Aaron Rodgers und die Green Bay Packers kommen nicht so richtig vom Fleck. Credit: Imago Images / ZUMA Wire / Darren Lee

Dass Aaron Rodgers‘ verletzter Daumen keine große Sache sei, stellte sich für die den NFL MVP und seine Green Bay Packers gegen die New York Jets als Trugschluss heraus. Ebenso die Annahme, dass sich die zuletzt offensichtlichen spielerischen Probleme ohne große Schwierigkeiten lösen lassen. Die harte Realität sieht viel mehr ganz anders aus: Eines der dominieren NFL-Teams der vergangenen Jahre steckt nämlich knietief in einer handfesten Krise!

Als an einem tristen Sonntagnachmittag graue Wolken über die Dächer des legendären Lambeau Field hinwegzogen und der Himmel die auf dem Feld stehenden Spieler mit großen Regentropfen überschüttete, da waren jene Grüße aus dem Firmament längst nicht das einzige, was auf die Green Bay Packers hinabregnete. Als ein weiterer Pass ihres großen Quarterbacks harmlos über den Rasen purzelte, fernab aller ausgestreckten Hände seiner Mitspieler, da hörte man die Buhrufe deutlich durch die dicke, feuchte Luft Wisconsins. Sie trafen tief in das Herz der Traditionsfranchise, unter ihrer tonalen Wucht wackelt mittlerweile ein ganzes Selbstverständnis, das so gefestigt zu sein schien wie nur wenige in der National Football League. Somit wurden die Unmutsbekundungen der Fans zur treffenden Melodie eines ganz dunklen Tages in Green Bay, einem Tag, nach dem nichts mehr so zu sein scheint, wie es einmal war.

Eigentlich war es das vorher schon nicht mehr, davon singen Packers-Fans schon seit Wochen über dem aus Frust bestellten dritten Feierabendbier ein klagendes Lied. Sie sehen es Woche für Woche, dass ihre diesjährigen Green Bay Packers nicht mehr die Green Bay Packers der vergangenen Jahre sind. Ein Team, dass wie kaum ein anderes die Regular Season in der NFL dominierte, das mit Aaron Rodgers einen der besten Quarterbacks hinter dem Center stehen hat, den dieses Spiel jemals gesehen hat. Eine Mannschaft, die in ihren eigenen vier Wänden gerade nach Niederlagen fast als unschlagbar galt, eine Franchise, in der man es nach Jahren auf der bequemen Couch der Liga-Elite einfach erwartet, dass man nach weiteren Ergänzungen für den eigenen Trophäenschrank greifen kann.

Green Bay Packers sind derzeit nur NFL-Mittelmaß

Nach der bitteren 10:27-Pleite der Packers gegen die jungen New York Jets ist all jenes in Frage gestellt, kommt diese Niederlage doch nach einem missglückten Business-Trip nach London, auf dem man mit den Giants dem anderen New Yorker Team unterlag. Drei Siege und drei Niederlagen, die derzeitige Bilanz Green Bays, wären für viele andere Mannschaften kein Beinbruch, für Matt LaFleurs Mannen piept der Herzmonitor da aber schon längst im roten Bereich. Er tut es vor allem, weil keine Besserung in Sicht ist und die unlängst mit Titelträumen in das Jahr gestarteten Packers eklatante Schwächen offenbaren, welche sich selbst harsche Kritiker in dieser Form vor der NFL-Spielzeit kaum hätten vorstellen können.

Dass man nach dem Abgang von Star-Receiver Davante Adams eventuell ein paar Steine weniger auf der offensiven Schleuder haben würde, damit hatten die meisten gerechnet. Vor allem weil man im Receiving Corps neben dem oft verletzten Sammy Watkins seine Hoffnungen mit Romeo Doubs sowie Christian Watson vor allem in zwei unerfahrene Rookies setzte, die erwartungsgemäß bei allem individuellen Talent Anpassungsprobleme an das Profispiel als auch an die hohen Anforderungen eines Aaron Rodgers haben. Besonders schmerzlich vermisst wird ein Deep Threat, ein Receiver, der das Feld in die Länge ziehen kann, und Rodgers‘ gefürchtetem Kurzpassspiel Räume schaffen könnte.

Etliche Baustellen bei den Green Bay Packers

Eine ebenso große Baustelle ist eines der Packers-Prunkstücke der jüngsten Vergangenheit, die Offensive Line. Bei den schweren Jungs kehrten mit Left Tackle David Bakhtiari und Elgton Jenkins zwei absolute Eckpfeiler nach überstandenen signifikanten Verletzungen in die Lineup zurück, sie sind aber bei Weitem noch nicht auf dem All-Pro-Niveau vergangener Tage angekommen. Head Coach Matt LaFleur baute im Angriff mit Offensive Coordinator Adam Stenavich und dem neuen O-Line-Coach Luke Butkus einiges um, es fehlt der durcheinanderwürfelten und in einem seltenen Rotationsprinzip agierenden Angriffsreihe merklich an Chemie. Vor allem Stunts über die rechte Seite führen für den Gegner immer wieder zum Erfolg und lassen Rodgers regelmäßig unliebsame Bekanntschaft mit der Rasenbeschaffenheit im Stadion machen.

