HEFT #50

Ausgabe OKTOBER 2021

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Lance, Lawrence, Wilson: Wie machen sich die Rookie Quarterbacks?

Einiges an Licht, aber auch einiges an Schatten: Trey Lance und seine NFL-Rookie-Kollegen. Einiges an Licht, aber auch einiges an Schatten: Trey Lance und seine NFL-Rookie-Kollegen. Imago Images / Icon SMI / Bob Kupbens
Bevor man laufen möchte, muss man erst einmal lernen zu krabbeln… so oder so ähnlich lautet eine alte Weisheit. Was für Eltern und ihre kleinen Kinder ein aufregender Lebensabschnitt ist, könnte gleichzeitig als Analogie für das derzeitige Tagesgeschäft der NFL-Rookie-Quarterbacks herhalten. Bevor Trevor Lawrence, Zach Wilson oder Trey Lance in der Regular Season für Furore sorgen können, müssen sie ihr Game in der Preseason einem gewissen "Fine Tuning" unterziehen. Wer dabei in diesen Tagen die beste Figur macht und wer noch ein wenig wackelig auf den Beinen ist, erfahrt ihr hier!

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Endlich wieder richtiger NFL Football! Na ja, fast… die Preseason gleicht in den meisten Fällen ja dann doch eher einem glorifizierten Warmlaufen und bietet vornehmlich den Roster-Wackelkandidaten eine Bühne, um sich für ein Engagement über die Vorbereitung hinaus zu empfehlen. Doch auch die Auftritte anderer Spieler werden derzeit mit Argusaugen verfolgt, vornehmlich die Einsätze der prominentesten Rookie-Quarterbacks. Wie präsentieren sich die just gedrafteten Hoffnungsträger? Wer zeigt sich "NFL ready" und wer bekommt im Notizbuch ein Ausrufezeichen hinter "Project"? Mit Halbzeit der Preseason kann man in dieser Hinsicht zumindest so manche substanzielle Aussage treffen. Auf lange Sicht bedeutet das natürlich herzlich wenig für die Zukunft der jungen Signal Caller, eine aktuelle Bestandsaufnahme und derzeitige Tendenz ist aber mit Sicherheit zu erkennen.

Zach Wilson verzückt die Fans der New York Jets

So manchem Fan der New York Jets dürften am vergangenen Wochenende beim Bekanntwerden von Carl Lawsons frühem Saisonaus altbekannte Worte durch den Kopf geschossen sein: "Same old Jets!" Das leidgeplagte Team aus den Meadowlands kennt derartige Hiobsbotschaften und sieht sie seit jeher als Nahrung für den Mythos des eigenen Franchise-Fluches. Etwas ist in diesen Tagen allerdings anders und es trägt auch einen Namen: Zachary Kapono Wilson. Der zweite Pick des diesjährigen NFL Draft brauchte nämlich nicht lange, um die grüne Fangemeinschaft auf seine Seite zu ziehen und sie von seinem enormen Potenzial zu überzeugen.



Wilson wirkt im Training älter als seine 22 Lenze und auch bei seinen beiden Preseason-Auftritten gegen die Giants und Packers hatte er die Zügel der Jets-Offense fest in der Hand (75 Prozent Passquote, zwei Touchdowns, kein Turnover). Er operiert mit einer merklichen inneren Ruhe, brilliert im mentalen Bereich des Spiels und trifft fast durchweg exzellente Entscheidungen. Dazu "springt" der Ball aus seiner Hand, wie es Scouts gerne formulieren. Natürlich machen ein paar Serien gegen NFL-Vanilla-Verteidigungen Wilson noch nicht zum Thronfolger von Joe Namath, aber seine Lernkurve zeigt steil nach oben (was ihm viel Lob einbringt von zum Beispiel Tony Romo, Aaron Rodgers oder auch unserem Touchdown24-Redakteur Daniel).

Hop oder Top mit Justin Fields und Trey Lance

Ähnliches erhoffen sich die Fans der Chicago Bears und der San Francisco 49ers auch von ihren jungen Hoffnungsträgern. Zeitweise bekommen sie es auch, sogar auf spektakuläre Art und Weise. Dann jedoch beweisen Justin Fields und Trey Lance mehrfach, dass sie trotz ihrer enormen physischen Fähigkeiten noch Nachholbedarf bei den fundamentalen Dingen des NFL Quarterbackings haben. Und das ist auch völlig in Ordnung so, schließlich ist keiner der beiden Jungspunde derzeit als Starter für diese NFL Saison eingeplant (anders als die Kollegen Wilson und Lawrence). Die teameigene Offense wird noch nicht auf sie zugeschnitten, die Abstimmung mit unterschiedlichen Formationen ist noch nicht voll da und ein Fokus liegt zunächst mehr auf ihrer individuellen Entwicklung als in ihrer Verankerung innerhalb eines Teamkonzeptes.



