HEFT #50

Ausgabe OKTOBER 2021

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Die NFL und ihr Ärger mit der Taunting Rule

Auf die Schiedsrichter der NFL wird so manche interessante Entscheidung in Sachen Taunting Rule zukommen. Auf die Schiedsrichter der NFL wird so manche interessante Entscheidung in Sachen Taunting Rule zukommen. Imago Images / Icon SMI / Andy Lewis
Die NFL Preseason ist Jahr für Jahr neben der sportlichen Vorbereitung für die Teams auch eine Zeit, in der die Liga erstmals neue Regeln oder Anpassungen ihrer Richtlinien einer breiten Öffentlichkeit präsentiert. So manche dieser Veränderungen, wie der Fokus auf das Verhindern von Helmet-To-Helmet-Hits vor ein paar Jahren, werden von der NFL-Fan-Gemeinde mit zustimmendem Kopfnicken durchgewinkt. Manch anderer Schritt zieht aber auch einen gewaltigen Aufschrei nach sich, eine Grundsatzdiskussion folgt meist auf dem Fuße. Genauso ist es in dieser Saison mit dem Anspruch der Liga, ihre seit Jahren bestehende Taunting Rule nachdrücklich durchzusetzen!

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Benny LeMay ist ein kräftiger kleiner Bowling Ball von einem Runningback, der in dieser Preseason verzweifelt versucht, sich bei den Indianapolis Colts eine NFL-Zukunft zu erkämpfen. Ein junger Kerl, für den die Vorbereitung mehr bedeutet als für viele andere. Dementsprechend hart läuft er den Ball, wie zuletzt gegen die Carolina Panthers, als er gefühlt zehn Verteidiger des Gegners mehrere Yards das Feld hinunterschleift und dann erst zu Boden geht. Das Play erlangte allerdings weniger wegen LeMays übermenschlichem Einsatz traurige Berühmtheit, es war das, was nach dem Pfiff geschah, was die Gemüter erhitzte. LeMay drehte sich zu einem am Boden liegenden Gegner, flexte seinen zweifelsohne beeindruckenden Bizeps und gab dem Panthers-Verteidiger wohl auch noch das ein oder andere Wort mit auf den Weg. Schwupps, da flog die gelbe Flagge des Referees. Taunting, Penalty, Brief inklusive Strafe ist in der Post. Und dann brach online die Hölle los.

NFL Taunting Rule sorgt in der Preseason für Aufregung

NFL-Spieler, Journalisten und Fans monierten diese in ihren Augen vollkommen übertriebene Auslegung der Regeln, auf welche die NFL in Bezug auf die Taunting Rule in dieser Saison ein höheres Augenmerk legen will. "No Fun League" trendete wahrscheinlich auf verschiedensten Social-Media-Kanälen, ein kryptischer Tweet nach dem anderen wurde von Profis in die Weiten des World Wide Web gefeuert und wenn man es nicht besser wüsste, hätte man denken können, hier wäre etwas wirklich Erdrutschartiges passiert. Das Thema zog sich weiter durch Talkshows und Tageszeitungen, Giants-Owner John Mara antwortete im Namen des alten Liga-Establishments (ein Affront an sich für so manchen) und die Emotionen kochten höher als Chief Wiggums berühmtes Chili bei den Simpsons. So viel zu den Fakten.



