HEFT #50

Ausgabe OKTOBER 2021

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Das Run Game der New England Patriots & ihre neue "Kuhglocke"

Cam Newton und Damien Harris sind nur zwei New England Patriots, die ihren Rookie Rhamondre Stevenson schon lieb gewonnen haben. Cam Newton und Damien Harris sind nur zwei New England Patriots, die ihren Rookie Rhamondre Stevenson schon lieb gewonnen haben. Imago Images / ZUMA Wire / Eric Canha
Früher hieß ein wuchtiger Lead Runningback einmal "Workhorse", heute nennen ihn Football Afficionados auch gerne "Bell Cow". Ganz egal ob nun mit einem Arbeitspferd, der personifizierten Kuhglocke oder irgendeinem anderen Arbeitstier, über eines sind sich NFL Experten eigentlich einig: Der Fokus auf ein starkes Running Game stammt irgendwie aus dem letzten Jahrhundert. Ausgerechnet die New England Patriots, vor nicht allzu langer Zeit noch eine der modernsten Passoffensiven der Liga, strafen derartige Mutmaßungen allerdings Lügen. Bill Belichick und sein Coaching Staff beleben mit Nachdruck das eigene Ground Game neu und somit bekommt auch der eigene „Runningback-Stall“ wieder eine ganz besondere Bedeutung!

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Rhamondre Stevenson ist eigentlich nicht die Art Spieler, die Scouts in der heutigen NFL Luftsprünge machen lässt. Allein seine Position als Runningback hat viel vom einstigen Ruhm eingebüßt. Dazu interpretiert der ehemalige Runner der Oklahoma Sooners seinen Job auch auf eine Art und Weise, die nicht wirklich mit der heutigen passfreudigen National Football League sowie deren zunehmendem Fokus auf Vielseitigkeit kompatibel ist. Stevenson steht für einen Runningback der "alten Schule", der mit ordentlichem Gewicht hinter den eigenen Pads gerne den Fuß in den Boden rammt und dann geradeaus nach vorne walzt. Verteidigern soll es wehtun, wenn sie ihn zu Boden bringen wollen. Selbst wenn Stevenson über eine gute Balance und so manchen ansehnlichen Jump Cut verfügt, seine Beweglichkeit stand eher weiter unten in seinem NFL-Bewerbungsschreiben. Und so kommt es auch wenig überraschend, dass er sich selbst als Reinkarnation eines ehemaligen Patriots-Läufers sieht: "Ich fand LeGarrette Blount immer toll und bewunderte die Physis, mit der er gelaufen ist."

New England Patriots sehen Rhamondre Stevenson als echte Option

Nach zwei Preseason-Spielen hält diesen Vergleich mit dem schwergewichtigen Ex-Pats-Back niemand mehr für vermessen. Im Gegenteil. Dank 127 Rush Yards gegen Washington (inklusive 91-Yard-Touchdown-Rumble), weiteren 66 Yards auf dem Boden gegen Philadelphia sowie insgesamt vier Touchdowns hält Stevenson gute Karten in der vollbesetzten Runningback-Competition der Patriots. Der kräftige Back weiß schon lange, was es bedeutet, sich durchzubeißen. Nach einem gebrochenen Fuß in der High School sowie unzureichenden Noten ging es für ihn zunächst ans nicht wirklich weltberühmte Cerritos College in Norwalk, Kalifornien, fernab der großen NCAA-Bühne. Er arbeitete hart an sich und wechselte zwei Jahre später nach Norman zu den Sooners. Sportlich überzeugte er stets, vor allem weil Head Coach Lincoln Riley speziell einen Spielertypen wie ihn gesucht hatte, doch ein positiver Drogentest vor dem 2019er Peach Bowl bescherte Stevenson eine Sperre von sechs Spielen. Nach seiner Rückkehr wurde er eher ein Wackelkandidat für den NFL Draft, ein Spieler mit Potenzial, aber auch mit etlichen Fragezeichen bezüglich Charakter, Vielseitigkeit und Athletik.



