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NFL - National Football League

Die angeknackste Psyche der Buffalo Bills

Die schwere Verletzung von Damar Hamlin versetzte Josh Allen und den Buffalo Bills einen Schock. Credit: Imago Images / Icon Sportswire / Ian Johnson

Der Weg der Buffalo Bills führt seit Jahren eigentlich steil nach oben, unter Josh Allen haben sie sich zu einem der besten Teams der NFL und dauerhaften Super-Bowl-Anwärter gemausert. Die letzte Saison aber verlief zum Ende hin enttäuschend, womit sich die Frage aufdrängt: Sind die Bills mental überhaupt bereit für den ganz großen Wurf?

Wie heißt es doch so schön in Amerika: In der NFL spielen sie ein "Game of Inches" – ein Spiel, bei dem es um kleinste Distanzen geht. Nun meint man mit dem besagten Zoll in der Regel die letzten Zentimeter zum First Down, zum abgewehrten Pass oder zum Touchdown, aber es könnte sich auch um eine andere kleine Strecke handeln. Jene zwischen den Ohren, dort, wo das Gehirn sitzt. Denn nicht selten ist eben jene kleine Distanz von entscheidender Wichtigkeit in einem Spiel, in dem eigentlich alle schnell rennen, hoch springen oder hart austeilen können. Ob die Buffalo Bills dieser Theorie zustimmen oder nicht, sei einmal dahingestellt. Eines aber ist mittlerweile mehr als deutlich: Auf ihrem langen Weg zum ersehnten Super Bowl stehen sie vor einem zeitweiligen Stopp-Schild. Und jenes scheint vor allem in ihrem Kopf zu existieren.

Denn wie auch in dieser Saison griffen die Bills in den vergangenen Jahren mit einem der vielleicht besten Kader der NFL nach den Sternen, einer Mannschaft, die auch von ihrem Werdegang bereit schien für ganz Großes. Eigentlich waren sie ja schon fast an eben jenem Ort angekommen, sie hatten die Kansas City Chiefs 2021 mit zugeschwollenen Augen in den Seilen, nur um dann im entscheidenden Moment mit dem letzten Haymaker zu zögern. Dieses Zögern schien damals wie ein Test der Geschichte, eine Stufe in einem langen Reifeprozess. Zu gefestigt schien das sportliche Gerüst der Bills, zu stabil die Leistungen ihres fulminanten Quarterbacks, zu positiv die gesamte Aura um die Franchise, die sich seit einiger Zeit mit umtriebiger Leichtigkeit und von Mafiosi zerstörten Tischen historische Narben aus dem Gedächtnis brennen möchte. Sie schienen auf dem perfekten Weg dazu, doch jetzt scheinen sie sich auf eben jenem verirrt zu haben.

Buffalo Bills erleben anderthalb turbulente Jahre

Denn es war nicht nur ihr bitteres Ausscheiden aus den letztjährigen NFL Playoffs, das Sorgen bereiten sollte. Sie waren in besagter Partie gegen die Cincinnati Bengals nicht nur eigentlich chancenlos und komplett indisponiert, schon eine Woche zuvor gegen die angeschlagenen Miami Dolphins würgte man sich lediglich eine Runde weiter. Natürlich gibt es in einer Postseason keine Haltungsnoten – "Survive and advance" heißt das Motto – aber dennoch schien den Buffalo Bills vor eben jenen entscheidenden Wochen etwas abhandengekommen zu sein. Ein Stück Selbstvertrauen, ein Stück Selbstsicherheit. Vielleicht aber auch ein Stück Stabilität, was eigentlich zu unterschiedlichen Zeiten in der Saison immer wieder vermisst wurde. Womit man bei einem grundsätzlichen, mentalen Problem angelangt sein könnte, was nun durch etliche in der Öffentlichkeit ausgetragenen Querelen scheinbar noch deutlicher zum Vorschein kommt.

In der kommenden Saison wird der angestammte Defensive Coordinator Leslie Frazier ein Sabbat-Jahr nehmen, Head Coach Sean McDermott übernimmt dafür die Verteidigung. Nicht komplett ungewöhnlich, aber Kontinuität sieht anders aus, ebenso ein Team, bei dem hinter den Kulissen alles passt. Gleiches gilt für die jüngsten Ärgernisse um Stefon Diggs, den Über-Receiver der Franchise, der mit Wutausbrüchen nach dem Playoff-Aus und einem kurzzeitigen Fernbleiben beim Offseason-Programm für Tumult sorgte. Komplett wurde jener, weil McDermott die eigentlich harmlose Situation "extrem besorgniserregend" nannte und damit ein Fass von der Größe aufmachte, bei welcher selbst trinkfeste Bills-Hardcore-Fans so ihre Probleme hätten. Im Nachgang wetterte der zuletzt eher durch Turtel-Urlaub mit seiner neuen Schauspielerfreundin aufgefallene Josh Allen gegen die Medien, die alles vollkommen aus dem Kontext gerissen und künstlich aufgeblasen hätten.