In dieser Hinsicht hat keiner der beiden enttäuscht, im Gegenteil. Mit spektakulären Runs stellten sie bereits mehrfach ihre Athletik unter Beweis und sie präsentieren auch bereits die bemerkenswerte Power in ihren Wurfarmen. Sie zeigten, dass ihre am College speziellen Talente auch auf einem höheren Level noch besonders sein können. Dagegen mangelt es aber noch merklich an Touch bei vielen Pässen, zu früh vertrauen beide auf ihre Beine und sie müssen lernen, besser auf den Ball und sich selbst aufzupassen. So musste Fields zum Beispiel gegen Buffalo einen Monster-Hit einstecken, weil er die Protection falsch setzte. Derartige Dinge dürfen einem Franchise-Quarterback nicht passieren, zumindest nicht, wenn die eigene Karriere lange andauern soll. Trey Lance zeigte ebenfalls mit seiner mangelnden Genauigkeit regelmäßig, dass er der jüngste und unerfahrenste Quarterback seiner Klasse ist.

Mac Jones spielt beständig aber auch nicht mehr

In Sachen Erfahrung hat Mac Jones von den New England Patriots ein wenig mehr aufzuweisen, führte er doch die Alabama Crimson Tide in seinem letzten College-Jahr zur National Championship und genoss in Tuscaloosa ein fast profiähnliches Training. All das macht ihm seinen Einstieg in den NFL Alltag wesentlich einfacher, besonders viel Druck hat er aufgrund der Anwesenheit von Cam Newton auch nicht. Dementsprechend solide präsentiert er sich in seinen ersten Wochen und punktete bei seinen ersten Preseason-Auftritten mit den Dingen, die man ihm auch vor dem Draft zugeschrieben hatte. Jones traf gute Entscheidungen (26 von 38 Pässen erfolgreich), zeigte ein natürliches Gefühl für die Pocket und prozessierte Spielzüge auch mental relativ schnell für einen Rookie.



Was fehlt? Der Wow-Faktor, wenn man so möchte. Natürlich sind unspektakuläre Pässe, die ankommen, besser als 75-Yard-Granaten, die im Aus landen. Jeder weiß dazu, dass sich das Spiel für Quarterbacks eher im Oberstübchen als im Bizeps entscheidet. Gleichzeitig allerdings will man von einem potenziellen Franchise-Quarterback schon ein wenig mehr sehen als das, was Mac Jones bisher mit seinem doch sehr auf Checkdowns fokussierten Spiel präsentierte. Natürlich ist es früh und alles bisher Gesehene muss mit äußerster Vorsicht genossen werden. Erste Eindrücke von Mac Jones bestätigen aber das, was so mancher vor dem Draft bereits andeutete. Der Pats-Rookie hat ein geringes Bust-Potenzial, dafür ist aber auch sein letztendliches "Ceiling" limitiert. Mal sehen, ob er diesem Narrativ bald ein Ende setzen kann.

Trevor Lawrence wird in der NFL leiden lernen

In Sachen langfristigem Potenzial machte sich bei Trevor Lawrence bisher niemand echte Sorgen, schon gar nicht die Jacksonville Jaguars. Der Hype um das Jahrhunderttalent und unangefochtenen Top Pick des vergangenen NFL Draft hat aber mittlerweile etwas Sand im Getriebe. Dafür kann Trevor Lawrence nur bedingt etwas. Seine Vorbereitung war durch eine Schulter-Operation beeinträchtigt und er findet bei den Jaguars alles andere als optimale Bedingungen für den Start in seine Profikarriere vor. Schließlich steckt das Team unter Urban Meyer in einem vermutlich etwas länger andauernden Rebuild, die ohnehin nicht wirklich sattelfeste Offensive Line ist angeschlagen und Lawrence muss sich gleichzeitig erst einmal daran gewöhnen, was es heißt, sich einem ernstzunehmenden Pass Rush gegenüber zu sehen.



Für die Clemson Tigers hätte Lawrence sein Trikot noch gut und gerne selbst waschen können, machte es doch so gut wie nie Bekanntschaft mit dem grünen Rasen. Seine Skill Positions glichen einem All Star Team und in der Regel hatte die eigene Mannschaft einen unübersehbaren Talent-Vorsprung. In der NFL ist das nicht mehr so und es nur natürlich, dass Lawrence Zeit braucht, sich darauf einzustellen. Ebenso ist es nicht verwunderlich, dass er im Angesicht von erhöhtem Druck und engeren Passfenstern zeitweise ein wenig hektischer wirkt, als man das eigentlich erwarten sollte von einem derart hochgehandelten Talent. Hier gilt es nun für die Jags-Coaches die Situation in Sachen Erwartungsdruck, Hilfe durch das System und auch in Bezug auf die Gesundheit von Trevor Lawrence klug zu managen. Andernfalls könnte es zu so mancher unschöner Szene in dieser Saison für den jungen Star-Quarterback kommen.

Und da endet dann irgendwie auch der Vergleich zum krabbelnden Kind. Denen kann ein kleiner Sturz auf dem Wohnzimmerteppich auch ordentlich wehtun, zeitweise gibt es vielleicht sogar die ein oder andere Träne. Ein über sie herfallender Aaron Donald oder Myles Garrett dürfte aber für die NFL Rookie Quarterbacks durchaus ein wenig schmerzhafter sein…
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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