HEFT #50

Ausgabe OKTOBER 2021

Jetzt kaufen

Die Bengals sehen Licht am Ende des Dschungels

Joe Burrow hofft mit den Cincinnati Bengals auf eine gute und vor allem gesunde NFL-Saison. Joe Burrow hofft mit den Cincinnati Bengals auf eine gute und vor allem gesunde NFL-Saison. Imago Images / ZUMA Wire / Cory Royster
Die Cincinnati Bengals sind eine dieser NFL-Franchises, für die es irgendwie nie so richtig laufen mag. 31 Jahre warten die Fans nun schon auf einen Playoff-Sieg, regelmäßig liegt durchaus vorhandenes Spielerpotenzial brach, Profis wie Vontaze Burfict verschafften dem Team lange ein eher zweifelhaftes Image und in den vergangenen Spielzeiten hing man im dunklen Kellerstübchen der Liga fest. In diesem Jahr gehen die jungen Raubkatzen aus Ohio aber durchaus mit einer ganzen Menge Potenzial in die Saison und ja, es ist endlich mal wieder Zeit für Optimismus!

6,50 € inkl. MwSt. TD24 Heft 50 - OKT 2021 Noch 111 vorhanden Zum Produkt

Ganze drei Snaps reichten, um die Fans der Cincinnati Bengals von ihren Sitzen zu holen. So viele waren es im letzten Preseason-Spiel für Quarterback Joe Burrow, der gegen die Miami Dolphins erstmals nach seiner schweren Knieverletzung im letzten Jahr wieder ein NFL-Feld betrat. Auch wenn es ein extrem kurzer und mit nur einem Screen Pass weitestgehend unspektakulärer Auftritt war, wurde der First Overall Pick von 2020 mit stehenden Ovationen überschüttet. Es ist eine Geste, die verdeutlicht, wie wichtig der ehemalige National Champion von den LSU Tigers für die Bengals ist. Und sie zeigt zudem, wie hungrig die Menschen in der "Queen City" nach langfristigem, richtigem Erfolg sind.

In den letzten fünf NFL Spielzeiten brachten es die Bengals gerade einmal auf 25 Siege, in den vergangenen zwei Jahren unter dem aktuellen Coach Zac Taylor waren es sogar nur sechs. Regelmäßig machte das Team eher seinem von Gegnern immer noch gerne benutzten alten Schmähnamen "The Bungles" alle Ehre, fand es doch immer wieder neue Wege, um Partien zu "vermasseln". Wie allerdings die besagte Episode mit Joe Burrow in der diesjährigen Vorbereitung angedeutet hat, seit der junge Signal Caller die Streifen der Bengals trägt hat sich einiges verändert. Er ist die personifizierte Hoffnung, ein vermeintlicher Unterschiedsspieler, jemand, der ein schwaches Team über seine eigenen Grenzen hinaus hieven kann. Zumindest ist er das auf dem Papier.

Die Cincinnati Bengals brauchen eine Vision

Aber genau das manifestiert etwas, was in Cincinnati im ersten Moment schon reicht, um der über Jahre im Niemandsland der Liga feststeckenden Franchise neues Leben einzuhauchen. Burrows gesundes Selbstbewusstsein, das für manche zeitweise an Arroganz grenzt, ist genau die Art von innerer Stärke, die es braucht, um sich in einer der hasserfülltesten und umkämpftesten Divisionen der NFL zu behaupten. Dementsprechend groß war das Aufatmen bei Cincys Fans, als sie Burrow wieder in Aktion sahen. So mancher vermutete ob des limitierten Arbeitspensums schon, dass der junge Quarterback noch nicht wieder fit ist und nur auf dem Feld stand, um ein paar positive Vibes vor Saisonbeginn zu verbreiten. Am Auftrag für das erste Saisonspiel ändert das aber so oder so nichts, Burrow wird die Bengals anführen. Und er wird es zu einhundert Prozent tun, selbst wenn das Knie noch ein wenig rostig ist.



Die Sorgen sind ob Burrows enormer Bedeutung natürlich berechtigt, aber es darf auch mal wieder Platz für Optimismus geben. Cincinnati schickt ein extrem junges Team ins Feld, was gerade in der Defensive noch die eine oder andere Lücke offenbart und dem es hier und da zweifelsohne an Qualität fehlt. Aber gleichzeitig verspricht der Angriff der Tiger eine richtige Show zu werden und man hat ein paar junge Spieler nebeneinander versammelt, die das Potenzial haben, auf Jahre einen Grundstein für erfolgreichen Football in Cincinnati zu legen. Da wäre zum Beispiel Joe Mixon, ein überdurchschnittlicher Runningback mit vielseitigen Fähigkeiten und einem langfristigen Vertrag in der Tasche. Vergangenes Jahr konnte er nur die ersten sechs Partien für Cincy bestreiten, bevor eine Fußverletzung seine Saison beendete.

