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Die Schwierigkeit eines "Rebuild" in der NFL

Matt Eberflus und Ryan Poles wollen die Chicago Bears wieder auf Vordermann bringen, was nicht einfach werden dürfte. Matt Eberflus und Ryan Poles wollen die Chicago Bears wieder auf Vordermann bringen, was nicht einfach werden dürfte. Imago Images / ZUMA Wire / Brian Cassella
Der NFL Draft 2022 ist eingetütet, Fans bekommen also einen immer besseren Eindruck davon, was sie in der kommenden Saison von ihren Mannschaften erwarten dürfen. Für nicht wenige wird die kommende Spielzeit von einem Neuaufbau geprägt sein, bei dem zunächst einmal andere Dinge zählen als Siege. Was auf den ersten Blick frustrierend sein mag und von so manchem Team vehement abgelehnt wird, ist in der Realität manchmal unabdingbar und birgt in sich große Chancen für die Zukunft!

Der NFL Draft 2022 bewies einmal mehr, dass die alljährliche NFL Talentlotterie seine ganz eigene Faszination besitzt. Medial und von der Liga dementsprechend aufbereitet spielt der Draft nebst seiner immensen sportlichen Bedeutung wie fast nichts anderes in diesem auf das Ei fokussierten Sport mit den unterbewussten Gefühlen eingefleischter Fans, allen voran mit ihrer Hoffnung. Jener, die unbeschriebene junge Blätter zu Stars emporhievt, bevor sie jemals einen Snap in der NFL gespielt haben. Oder der, die mithilfe einer Tastatur oder einem Zettel schnell mal ein Depth Chart füllt, ohne das überhaupt auch nur ein Training mit den neuen Spielern veranstaltet wurde. Ultimativ natürlich mit der Hoffnung, welche den Draft als Grundstein für einen zukünftigen Run auf den Super Bowl sieht, an dessen Ende die Angebeteten die Vince Lombardi Trophy in den Himmel strecken.



Letztere ist aber eben auch eine Sehnsucht, die für 31 von 32 Teams jedes Jahr unerfüllt bleibt, was wiederrum auch verdeutlicht, wie schwer es ist, in der National Football League wirklichen sowie dauerhaften Erfolg zu haben. Nur die wenigsten Teams können für sich in Anspruch nehmen, dass sie wirklich über Generationen zur NFL Elite gehört haben und selbst sie waren schon zeitweise mit einem Wort konfrontiert, was gleichzeitig Fluch und Segen bedeuten kann – dem sogenannten „Rebuild“. Der „Neuaufbau“, der in gewisser Weise sowie abgespeckter Form bei jedem Team abläuft, bezeichnet in seiner Reinform das komplette Umkrempeln der eigenen Franchise, weil man mit einem alten Plan gescheitert ist. So sehr Fans ihn aufgrund der oft vorhergegangenen sportlichen Talfahrt auch fürchten, so sehr sehen sie in ihm wie auch im Draft eine immense Hoffnung auf bessere Zeiten. Dass jene auf verschiedenen Wegen angesteuert werden können, zeigen die jüngsten Ereignisse beim NFL Draft in Las Vegas.

Rebuild in der NFL – Fluch oder Segen?

Manche Teams befinden sich noch mitten drin im kompletten Umbau und gehen das ganze relativ klassisch mit der Konzentration auf junge, frische Kräfte an. Für sie gab es in der Vergangenheit einen Kipppunkt, an dem sich alles ändern musste und das eigene Team komplett neu gedacht werden musste. Man nehme NFL Teams wie die beiden New Yorker Franchises, die Jacksonville Jaguars oder auch die Houston Texans, die zwar seit Jahren im Ligakeller festsitzen, jetzt aber dank hoher Draft Picks und geduldiger, langfristiger Planung durchaus mit Rückenwind in die Zukunft schauen. Junge, unerfahrene Kader mögen dabei nicht im ersten Moment viele Siege bringen, aber Jets-Fans zum Beispiel werden reichlich Freude haben an einer Mannschaft, in der es nach dem Draft nur so von jungen Talenten wimmelt und wo ein echter Plan zu erkennen ist. Die Texans werden schauen, wie und ob sie um Davis Mills aufbauen können und bei den Giants beginnt eine Ära unter einer neuen Führung mit zwei Top Ten Building Blocks. Alle diese Teams und eigentlich auch ihre Anhänger wissen, dass es Zeit braucht, um aus den Tiefen, aus denen sie kamen, herauszufinden. Jene Einsicht ist natürlich irgendwie schwer zu verdauen, letztendlich aber gibt sie eine Richtung, an der man sich orientieren kann.



