HEFT #52

Ausgabe DEZEMBER 2021

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Die Bills-Offense stottert: Was sind die Gründe?

Josh Allen und die Bills-Offense kommen derzeit nicht richtig ins Rollen. Josh Allen und die Bills-Offense kommen derzeit nicht richtig ins Rollen. IMAGO / ZUMA Wire
Nach ihrem peinlichen Auftritt bei der Niederlage gegen die Jacksonville Jaguars in der Vorwoche stehen die Buffalo Bills vor Week 10 unter Druck. Die Offense stottert, gerade die Offensive Line hat Probleme. Das liegt auch daran, wie Teams die Bills-Offense mittlerweile verteidigen. Im Spotlight für Woche 10 wirft TOUCHDOWN24 einen Blick auf die offensiven Schwächen von Josh Allen und Co.


Es sollte das eine Spiel auf dem Schedule sein, über das sich die Buffalo Bills keine Sorgen machen müssen. Die bis dato in Amerika noch sieglosen Jaguars schienen nur Kanonenfutter für eine Offense zu sein, die zu Beginn der Saison unterlegene Gegner noch regelrecht aus dem Stadion geworfen hat. Es war das zweite Spiel einer anscheinend leichten Drei-Spiele-Serie nach der Bye-Week der Franchise (Dolphins, Jaguars, Jets), um mit Anlauf in die zweite Saisonhälfte zu starten und den Kampf um den Top-Spot in der AFC einzuläuten.

Vielleicht lag es ja an diesem Mindset, dass die Bills am vergangenen Sonntag so gar nichts auf die Reihe brachten. Nur zwei Field Goals standen am Ende des Tages auf der Habenseite von Josh Allen und Co, die 6:9-Niederlage war die logische Konsequenz. Nur eine Woche zuvor konnten sich die Bills beim mühsamen 26:11-Erfolg über die Dolphins noch von einer schwachen ersten Halbzeit erholen, dieses Mal brachte Buffalo in der zweiten Hälfte nicht einen einzigen Punkt aufs Scoreboard.

Woran liegt es, dass eine Bills-Offense, die in fünf ihrer ersten sechs Saisonspiele noch mehr als 30 Punkte erzielte und in Woche 9 als beste Scoring-Offense der Liga ging, über die letzten Wochen so sehr stottert? Ist es das Play von Quarterback Allen, liegt es am Playcalling von Offensive Coordinator Brian Daboll oder gehen die Probleme tiefer?

Two-High-Looks als Kryptonit der Offense?


Nun, zunächst einmal kann man Allen auf keinen Fall von Schuld freisprechen. Der 25-Jährige, 2020 noch Runner-up auf den MVP-Award, spielt alles anderes als eine furchtbare Saison, doch zeigt eben auch nicht mehr die Leichtigkeit, die im Vorjahr fast noch im jeden Drive zu sehen war. Der andere Punkt ist die Art und Weise, wie Teams Allen mittlerweile verteidigen – das erinnert stark daran, wie Defenses versuchen, Patrick Mahomes zu limitieren und da bildeten auch die Jaguars am Sonntagabend keine Ausnahme.

Jacksonville verteidigte 65 Prozent von Allens Dropbacks mit Two-High-Looks – defensive Konzepte mit zwei tiefen Safeties auf dem Feld, die darauf ausgelegt sind, das Big Play der Offense wegzunehmen und sie dazu zwingt, die kurzen Pässe underneath zu nehmen. Das war mit Abstand die höchste Quote an Two-High-Konzepten, die Allen in seiner Karriere bislang sah und es spiegelte sich in den Statistiken wider. Allen warf den Ball im Schnitt nur 6,1 Yards pro Versuch tief, der zweitniedrigste Wert der Saison.

Tatsächlich haben die Bills alle drei Spiele in den letzten beiden Jahren verloren, in denen Allen überdurchschnittlich viele Two-High-Looks auf der gegnerischen Seite sah. Die Niederlage gegen Pittsburgh in Woche 1 (58 Prozent), die Pleite gegen die Chiefs in der Regular Season des Vorjahres (55 Prozent) und eben Sonntag. „Diese Looks zwingen uns dazu, den Ball underneath zu werfen“, gab auch Allen zu, als er darauf angesprochen wurde, warum Stefon Diggs in der ersten Halbzeit nur drei Targets bekam. „Ich kann aber Dinge anders machen, um unsere Jungs früher ins Spiel zu bringen. Ich habe heute einfach scheiße gespielt.“

Laufspiel ist quasi nicht vorhanden


Allen hat recht, es gibt zahlreiche Dinge, die Offenses tun können, um solche tiefen Safety-Looks auszunutzen. Die erste und logischste Erklärung ist, den Ball zu laufen, da die Box durch das Fehlen eines zusätzlichen Laufverteidigers leichter besetzt ist. Hier kommen wir aber zum Kern der Sache: Die Bills können den Ball einfach nicht effizient laufen. Das liegt in erster Linie am schwachen Run-Blocking der Offensive Line (0,2 Yards pro Versuch vor dem ersten Gegnerkontakt in Woche 9, Liga-Tiefstwert), doch auch Zack Moss und Devin Singletary zeigen nur selten so etwas wie Frische, wenn sie den Ball doch mal bekommen.