In der Defensive sieht es allgemein besser aus (nur vier Teams lassen weniger Yards zu als Green Bay, die sogar die statistisch beste Pass Defense der Liga besitzen), dennoch hinkt die vor der Saison hochgelobte Unit weit hinter den Erwartungen aus der Preseason hinterher. Defensive Coordinator Joe Barry beharrt auf seiner Spielweise mit zwei tiefen Safeties, womit die manchmal nicht wirklich physische Front Seven enorme Probleme gegen den Lauf bekommt. Inside Linebacker De’Vondre Campbell, ein Star der letzten Saison, kann seinen neuen Vertrag bisher nicht rechtfertigen und Nebenmann Quay Walker, ein vielversprechender aber hinter den Ohren sehr grüner Rookie, leistet sich ebenfalls zu viele Aussetzer. Defensive Tackle Kenny Clark ist vor ihnen der einzige Unterschiedsspieler in einer dünn besetzten Defensive Line, was sich zeitweise auch auf die starken Pass Rusher wie Rashan Gary auswirkt.

Matt LaFleur ist verzweifelt, Aaron Rodgers frustriert

Am Ende des Tages wären alle diese Löcher in der eigenen Rüstung zu verschmerzen, wenn ein Mann noch auf dem Niveau der Vorjahre agieren würde. Aber Aaron Rodgers hat nicht erst seit seiner Daumenverletzung gegen die Giants enorme Schwierigkeiten, sich und seinen Angriff richtig zu justieren. Ohne Adams als Outlet hält die Protection nicht lang genug, Abstimmung scheint manchmal Glückssache und als Reaktion lässt Rodgers einen langen Ball nach dem anderen fliegen – ohne aber dafür die nötige Zeit oder auch die entsprechenden Spieler auf dem Feld zu haben. Die Gegner wissen dies und fluten die Line of Scrimmage mit Verteidigern, alles wird verstopft und Green Bay wirkt zunehmend behäbig. Ihr Run Game funktioniert ohne die Hilfe des Passspiels nicht mehr und das Resultat sind offensive Offenbarungseide wie in Halbzeit Zwei in London oder über fast das gesamte Spiel gegen die Jets.

Schaut man bei den anfangs erwähnten Buhrufen in die Gesichter der Protagonisten, dann erkennt man langsam aber sicher ein gewisses Maß an Verzweiflung. Matt LaFleur läuft fast flehend an der Seitenlinie auf und ab, wobei er versucht, den Spirit seiner Spieler aufzurichten und irgendwo hinter dem Gatorade-Kanister eine Identität zu finden. Spielerische Antworten fehlen ihm bisher aber und man kann nicht umher, in seiner Nervosität ein gewisses Bewusstsein für seine Verfehlungen der letzten Jahre zu erkennen. Dort gewann er in der Regular Season zwar mehr Spiele als jeder andere Coach in seinen ersten drei Jahren vor ihm, in den Playoffs war aber immer vor dem Super Bowl Schluss. Auch weil die Packers in entscheidenden Situationen dieses kleine Stück mentaler wie physischer Toughness vermissen ließen, ein Makel, der zuletzt auch immer deutlicher zu Tage trat.

Womit man zurück zu Aaron Rodgers kommt. Er hält sich oft den schmerzenden Daumen, steckt einen schweren Hit nach dem anderen ein, wirkt frustriert und ratlos ob der fehlenden Punkte seiner Mannschaft. Hinterher spricht er davon, dass man das Spiel eventuell simplifizieren müsste. Zumindest wenn man die richtigen Spieler hat, sonst wäre es eine andere Geschichte. Wir notieren: Pfeil in Richtung Front Office abgefeuert, wie schon so oft in den vergangenen Jahren. Bei aller spielerischer Brillanz und seinem nicht aus dieser Welt stammenden Talent, die Green Bay Packers brauchen in diesen Tagen mehr denn je etwas anderes von Aaron Rodgers. Sie brauchen nicht den missmutigen, in eigene Querelen verstrickten Star, den sie aus vergangenen Offseasons leidvoll in Erinnerung haben. Sie brauchen ihn jetzt als Anführer, als harten, beständigen und schnörkellosen Leader.

Ob dieser allerdings genug sein wird, um die grauen Wolken aus Green Bay zu vertreiben, ist wiederum eine andere Frage.

Über den/die Autor/in
Moritz Wollert
Moritz Wollert
Moritz Wollert schreibt für TOUCHDOWN24 u.a. über die NFL. Für das monatliche Print-Magazin schreibt er u.a. die NFL History Artikel

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