Die Chicago Bears befinden sich in einer ähnlichen Situation, wenn auch vielleicht einen oder zwei zeitliche Schritte hinter den Jets zum Beispiel. Sie haben einen jungen Quarterback, eine neue sportliche Führung und viel Hoffnung, dass sie wieder ligaweit konkurrenzfähig sein können. Sie sind aber in ihrem Prozess des Youth Movements noch hinter den anderen Mannschaften zurück, konnten auf dem Free Agent Markt aufgrund finanzieller Altlasten wenig ausrichten und auch die Draft Pick Situation war in jüngster Vergangenheit durch einen Uptrade für Fields sowie vieler mittelprächtiger Jahre nicht übermäßig rosig. Ein schwacher NFL Kader ist oft vergleichbar mit einem gescheiterten Unternehmen, welches auf vielerlei Ebenen Strukturen und Personal austauschen beziehungsweise erneuern muss. Das geht einfach nicht von heute auf morgen, schon gar nicht bei etlichen Baustellen und 53 zu füllenden Kader Slots. Die Bears attackierten zwar schon die Secondary, hinter den Passempfängern und der Offensive Line stehen aber noch große Fragezeichen. Den wichtigsten Posten glauben die Bears natürlich mit Fields besetzt zu haben und man kann darüber streiten, ob für ihn nicht bessere Protection wichtig gewesen wäre, letztendlich aber braucht es hüben wie drüben vor allem eines – Geduld.

Viele Wege führen zum Super Bowl

Eben jene ist natürlich im schnelllebigen Sportgeschäft nicht immer das erste, was besonders gefragt ist, schon gar nicht, wenn andere quasi innerhalb von einem Jahr Gold am Ende des NFL-Regenbogens finden wie beispielsweise die Cincinnati Bengals. Dabei wird dann aber oft vergessen, wie viele Jahre es vorher brauchte, um jenen Topf glänzenden Edelmetalls inklusive dicker Brocken namens Burrow oder Chase zu finden. Gerade deshalb und auch aufgrund dem unheimlich schweren Balance-Akt zwischen Erwartungsmanagement und Siegesverpflichtung (Stichwort Tanking) favorisieren manche Teams eine andere Art von „Rebuild“, teils aus Überzeugung, teils aber sicher auch aus zufälligen Umständen. Hier werden nicht jeder letzte kompetente Spieler verkauft, tonnenweise Draft Picks angehäuft oder sparsam mit Geld umgegangen, sondern vielmehr hofft man das Ganze „on the fly“ zu erledigen. Argumente gibt es für diese Variante allemal, nicht nur, dass man auch ganz schnell mal in einem Neuaufbau feststecken kann und dann aus dem Ligakeller für lange Zeit gar nicht herauskommt (was für die Verantwortlichen meist den Gang zum NFL Arbeitsamt bedeutet). Die Tennessee Titans und die Pittsburgh Steelers befinden sich im Moment vor eben jenen schwierigen Fragen. Beide Kader waren in der letzten Saison gut genug, um die Playoffs zu erreichen, ohne Ben Roethlisberger und nach dem abermaligen Playoff-Flop von Ryan Tannehill muss man sich aber fragen, wie nah oder wie weit man wirklich von einem Super Bowl weg ist.



