HEFT #50

Ausgabe OKTOBER 2021

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Der schwere Schritt vom College-Guru zum NFL-Coach

Alles wie am College für Neu-NFL-Coach Urban Meyer? Nicht so ganz! Alles wie am College für Neu-NFL-Coach Urban Meyer? Nicht so ganz! Imago Images / Icon SMI / David Rosenblum
Urban Meyers Karriere als College-Coach lässt sich mit vielen Worten beschreiben, unter ihnen mit Sicherheit legendär. Doch alle Errungenschaften und Titel des Übungsleiters auf dem Campus werden ihm beim ersten Job in der NFL wohl nur wenig nützen. Die NCAA und das Profigeschäft sind grundverschieden, was wiederum den Sprung vom College in die National Football League nicht nur für Spieler, sondern gerade auch für Coaches zu einer ganz besonderen Herausforderung macht!

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Ein Radiomoderator aus Philadelphia namens Mike Missanelli sagte einst über den kurz zuvor gefeuerten Head Coach der Eagles Chip Kelly: "Er soll unter anderem öfter ohne zu grüßen an Leuten vorbeigelaufen sein. Das kannst du am College machen, die Kids interessiert das nicht besonders. Aber wenn du das mit einem NFL-Profi machst, dann wird der sich zweimal überlegen, ob er sich am Sonntag für dich reinhängt oder nicht." Ob dem ehemaligen College-Offensiv-Guru Kelly nun wirklich ein kleines "Hallo" schwer über die Lippen ging oder nicht, sei einmal dahingestellt. Wie Urban Meyer es bei den Jacksonville Jaguars mit dem Grüßen hält auch. Eines ist jedoch klar: Die NFL und College Football sind zwei komplett unterschiedliche Paar Schuhe. Natürlich könnte diese Weisheit von keinem geringeren als "Captain Obvious" stammen, dennoch verbirgt sich gerade für Coaches hinter dem Sprung zwischen den zwei Welten immer wieder ein faszinierender Feldversuch. Dieser endet, wie bei Chip Kelly, Bobby Petrino, Dennis Erickson oder Nick Saban, immer wieder im enttäuschenden Fiasko. Nur wenige College-Legenden wie Jimmy Johnson, Barry Switzer oder Pete Carroll dagegen konnten auch bei den Profis regelmäßig Siegeszigarren anstecken.

"Big Men on Campus" zieht es in die NFL

Wie von Missanelli angedeutet, die Persönlichkeit der Coaches kann für Erfolg oder Misserfolg eine große Rolle spielen und sie hat es unzählige Male in der Vergangenheit auch getan. Oft wird diese im Laufe einer erfolgreichen Vita auf gewisse Weise geprägt. College Football Coaches gehören zu den Bestverdienern an ihren Hochschulen, nicht selten liegt ihr Parkplatz näher am Haupteingang als der des Uni-Präsidenten und ihr Sport generiert für die Bildungsstätte Millionen über Millionen von Dollars. Was sie sagen, ist Gesetz, Widerworte müssen sie ab einem gewissen Karrierestatus nicht mehr wirklich erwarten. Schon gar nicht von ihren Spielern, deren oft gehegte Träume von einer Profikarriere sie in ihren Händen tragen. Die fleißigen Footballer sind noch am Anfang ihrer persönlichen Entwicklung, zumeist halbe Kinder, die nicht selten im Trainer eine Vaterfigur sehen, einen Anführer ohne Makel, eine gottgleiche Figur, die ein paar Jahre allem vorsteht, was für ihre eigene Prophezeiung wichtig ist. Hunderttausende Fans in den Stadien, eine losgelöste, emotionale Begeisterung für den Sport, wie sie selbst in der NFL seinesgleichen sucht, tun ihr Übriges. Kurzum: Es ist nicht einfach, für erfolgreiche College Coaches die Bodenhaftung wie auch das Augenmaß für die eigenen Fähigkeiten zu behalten.

NFL Profis haben hohe Ansprüche an ihre Coaches

Kommen sie dann in der NFL an, dann ist „my way or the highway“ nicht selten fest verankert im Selbstverständnis. Hier liegt allerdings eine feine Linie zwischen gesundem Selbstvertrauen und Überheblichkeit, gerade in den Augen derer, die sich ungleich des Coaches selber schon auf dem höheren Level der NFL bewiesen haben. Bei den Profis müssen sich Coaches mit ganz anderen Charakteren auseinandersetzen, im Front Office, in den Medien aber vor allem auch im eigenen Kader. Ein Ligaveteran mit zehn Jahren auf dem Buckel schert sich nicht drum, was vor fünf oder fünfzehn Jahren auf dem Campus passiert ist. Er ist nicht selten skeptisch gegenüber innovativen Trainingsmethoden, erst recht wenn sie nicht auf empathische Weise vermittelt werden. Für ihn zählen seine Paychecks, die Familie, das echte Leben, was in seinen Augen dem Coach wiederum eine ganz besondere Verantwortung einräumt. Diese will erfüllt werden, immer auch in Kombination mit der nötigen Anerkennung für die Leistungen des Spielers. Ein College-Freshman, der sich hochkämpfen will, ist da im Austausch mit dem Coach auf einer ganz anderen Stufe und manchmal dauert es eben, bis sich Coaches an diesen fundamentalen Unterschied gewöhnen. Manche tun es auch gar nicht.