Der Einzelfall LeMay mag für viele eindeutig erscheinen und bedenkt man, dass er sich in der Preseason abgespielt hat, möchte man schon irgendwie ein Auge zudrücken oder zumindest über den Sinn der Geldstrafe nachdenken. Erst Recht bei einem Spieler in der Situation des jungen Runningbacks, der (noch) nicht zu den Besserverdienern seiner Profession gehört. Letztendlich sind Regeln aber nun mal dazu da, befolgt zu werden, sonst braucht man sie nicht. Vielleicht möchte man den Vorfall unter diesem Gesichtspunkt einfach als Fehlentscheidung abtun, die ein Schiedsrichter nun mal wie jeder andere Mensch auch, von Zeit zu Zeit trifft. Aber nein, es musste ein generelles Narrativ formuliert werden, dass die NFL sowieso nur an sich denkt, die Spieler wie Tiere durch die Manege führt und überhaupt keine Freude mehr zwischen den Linien zulässt. All diese Behauptungen mögen auf gewisse Weise und in bestimmten Situationen durchaus richtig sein, jeder weiß, dass die alles kontrollierende Liga nicht wirklich immer im Interesse seiner Spieler, der Fans oder dem Spiel selbst handelt. Nur führen wir uns doch im konkreten Fall nochmal besagte Taunting Rule vor Augen. Sie verbietet ein Verhöhnen oder Verspotten des Gegners, zumeist mit Worten oder Gesten, welche direkt in dessen Richtung gehen.

Im Kern ist die Taunting Rule eine der sinnvolleren Regeln der NFL

In welcher Welt leben wir, dass man dies nicht in erster Linie als etwas absolut Erstrebenswertes sehen kann? In dem der Tenor nach eine Aktion wie der von LeMay sein kann, dass der Schiedsrichter hier vielleicht übertrieben reagiert hat, im Kern die Regel aber absolut Sinn macht? Man kann der NFL viel vorwerfen, Lastwagenladungen mitunter, aber dass sie mit so einer Regel den "Spaß aus dem Spiel nehmen" oder "emotionslose" Spieler herbeiführen will ist einfach nur am Kern der Sache vorbei. Dann hätten sie ja 2017 ihre Regel für den Touchdown-Jubel nicht auflockern müssen, sondern hätten auch hier harte Hand walten lassen. Es ist mit Sicherheit nicht das größte Problem der Liga, keine Frage, aber die Intention übermäßigen, gehässigen und vollkommen fehlgeleiteten Jubel aus dem Spiel zu verbannen sollte applaudiert und nicht verteufelt werden. Man bewegt sich hier zweifellos in einer schwierigen Definition von Objektivität. Für den einen ist LeMays Geste übertrieben, für andere liegt die Grenze bei Randy Moss 2005 in Green Bay. Egal wo man sie zieht, die Frage sollte immer sein, welche Botschaft sendet man an die Menschen und noch viel wichtiger, an die kommenden Generationen. Möchte man, dass jeder PeeWee Nachwuchsspieler nach einem First Down wie verrückt im Gesicht seines Gegners rumfuchtelt? Oder mit ausufernden Verrenkungen Plays bejubelt, die vielleicht sogar nachts um zwei Uhr im Club unangemessen wären? Die Antwort, wenn auch von Fall zu Fall nicht eindeutig, sollte von einer gewissen Tendenz getragen sein.

Emotionen, Rivalitäten, Trash Talk… sie alle gehören zum American Football, ja zum Sport, hinzu wie die Mutter zum Kinde. Doch für all diese Dinge gibt es einen Platz, eine Zeit, ein Form. Genau das versucht die NFL mit dem Fokus auf ihre eigene Regel zu verdeutlichen. An anderer Stelle mag sie Unmündigkeit ihrer Stars begrüßen, ja fördern, sie mag individuelle Tendenzen der Spieler unterdrücken, das ist alles richtig. Aber die eigene Selbstentfaltung sollte nicht davon getragen werden, in wieweit man seinen Kontrahenten, Kollegen und Mitbewerber nach einem zeitweiligen Erfolg vorführen kann. Letzteres hatte Benny LeMay im Kern sicherlich nicht im Sinn, dennoch kann ein Referee in so einem Fall einfach nur schwer einen Unterschied machen. Eigentlich kann er es gar nicht.

Und er bräuchte es auch nicht, wenn aus einem derartigen Vorfall die richtigen Schlüsse gezogen werden…
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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