Auf eben jene gab Bill Belichick nicht nur mit der Auswahl Stevensons in Runde Vier des diesjährigen Draft eine deutliche Antwort. "Ich denke, Rhamondre hat den besten Football seines Lebens noch vor sich", sagt der sechsfache Super-Bowl-Champion über seinen Rookie. "Er ist stark, kann laufen und fangen. Er braucht etwas Hilfe bei den Feinheiten, aber dafür sind wir ja da." In diesem für Belichick fast humoristischen Ausbruch versteckt sich auch ein stilles Vertrauen in das eigene System. Ein System, was wie kaum ein zweites in der NFL auf das Laufspiel setzt und das in einer Zeit, in der die meisten Teams der Liga Woche für Woche neue Passrekorde aufstellen. Die Patriots haben sich geradezu eine echte Dampfwalze zusammengebastelt, für die ein wuchtiger Back wie Stevenson eines der letzten Puzzleteile darstellen könnte. Von 2018 bis 2020 lagen die Pats beim dritten Versuch und unter drei Yards zu gehen mit 2,9 Yards nur auf Ligarang 28. Nicht genug für eine Offense, die sonst ligaweit zu den lauffreudigsten sowie erfolgreichsten Units auf dem Boden zu zählen ist.

New England Patriots haben sich eine Dampfwalze gebaut

Warum die Patriots gerade jetzt auf so viel Laufspiel setzen, hat unterschiedliche Gründe und birgt in der Theorie tatsächlich viel Potenzial. Mit Cam Newton als Quarterback sind ihnen teilweise die Hände gebunden, zählt sein Wurfarm doch schon länger nicht mehr zu den größten Attraktionen im NFL Zirkus. Seinem potenziellen Nachfolger Mac Jones würden die Vorzüge des Patriots-Systems den Einstieg gleichzeitig erleichtern. Die massige Offensive Line um Premium Run Blocker wie Shaq Mason oder das 159-Kilogramm-Paket Michael Owenwu fühlt sich in einem Run Heavy Scheme sichtlich wohl und wird vom deutschen Fullback Jakob Johnson ebenfalls bestens unterstützt. Die I-Formation hat in New England immer noch Hochkonjunktur, gleichzeitig nutzen Belichick und Co. viel innovative Pre Snap Motion oder Misdirection, um Laufspielzüge vorzubereiten. Mit der Verpflichtung der beiden prominenten Tight Ends Hunter Henry und Jonnu Smith dürfte man in Foxborogh reichlich 12 Personnel auf dem Feld stehen und das Run Game erhält damit weitere interessante Optionen. Für viele NFL Verteidigungen, die sich in Sachen Personal und Schema zusehends auf das Verteidigen der Spread Offense eingestellt haben, wird das physische und körperintensive Spiel der Patriots eine ungewohnte sowie schwer zu lösende Aufgabe darstellen.

Dies liegt nicht nur an den reinen Kilos, welche die Patriots in den Ring werfen. Ihre Runningback Lineup zeigt, dass sie auf unterschiedliche Weise auf dem Boden erfolgreich sein können und damit in der Theorie extrem schwer ausrechenbar sind. Neben "Bell Cow" Stevenson stellt auch Damien Harris einen physischen One-Cut-Runner dar, wenn auch nicht ganz mit der Wucht des Neuankömmlings. Dafür bringt er ein wenig mehr Explosivität und Long Speed mit. J.J. Taylor ist ein klassischer Scatback mit enormer Beweglichkeit und rasanten Füßen. Ex-Erstrundenpick Sony Michel punktet ebenfalls vor allem mit seiner Balance, kurzen Richtungswechseln sowie seinem natürlichen Gefühl für die Position. Third Down Waffe James White ist fast schon mehr Receiver als Runningback, bringt damit aber dementsprechend eine unheimlich wertvolle Dimension in den Kader der Patriots ein. Kurzum, es fehlt den Patriots zwar an einem wirklich großen Namen, in der Kombination haben ihre Runningbacks aber alles, was man in der heutigen NFL braucht. Vielleicht sogar etwas zu viel davon, denn irgendwie will ja jeder Spieler auch Snaps bekommen.

Für Rhamondre Stevenson sollte dies nach den jüngsten Leistungen nicht wirklich ein Problem sein. Und das obwohl er eigentlich ein wenig aus der Zeit gefallen ist. Vielleicht ja aber auch gerade deswegen…
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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