HEFT #50

Ausgabe OKTOBER 2021

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Das schwere Comeback von Saquon Barkley

Saquon Barkley von den New York Giants blickt in eine unsichere NFL-Zukunft. Saquon Barkley von den New York Giants blickt in eine unsichere NFL-Zukunft. Imago Images / Icon SMI / Robin Alam
Vor gut einem Jahr riss sich Saquon Barkley das Kreuzband und noch einiges mehr in seinem rechten Knie, die New York Giants verloren damals ihren explosivsten Spieler und einen der wenigen Hoffnungsträger in einem sonst eher durchschnittlichen Kader. Mit frischen Kräften hofft "Big Blue" in der kommenden NFL Saison auf Besserung, nicht zuletzt weil auch ihr junger Superstar kurz vor seinem Comeback steht. Dieses könnte sich aber als komplizierter herausstellen, als zunächst angenommen.

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357 Tage liegen für die New York Giants zwischen dem zweiten Spiel der vergangenen NFL Saison und ihrem ersten Auftritt der kommenden Spielzeit. So lange ist es her, dass sie ihren Star-Runningback Saquon Barkley das letzte Mal auf einem NFL-Feld bewundern konnten. Das Bild von Barkley auf einer Trage, wie er mit schmerzverzerrtem Gesicht auf sein rechtes Knie blickt, es ist die schmerzhafte Erinnerung an das Schicksal des schillernden Runners, dessen übermenschliche Fähigkeiten seit ein paar Jahren einen Großteil der New Yorker Hoffnungen in sich vereinen. Sie tun es auch jetzt wieder, kurz vor einer neuen NFL Season. Gleichzeitig umgeben den Jungstar mit den monströsen Beinen aber auch reihenweise Fragezeichen.

Aus der Ferne sieht der Prozess der Rehabilitation von Saquon Barkley aus wie der vieler anderer NFL Profis. Die Operation war gut verlaufen, alsbald folgten kleinere Schnipsel und Video-Clips, die seinen Fans Hoffnung geben sollten, mehr oder weniger beeindruckende Genesungsschritte streuten Optimismus. Doch ebenso wenig wie Saquon Barkley ein Spieler unter vielen ist, so muss auch seine Verletzung als individuelle und in sich komplett einmalige Episode gesehen werden. "Es ist eine riesige Herausforderung", gab Barkley über seine schwere Verletzung zu. "Ich habe mir immerhin mein Kreuzband, mein mediales Kollateralband (MCL) und meinen Meniskus gerissen. Ich wäre am liebsten schon gestern mit allem durch, aber ich muss es einfach von Tag zu Tag angehen und langsam Fortschritte machen. Einfach ist das allerdings keineswegs, denn ich liebe dieses Spiel und es schmerzt, nicht mit meinen Kollegen da draußen zu sein."

Saquon Barkley nimmt am Mannschaftstraining der Giants teil

Da draußen ist er wieder, Barkley nimmt seit vergangener Woche am Mannschaftstraining der New York Giants teil. Zwar noch in einem roten Non-Contact-Jersey, aber er macht genau die kleinen Fortschritte, von denen er gesprochen hat. Trotzdem geht es ihm eigentlich nicht schnell genug. "Ich hasse es, ich hasse es einfach", sagte ein schmunzelnder Barkley auf die Frage, was er von dem roten Sicherheits-Trikot hält, welches für jeden Mitspieler "Finger weg" bedeutet. "Natürlich bin ich froh, wieder dabei zu sein. Ehrlich gesagt freue ich mich fast wie ein kleines Kind, wieder bei meinem Team zu sein und alles andere kann man im Moment einfach nicht ändern."

So positiv diese Wasserstandsmeldungen auch sind, jeder weiß, dass sich Barkley und die Giants irgendwie in einem Wettlauf mit der Zeit befinden. Der 24-Jährige ist ein potenzielles Herzstück der New Yorker Offensive, ein Unterschiedsspieler, der alle anderen Teamkollegen um sich herum besser machen kann. Die Giants brauchen ihn dringend, konnten doch weite Teile des Angriffs aufgrund ausgebliebener Entwicklungsschritte (Quarterback, Offensive Line) oder wegen Verletzungen in der diesjährigen Vorbereitung noch nicht überzeugen. Dementsprechend groß ist die Sehnsucht, Barkley wieder auf dem Feld zu sehen.

