Die NFL und Sportwetten sind schon lange miteinander verbandelt. Credit: Imago Images / UPI Photo

Jährlich streicht die National Football League Unsummen durch die Zusammenarbeit mit großen Wettanbietern ein, gleichzeitig suspendiert sie jüngst fünf ihrer Profis aufgrund von Sportwetten. Wie passt das zusammen? Einerseits natürlich gar nicht, andererseits irgendwie schon – wie unter anderem ein Blick in die Geschichte verrät!

Es gab eine Zeit, da konnten Unternehmer aus der Stadt Las Vegas nicht einmal einen Werbespot für den Super Bowl bekommen. Zu anrüchig, zu zwielichtig war die "Sin City" für die NFL-Oberen, eine glitzernde Welt der Sünde, mit der ein angehender Sportgigant nicht beim Tuscheln gesehen werden wollte. Schon gar nicht, wenn es um seinen eigenen Spielbetrieb ging. Heute sehen die Dinge ein klein wenig anders aus. Und es wird mehr als nur getuschelt.

Seit der U.S. Supreme Court 2018 den 1992 ins Leben gerufenen "Professional and Amateur Sports Protection Act", oft auch "Bradley Act" genannt, kippte steht es US-amerikanischen Bundesstaaten frei über Sportwetten in ihrem Einzugsgebiet zu entscheiden. Was durch reihenweise gelockerte Richtlinien letztendlich einen absoluten Boom für die Branche auslösen sollte. Und kein geringerer als die NFL ist auf jenen Zug in Richtung Dagoberts Geldspeicher aufgesprungen. Dabei hat sie nicht nur vergessen, dass sie jahrzehntelang ein entschiedener Gegner aller Wetten war, sondern schloss direkt auch lukrativste Deals mit prominenten Wettanbietern und Fantasy-Firmen. Ach ja, ein Team in Las Vegas gibt es mittlerweile auch und unweit des Strips fand jüngst der erste Super Bowl statt.

Der gemeine Freund des zeitweiligen Tipp-Spiels möchte die Liga ja fast beglückwünschen zu ihrem mit der Zeit gegangenen Sinneswandel oder auch einfach nur dazu, dass Roger Goodell und seine Freunde jetzt noch mehr Kohle mit der Schubkarre nach Hause fahren können als bisher. Wenn da nicht diese ärgerlichen und irgendwie sinnbildlichen News wären, die vor gut einem Jahr und unlängst in der letzten Woche so manche Nachrichtenleiste zierten.

Die NFL auf Kuschelkurs mit der Wettbranche

Kurz nach der eher unscheinbaren Strafe für Josh Shaw 2019 suspendierte die NFL Pro-Bowl-Receiver Calvin Ridley für die gesamte 2022er Saison und ließ nun fünf Strafen im Paket für weitere Spieler folgen, die gegen das strikte Wettverbot für NFL-Spieler und Angestellte verstoßen haben. Wie bitte? Aber eigentlich sind Wetten doch jetzt klasse, oder nicht? Nun ja, nur wenn die Fans damit Geld ausgeben und die NFL es verdient, nicht aber wenn es die eigenen Spieler machen.

Das weiße Ross, mit dem die NFL hier und in etlichen Statements immer wieder in den Kampf um moralische Integrität zieht, ist längst durch eine tiefe Pfütze geritten und zeigt mittlerweile etliche dunkle Stellen. Wasser predigen und Wein trinken ist nicht nur in der Politik ein bekanntes Motto, auch in der NFL gilt jenes Prinzip, wenn es in diesem konkreten Fall vielleicht eher um das Verkaufen der alkoholischen Getränke geht.

Per se ist gegen die Regel an sich nichts zu sagen, egal wie strikt man sie wahrnehmen mag. Das NFL-Wettverbot untersagt sogar den Einsatz bei Sportereignissen außerhalb der eigenen Liga und ist in sich extrem resolut. Ganz schlimm wird es, wenn NFL-Spieler auf die Partien der eigenen Sportart oder sogar des eigenen Teams setzen. Hier entsteht sofort der Verdacht der Vorteilnahme, der Insider-Information und im schlimmsten Fall sogar der einer Wettbewerbsverzerrung. Die Position der Liga ist in diesem Fall durchaus verständlich. Erst recht, weil sie vor Jahrzehnten schon mal einen Wettskandal durchstehen musste.