Gängige Sichtweise ist, dass weder Tannehill noch Mitch Trubisky das Zeug zum ultimativen Wurf haben, was die Entscheidungen, zwei neue Quarterbacks zu draften (Pittsburgh ging auf Kenny Pickett in der First Round, Tennessee auf Malik Willis in Runde Drei) vollkommen nachvollziehbar macht. Ob einer der beiden Rookies irgendwann was reißen kann, weiß niemand, und auch wenn die diesjährige Quarterback-Klasse als schwach gilt, eine Chance will man nie auslassen. Ein bekanntes Mantra in der NFL sagt sogar, dass du Quarterbacks jedes Jahr draften sollst, bis du den richtigen gefunden hast. Das wollen beide diese Teams tunlichst verhindern und die Chancen stehen in Sachen Kaderqualität für beide Passgeber ganz gut. Dass die Steelers aber ihre eklatante Schwäche in der Offensive Line wiederum ignoriert haben sollte ihre Anhängern Sorgen bereiten.

Das große Puzzle der NFL-Kaderplanung

Denn auch wenn eigentlich jede Mannschaft Baustellen im Kader hat und es manche Schlaglöcher gibt, durch die man durch oder drum herum fahren kann, so versinkt in anderen auch schnell mal der ganze Teambus für eine Saison. So in etwa sieht es mit einer porösen Line aus, welche weder ein Run Game starten noch einen jungen Quarterback adäquat beschützen kann. Da fallen dann jegliche Ideen für die eigene Spielphilosophie oder den Bau einer Mannschaft in sich zusammen. Ähnliche Probleme, gerade für junge Spieler, können aufkommen, wenn eine Positionsgruppe die andere nicht unterstützt. Was hilft eine starke Cornerback-Gruppe, wenn der schwache Edge Rush gegnerischen Offensiven unendlich viel Zeit gibt? Die beste Offensiv Line wird vergeudet, wenn die Box aufgrund eines fehlen vertikalen Passspiels voller Verteidiger ist. Vision und Wirklichkeit klaffen dabei oft meilenweit auseinander, beste Pläne scheitern, wenn man sich bei der Talentevaluation verkalkuliert. Und eben jene ist ja bekanntlich eine alles andere als exakte Wissenschaft, in der man noch so lange forschen kann, und trotzdem manchmal den First Round Bust nicht vom Late Round Sleeper unterscheiden kann.


Die Identifikation guter Spieler im NFL Draft ist aber noch lange nicht der einzige Faktor in einem Neuaufbau. Löcher müssen entdeckt werden, bevor sie zum Problem werden, das Salary Cap durchkreuzt so manche Idee, Verletzungen sowieso und auch individuelle Bedürfnisse von Spielern (siehe Deebo Samuel oder A.J. Brown) werden vermehrt zu entscheidenden Stellschrauben. Unendlich viel hängt an der Quarterback-Position, warum auch hier und da gleich mehrere Lösungen gesucht werden. Die Atlanta Falcons hatten mit Marcus Mariota eigentlich ihren Starter für die kommende Saison gefunden, ein Homerun ist er aber nach Jahren auf der Bank lange nicht, womit sie noch ein Drittrundenpick für Desmond Ridder aufgewendet haben. Diese Chance muss man dann eben damit bezahlen, dass man ein anderes Loch dafür potenziell nicht stopfen konnte. Jede Entscheidung wird somit wie oft im Leben zu einem Geben und einem Nehmen, zu einer Abwägung unterschiedlicher Optionen.


Am Ende des Tages gibt es nicht den einen Blueprint, meist ist es eine Kombination aus unterschiedlichen Philosophien. Klar, die Los Angeles Rams haben zwar lange auf Erstrundenpicks verzichtet, Aaron Donald holten sie aber bekanntlicherweise im Draft, wie es auch Draft Picks waren, die im Trade für Matthew Stafford wichtig waren. Entscheidend ist letztendlich, dass ein Plan Hoffnung versprüht. Eine Draftklasse kann das ohne Zweifel tun, aber im Gesamtkonstrukt braucht es natürlich noch eine ganze Menge mehr…
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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