Die NFL-Leistungsdichte ist viel höher als am College

Fachlich bringen sicherlich die meisten der College-Übungsleiter das taktische Rüstzeug mit, um auch in der NFL erfolgreich zu sein. In einer Liga, in der eine enorm hohe Leistungsdichte herrscht und jedes Team mit ehemaligen College-Superstars gespickt ist, kommt es aber eben noch mehr auf diese strategischen Maßnahmen an als in den meisten College-Spielen. Coaches von Top Programs wie Bama oder Notre Dame gewinnen die meisten Spiele gegen Kandidaten wie "High Valley Missouri A & M" im Vorbeigehen, die Blowouts sind vielmehr bessere Übungseinheiten. In der NFL gibt es aber oft nur einen marginalen Talent-Unterschied, was die Art und Weise, wie ein Trainer operiert, immens beeinflusst. Auf einmal muss jeder Block, jeder Chip, jede Route doppelt genau sitzen. Auf einmal wird das eigene taktische Konzept Woche für Woche von den besten Athleten dieses Planeten und ihren Coaches auf die Probe gestellt. Stolz, Selbstverständnis, Demut, Anpassungsfähigkeit – all diese Dinge und viele weitere werden für so manchen College Coach erstmals auf eine Probe gestellt. Wie sie mit dieser Situation umgehen, trennt manchmal die Spreu vom Weizen. Oder entscheidet eben sogar über einen neuen Vertrag.

Urban Meyer schickt sich an, um die NFL zu erobern

Urban Meyer von den Jacksonville Jaguars muss sich über einen neuen Vertrag (noch) keine Gedanken machen. Er kennt auch die ganzen Geschichten der Vergangenheit. Wie zum Beispiel Lou Holtz die New York Jets übernahm, obwohl er vorher noch nie ein NFL-Spiel gesehen hatte. Dementsprechend erfolgreich war er in seiner einzigen Saison, in der er die Profis unter anderem nötigte, selbst gedichtete Fight Songs zu trällern. Auch Steve Spurriers Fun N Gun Offense angeführt von Danny Wuerffel sorgte bei den damaligen Washington Redskins für wenig Begeisterung, ähnlich missmutig gab sich der ehemalige Florida-Coach, wenn es beim Training regnete. Derer kurioser, manchmal fast tragischer Missverständnisse gab es etliche, ganze Bücher ließen sich mit Zitaten von Ex-Spielern über ihre Ex-Chefs füllen. Urban Meyer weiß das alles, dennoch scheint auch der am College nicht immer ganz unkontroverse Coach bereits in so manch typisches Fettnäpfchen zu springen. Da wären einige fragwürdige Draft Picks, die missmutigen Kommentare zur NFL Free Agency, das Theater um seinen Zögling Tim Tebow oder auch seine analytische Herangehensweise an die Kaderzusammenstellung inklusive öffentlichen Motivationsmethoden. Frisch und neu mag es vielen in Jacksonville im Moment erscheinen, die Frage ist, wie man das sieht, wenn erst einmal ein paar Spiele verloren gehen.

Auch das Verlieren an sich wird für den selbstbewussten und erfolgsverwöhnten Meyer wie auch für NFL Top Pick Trevor Lawrence eine Umstellung. In 17 Jahren am College verlor Urban Meyer ganze 32 Spiele, die Jaguars dagegen kamen alleine in den letzten drei Jahren auf 36 Pleiten. Für ihren neuen Coach spricht auf jeden Fall, dass Jacksonville einen der jüngsten Kader in der NFL besitzt, was in der Kommunikation für den ehemaligen College Coach leichter zu handeln sein dürfte. Er kennt sich zudem abseits des Feldes gut in seiner Wahlheimat Jacksonville aus. Eine Erfolgsgarantie ist das natürlich nicht, ebenso wenig dürfte der Druck helfen, der irgendwann im Zuge vom Aufbau um Trevor Lawrence aufkommen wird. Faszinierend wird das Projekt auf jeden Fall, mit oder gerade wegen der historischen Vorgeschichte.

Und noch hat sich jedenfalls auch niemand beschwert, dass Urban Meyer nicht grüßen würde…
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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