Wie stark wird das Comeback von Saquon Barkley?

Dementsprechend groß ist allerdings auch die Angst, dass der NFL Offensive Rookie Of The Year von 2018 vielleicht nicht mehr der elektrisierende Spieler sein wird, der er einmal war. Auf keiner anderen Position sind gesunde Beine wohl so wichtig, wie für einen Runningback, wenig andere Körperteile werden einer derartigen Belastung durch Hits, Cuts und schnelle Richtungsänderungen ausgesetzt. Saquon Barkleys Beine wurden schon lange vor seiner NFL-Karriere zum Mythos, gleichen sie doch eher Baumstämmen, die allerdings gleichzeitig den Körper eines griechischen Gottes in Windeseile über ein Football-Feld tragen können. Aber selbst diese schier übernatürlichen Gliedmaßen unterliegen letztendlich den Gesetzen der Natur, wie nicht zuletzt Barkleys Zwangspause zeigt. Und genau deswegen steht auch hinter einer einhundertprozentigen Rückkehr des jungen Pro Bowlers ein Fragezeichen. Schließlich gibt es zu viele Beispiele aus der Geschichte, in der eine schwere Verletzung einem hoffnungsvollen Runningback seine Magie für immer geraubt hat. Einem Ki-Jana Carter oder einem Bo Jackson. Zuletzt einem Rashard Mendenhall, einem Knowshon Moreno oder einem Todd Gurley.



Natürlich gibt es auch Beispiele von erfolgreichen Comebacks: Dalvin Cook, Frank Gore und natürlich der große Adrian Peterson. Letzteren hatte auch Saquon Barkley im Kopf, während er versuchte, sich auf das NFL-Feld zurück zu kämpfen. "Er hatte die vielleicht beste Comeback-Story nach so einer schweren Verletzung", sagt Barkley und hofft, es dem zukünftigen Hall Of Famer und Überathleten gleichzutun. "Ich habe mit seinem Trainer gesprochen, der ihn damals fit gemacht hat. Und der hat mir gesagt, es ging nicht nur darum, das Knie zu reparieren, sondern den ganzen Körper. Wir haben bei den Zehen angefangen und sind bis ganz oben zum Kopf und den Gedanken gekommen."

Saquon Barkley will es NFL-Legende Adrian Peterson gleichtun

Letztere stellten ihre ganz eigene Herausforderung für Barkley dar, wie er auch bei einem Interview mit Mike Tyson erzählte, durchmischten sie sich doch in vielen ruhigen Momenten mit schweren Sorgen und Fragen bezüglich der eigenen Zukunft. Mithilfe eines starken Support Systems umschiffte der Youngster viele dieser inneren Hürden, die wirklich entscheidenden Schritte kommen aber natürlich noch. Einen davon hat er zuletzt schon gemacht. "Ich habe einen Ball im Training gefangen, bin losgelaufen und es passierte alles ganz natürlich", so der ehemalige All American an der Penn State University. "Ich habe nicht an das Knie gedacht und das ist natürlich ein sehr positives Zeichen."

Ob es allerdings positiv genug ist, um für den ersten NFL Spieltag und das Heimspiel gegen die Denver Broncos fit zu sein, das ist eine andere Frage. Sein Coach Joe Judge kann sie jedenfalls noch nicht beantworten. "Natürlich spielt die medizinische Abteilung hierbei eine große Rolle", so der Head Coach der Giants. "Wir werden versuchen, ihm stetig mehr Aufgaben zu geben und ihn weiter aufzubauen. Bis zum ersten Spiel ist es noch ein wenig hin, da kann noch einiges passieren." Damit hat Judge mit Sicherheit Recht. Eines verdeutlichen die vorsichtigen Worte des Übungsleiters allerdings auch. Selbst wenn Saquon Barkley bald wieder auf einem NFL-Feld stehen wird, bis er wieder der alte sein wird, dürfte es noch ein wenig länger dauern.

Hoffen wir für den sympathischen Youngster und für die gesamte NFL, dass es weniger als 357 Tage sein werden…
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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