Was in dieser Bills-Offense übrigens selten genug ist, gegen die Jaguars callte Daboll am Wochenende bei 84,6 Prozent aller Plays einen Pass – seit Beginn der Datenerfassung im Jahr 2006 laut ESPN der größte Anteil an Passplays eines Teams, das weniger als zehn Punkte erzielt hat. Nun ist die Bills-Offense eine Unit, die sich sehr stark über das Passspiel definiert und damit auch große Erfolge hatte. Wie uns die Analytics gezeigt haben, ist ein erfolgreiches Passspiel der Schlüssel zu einer effizienten Offense, das Laufspiel nur ein ergänzender Faktor.

Aber, und das ist wichtig, es bleibt eben ein Faktor. Teams müssen zumindest in „Short-Distance“-Situationen in der Lage sein, den Ball effizient zu laufen. Das ist bei den Bills derzeit nicht der Fall. Buffalo war nur eines von zwei Teams in Woche 9, das kein einziges Rushing-First-Down durch einen Runningback hatte. „Das ist derzeit ein riesiges Problem für uns“, gab Head Coach Sean McDermott nach dem Jaguars-Spiel zu. „Wir müssen in der Lage sein, den Ball zu laufen, wenn wir ihn abgeben. Da sind wir nicht gut genug.“


Kann sich die Offensive Line stabilisieren?


Wer nur einen Blick auf die Statistiken wirft, wird den Eindruck bekommen haben, dass die Offensive Line der Bills am Wochenende einen soliden Job machte. Laut NFL Next Gen Stats hatte Allen im Schnitt 3,12 Sekunden Zeit den Ball zu werfen, der zweithöchste Wert in dieser Saison. Zudem warf er den Ball bei 64 Prozent seiner Passversuche zu offenen Receivern, Topwert im Jahr 2021. Was uns die Zahlen aber nicht verraten, ist die Tatsache, dass jeder noch so kleine Erfolg, den Buffalo am Sonntag hatte, Allens Verdienst war.

Jeder, der nur für einen Drive das Spiel zwischen den Bills und Jaguars verfolgte, wird gesehen haben, dass die O-Line ein riesiges Problem für Buffalo ist. Da die Starter Jon Feliciano und Spencer Brown ausfielen, setzte Buffalo erneut auf Daryl Williams als Tackle und Cody Ford als Guard auf der rechten Seite. Gerade Ford hatte gegen eine bis dato alles anderes als furchteinflösende Jaguars-Defense ein grauenhaftes Spiel, insgesamt ließen die Bills laut Pro Football Focus 23 QB-Pressures und vier Sacks zu. Auch die drei Turnover der Offense waren das direkte Resultat des Drucks der Jaguars.

Nun werden viele die Probleme der Bills-Offense auf die Schiedsrichter und die vielen Strafen (12 für 118 Yards) am Sonntag schieben. Damit tun sich die Bills aber keinen Gefallen und das weiß auch McDermott. „Wir haben einige Dinge zu reparieren“, so der 47-Jährige. „Du musst deine Duelle vorne gewinnen, um offensiv oder defensiv erfolgreich zu sein.“ Es wird spannend zu sehen sein, welche Änderungen McDermott und Daboll unternehmen, wenn es am Sonntag (19 Uhr) gegen die New York Jets geht. Das Spiel gegen „Gang Green“ ist für die Bills zu einem Must-Win geworden, da die Patriots in der AFC East immer näher rücken. Buffalo darf sich keine weiteren offensiven Ausrutscher erlauben.

Daniel Wolf

Daniel Wolf hat Sportjournalismus an der Hochschule Ansbach studiert und dort seine Leidenschaft für das „richtige“ Football entdeckt. Ist seit Andrew Lucks Mega-Playoff-Comeback gegen die Kansas City Chiefs lautstarker Supporter der Indianapolis Colts. Schreibt seit 2018 für TOUCHDOWN24, hauptsächlich im Bereich NFL. Stolzer Vize-Meister der TOUCHDOWN24-Fantasy-Liga.
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