußes in der NFL

Nun mögen Kicker sich gerne über diese Vorurteile aufregen und könnten wahrscheinlich ganze Bücher mit Witzen ihrer zumeist deutlich kräftigeren und athletischeren Ballspielkameraden füllen, doch ein klein wenig Anteil an ihrem Image haben die Jungs hier schon selbst. In der Geschichte haben sie nicht selten das „Special“ in Special Teams zum Anlass genommen für doch so manche wirklich ulkige Besonderheit. Aber langsam, die Historie der NFL-Kicker begann ganz anders. Denn in den frühen Vorzeiten des American Football wurden noch viele Punkte mit Drop Kicks erzielt und das Kicking wurde von regulären Positionsspielern erledigt. Einige der größten Namen des Sports wie George Blanda, Paul Hornung oder Lou "The Toe" Groza fungierten zeitweise in Doppelfunktion auch als "Fußsoldaten".



Allerdings kristallisierte sich ab den 60er Jahren heraus, dass eine Spezialisierung der Position durchaus Sinn macht und damit öffnete sich die Tür für reihenweise Charaktere, die vorher keine Chance auf einen NFL Vertrag gehabt hatten. Da kamen zum Beispiel Fußballer aus fernen Ländern, Männer, die bei Tryouts ihren Fuß in die Tür bekamen, oder auch ein berühmter Zypriot namens Garo Yepremian, der zu Anfang seiner Karriere eigentlich überhaupt keine Ahnung von dem Spiel hatte, in dem er zum Super Bowl Champion und Kultfigur heranreifen sollte. Ein damaliger Berufskollege gewann einmal ein Spiel für die Packers gegen die Bears via Touchdown nach geblockten Kick und war dabei high, hatte er doch noch in der Halbzeit noch eine Nase Kokain geschnupft. Weit harmloser aber ebenso kurios folgten bald Herrschaften, die besser barfuß kicken konnten, wie Tony Franklin oder Rich Karlis, und schafften es damit sogar in Pro Bowls sowie auf das Cover von Sports Illustrated.

1982 wird sogar ein Kicker der NFL MVP

Und was erzählen wir hier überhaupt, ein Kicker hat sogar einmal den Award des Most Valuable Player der NFL bekommen. 1982 gewinnt Mark Moseley den Titel in der durch einen Spielerstreik verkürzten Saison und sackt am Ende der Spielzeit sogar noch einen Super Bowl Ring mit ein. Nicht schlecht für jemanden, der damals noch mit der eigentlich schon veralteten „Straight On“ Technik die Bälle durch die Gegend bolzte. Mittlerweile haben Talent, Physik und Wissenschaft aufgeholt und ein Anlauf von der Seite wird favorisiert. Ein Freifahrtschein zum Erfolg ist das natürlich nicht und es bewahrt die kickende Zunft wahrlich nicht von den Schattenseiten eines druckerfüllten Jobs im Rampenlicht.



Gary Anderson zum Beispiel (sorry, Vikings Fans) schaffte es direkt in zwei All-Decade-Teams der NFL, doch die erste Geschichte, die Leuten für immer und darüber hinaus zu ihm einfallen wird, ist jene von seinem verschossenen Field Goal im NFC Championship Game 1998. Gleiches gilt für Scott Norwood, der zeitweise sogar den großen O.J. Simpson als führenden All Time Leading Scorer der Buffalo Bills ablöste, dessen Name aber wohl bis ans Ende seiner Tage – tatsächlich tragischerweise – von den Worten "wide right" begleitet werden wird. Es gibt weitere Beispiele, die mehr als nur verdeutlichen, warum Kicker eben doch volle und ganze Sportler sind und warum es daran eben auch gar keinen Zweifel geben kann.

NFL-Kicker müssen einem unglaublichen Druck standhalten

Wenn wir uns an die Freude der Baltimore Ravens erinnern, nachdem Justin Tucker sein Rekord-Field-Goal von 66 Yards gegen die Detroit Lions verwandelte, dann zeigen uns diese Emotionen, wie viel Bedeutung in diesem einen, scheinbar einfachen Tritt zu liegen vermag. Jeder Game Winner oder eben auch verpasste Schuss in der NFL Geschichte ist ein Moment, in dem die Last der Welt, die Schwere aller Hoffnungen der eigenen Teamkameraden, der Fans, ganzer Regionen, auf den Kickern und ihren Füßen liegt. Ein Druck, wenn wir von möglichen letzten Sekunden in den Playoffs oder Fuß bewahre einem Super Bowl ausgehen, der in die höchsten Höhen jeglicher situativer Gefühle im Sport gehen kann.

Abgesehen davon, den guten alten "Duke" akkurat und auch noch weit zu schießen, ist überhaupt nicht einfach. Wer es beim Tailgating, in Nachbars Garten oder auf dem Sportplatz um die Ecke schon einmal versucht hat, der wird um die Bedeutung dieser Worte wissen. Und da kommen eben nicht mordlüsterne 150-Kilogramm-Kolosse mit Händen wie Bratpfannen auf einen zu und würden ihr rechtes Ohr hergeben, um den Kick zu blocken. Da wird sie dann doch ganz real, die Bedeutung der Kicker und ihren Aktionen, die eben weit über das ulkige Aussehen ihrer Ein-Schienen-Gesichtsgitter oder so manch anderer Eigenheit hinausgehen.

Sonst würden wir ja auch alle nicht so mitfiebern, wenn der gekickte Ball in der Luft ist…
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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