Das beeindruckende "Waffenarsenal" der Cincinnati Bengals

Seine Rückkehr verblasst aber fast schon vor dem, was sich die Bengals von ihrem aufstrebenden Receiving Corps erwarten. Veteran Tyler Boyd zählt zu den feinsten Route-Runnern der NFL und der letztjährige Rookie Tee Higgins ist mit seiner Größe (1,93 Meter) sowie seiner Körperbeherrschung ein potenzieller Matchup-Albtraum für jeden Gegner. Als ob das noch nicht genug ist, holten die Bengals im vergangenen NFL Draft auch noch Burrows alten LSU-College-Buddy Ja’Marr Chase, der in der Theorie die Fähigkeiten seiner beiden Kollegen in einem Körper vereint. In der Vorbereitung konnte er das allerdings noch nicht zeigen, vielmehr plagten ihn mangelnde Konstanz und reihenweise bittere Drops. Es scheint, als ob er nach einem Jahr Pause aufgrund der Covid-19-Pandemie mental noch nicht wieder bereit ist, harten Körperkontakt zu bekommen. Ein Umstand, der sich mit der Zeit eigentlich regeln sollte.

Während Chase ein ordentlicher "auf die Zwölf" vielleicht wieder in die Spur bringen könnte, will die Offensive Line ähnliches bei ihrem Quarterback unter allen Umständen verhindern. Lange schon sind die fünf großen Jungs in der Frontlinie Sorgenkinder bei den Bengals, aber sie hoffen, dass man dieses Jahr zumindest solide Arbeit in der O-Line erwarten darf. Veteran Riley Reiff ist eine Bank, Left Tackle Jonah Williams scheint endlich gesund zu sein und die Interior Line hat sich ebenfalls über die letzten Monate stabilisiert. Besonders furchteinflößend ist die Aufstellung mit Sicherheit nicht und hinter der Starting Five wartet mit direkt drei jungen Rookies nicht gerade ein Güterzug voll Erfahrung, insgesamt kann man aber ein wenig bessere Protection erwarten als in der vergangenen NFL Saison. Die Preseason verlief jedenfalls schon mal vielversprechend, denn die Bengals ließen in drei Spielen nur einen Sack zu. So darf es aus ihrer und vor allem aus der Sicht Joe Burrows weitergehen.

Joe Burrow ist die personifizierte Hoffnung für Cincinnati

Womit wir wieder beim großen Hoffnungsträger wären. Star-Receiver hin, solide O-Line her – alles steht und fällt natürlich mit dem Heisman Trophy Sieger von 2019 und letztendlich auch mit dessen Gesundheit. In Cincinnati hoffen sie, dass sich die Geschichte vom einstigen Top Pick Carson Palmer nicht wiederholt, der enormes Talent aufblitzen ließ, nach einer schweren Knieverletzung in den Playoffs aber irgendwie nie wieder derselbe war. Danach folgte Andy Dalton, grundsolide, teilweise wirklich gut, aber letztendlich auch nie gut genug. Vor allem nicht in den Playoffs, da, wo es eben darauf ankommt.

An die Playoffs denkt bei den Bengals wohl im Moment noch niemand und das wäre wohl auch ein wenig vermessen. Aber es ist trotzdem wieder Zeit für die Fans, nach vorne zu schauen, die Geister vergangener Tage links liegen zu lassen und sich über das, was man hat, zu freuen. Der aktuelle Coach Zac Taylor muss sich sicherlich erst noch beweisen, aber wenn er das nicht tut, dann wäre er nicht der erste Übungsleiter, der seinem Nachfolger einen reich gedeckten Tisch überlässt. Es besteht jedenfalls jetzt schon einmal eine solide Basis, es gibt eine Menge Potenzial und es gibt vor allem das, was Joe Burrow seit seinem ersten Tag in Cincinnati verkörpert: Hoffnung. Wie groß eben jene ist, das zeigt die jüngste Reaktion auf drei mickrige Preseason Snaps allemal…
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

Nach Oben