Der größte Wettskandal in der NFL-Geschichte

1963 suspendierte die NFL mit Paul Hornung und Alex Karras zwei ihrer damals größten Stars, denn der „Golden Boy“ sowie der Detroiter Barbesitzer hingen nicht nur mit den falschen Leuten rum, sie zockten auch in wunderschöner Regelmäßigkeit – unter anderem auch mal auf einen Sieg des eigenen Teams. Was viele heute vielleicht zu Recht mit romantischem Blick als bodenständigere Sportzeiten erinnern, stieß der NFL verständlicherweise als Todsünde auf. Denn auf einmal war ihr gesamtes Produkt gefährdet.

 

Sollte die Öffentlichkeit nämlich denken, dass Spieler andere Interessen neben dem noblen Siegeswillen verfolgen, kann das jeglichen sportlichen Wettbewerb und vor allem das Vertrauen in ein Spiel ad absurdum führen. So geschehen auf ähnliche Weise in der deutschen Fußball-Bundesliga, der einst über eine Million Zuschauer pro Jahr verloren gingen und die sich auf einmal leeren Stadien gegenüber sah, weil 1971 einige Teams beim Verschieben von Spielen erwischt wurden.

So etwas will die National Football League nicht nur tunlichst verhindern, sie hat sogar panische Angst vor einem solchen Ereignis. Denn letztendlich ist bei all ihrer Show doch der sportliche Wettbewerb ihr Kerngeschäft, welcher sich nur durch einen fairen Wettkampf und seine unvorhersehbare Natur aufrechterhalten lässt. Und das ist etwas, womit wahrscheinlich sogar die meisten Spieler d’accord gehen.

Die NFL hat Recht, Sportwetten zu verbieten

Paul Hornung jedenfalls gab seiner Zeit sofort zu, dass er einen Fehler gemacht hat und nahm jegliche Schuld auf sich. Letztendlich müssen das auch die aktuellen Spieler tun, schließlich sind die Regeln jedem bekannt und die NFL handelt lediglich danach im Gegensatz zu den doch arg blauäugigen Aktiven. Und als Liga ist der Grundgedanke solcher Statuten absolut sinnvoll, vielleicht sogar zu einem gewissen Maße unabdinglich. Eine Diskussion über die Verhältnismäßigkeit kann man dabei aber trotzdem führen.

Schließlich sieht man jährlich etliche NFL-Stars beim Kentucky Derby oder anderen notorischen Gambling Events, schließlich geht die Integrität der NFL genau dann ins Bett, wenn sie selbst am Tisch der High Rollers sitzen. Gleichermaßen muss man sich dazu fragen, warum andere Verfehlungen wie Gewaltexzesse abseits des Feldes bei gewissen Spielern vergessen werden und dann wiederum andere für einen mehr oder weniger Kavaliersdelikt öffentlich am Pranger stehen.

Die Antwort auf solche Fragen lässt sich natürlich heruntergebrochen relativ leicht beantworten, meistens von einer ganzen Menge Papierfetzen mit schönen Bildern amerikanischer Präsidenten darauf. Schon jetzt generiert die NFL mehrere hundert Millionen US-Dollar durch Werbedeals mit Wettanbietern, es gibt nicht wenige Experten, die darin in der nahen Zukunft sogar ein Milliarden-Geschäft sehen. Warum auch nicht, zeigen die jüngsten "Aussetzer" der Spieler doch auf beeindruckende Weise, dass die glitzernden Werbekampagnen verfangen.

Das Beharren auf tiefgründigen und edlen moralischen Werten, welchen die NFL in diesen Stunden dann immer gerne anschlägt und für sich beansprucht, tut es allerdings nicht mehr.

Über den/die Autor/in
Moritz Wollert
Moritz Wollert
Moritz Wollert schreibt für TOUCHDOWN24 u.a. über die NFL. Für das monatliche Print-Magazin schreibt er u.a. die NFL History Artikel

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