Medienschelte ist ein Holzweg für Buffalo

So sympathisch Josh Allen auch ist, man muss ihn hier erinnern, dass sein Coach von einer besorgniserregenden Situation sprach, sonst niemand. Man muss ihm ins Gedächtnis rufen, dass die Stimmung in Buffalo, die vor noch nicht allzu langer eine der vielleicht besten der gesamten NFL war, auf einmal im Keller scheint. Und man darf ihn eventuell auch fragen, warum gerade jetzt einige der absoluten Leistungsträger des Teams mehr als dünnhäutig reagieren. Die Antworten sind sicherlich nicht einfach zu finden, doch die jüngste Historie lässt einen Trend erkennen, der absolut als Erklärung für verpasste Ziele herhalten kann, der aber gleichzeitig einen Konflikt markiert, den man nur durch offene Auseinandersetzung lösen kann.

Unter dem Strich ist der aktuelle Nukleus der Bills eine Mannschaft, die in den vergangenen anderthalb Jahren mehr mitgemacht hat, als es für einen NFL Contender üblich ist. Alles beginnt mit dem dramatischen Overtime-Loss in Kansas City, in dem die Bills bewiesen, dass sie mit den besten der Liga mithalten können, nachdem sie aber auch nur mit ein paar Schulterklopfern stehengelassen wurden. So eine zutiefst bittere Erfahrung kann einen Knacks in der Psyche hinterlassen, erst recht in einer Franchise, die eigentlich jedes Jahr daran erinnert wird, dass sie noch nie einen Super Bowl gewinnen konnte und auch das Kunststück vollbrachte, vier große Endspiele hintereinander zu vergeigen.

Die Bills müssen nach vorne schauen

Auf dieses einschneidende Erlebnis der vielleicht bittersten aller Postseason-Niederlagen folgte eine Saison voller hoher Erwartungen, die man erst in den Playoffs selber überhaupt erfüllen hätte können. Man verlor mitten im Jahr mit Von Miller den vielleicht wichtigsten Leader der Mannschaft, weil er bereits weiß, wie man Super Bowls gewinnt und Vorschusslorbeeren einordnet. Kurz bevor man sich endlich wieder in der Playoffs beweisen konnte sank auf einmal Damar Hamlin auf dem kalten Boden Cincinnatis zusammen und versetzte mit seinem folgenden Todeskampf die NFL, halb Amerika aber eben vor allem auch die Bills in eine Schockstarre. Sie bangten um einen der Ihren, sie lebten mit jeglichen Hiobsbotschaften in schweren Stunden. Manch ein Spieler Buffalos fragte sich sicherlich, warum Damar und warum nicht ich? Was machen wir hier? Josh Allen berichtete unlängst über die emotionale Zeit, welche die Bills damals trotz der Wiedergenesung ihres Safeties erlebten.

Die Aneinanderreihung beschriebener Extremsituationen würde selbst absolut gefestigten Meistermannschaften schwer zu setzen, erst recht einem Team, das sich zumindest teilweise noch in der Transformationsphase befindet. Das noch nicht weiß, wie man einen Super Bowl erreicht, geschweige denn gewinnt. Ob mit ihrem Werdegang sportliche Misserfolge entschuldigt werden können, sei für die Buffalo Bills einmal dahingestellt. Viel entscheidender ist für sie, dass sie sich dieser einmaligen jüngeren Geschichte annehmen, sie offen akzeptieren und dann nach vorne schauen. Man muss das Erlebte verarbeiten und sich eingestehen, dass man harte Tage hinter sich hat. Dies wird nicht mit Parolen wie "hier ist alles bestens" oder "die Medien sind schuld" gehen.

Damit kommt man nämlich keinen Inch weiter…

Über den/die Autor/in
Moritz Wollert
Moritz Wollert
Moritz Wollert schreibt für TOUCHDOWN24 u.a. über die NFL. Für das monatliche Print-Magazin schreibt er u.a. die NFL History Artikel

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