Ryan Tannehill steht bei den Tennessee Titans wohl wieder in der ersten Reihe. Credit: Imago Images / USA TODAY Network / Andrew Nelles

Ryan Tannehill führte die Tennessee Titans vor einigen Jahren aus der Versenkung, aber die jüngsten Personalentscheidungen des Teams machen deutlich, dass sie in ihm nicht die Zukunft sehen. Gleiches ist bei den Youngstern Will Levis und Malik Willis gerade aber auch nicht einfach, was nicht heißt, dass die Titans unbedingt in die Röhre gucken!

Ryan Tannehill ist ein ziemlich guter NFL-Quarterback. Er kann dir mit den richtigen Rahmenbedingungen Spiele gewinnen, ist beliebt bei seinen Kollegen und sogar relativ variabel, was das Spielsystem angeht. Er hat auch so einiges auf dem Papier vorzuweisen, unter anderem einen Pro Bowl, eine Trophäe für den NFL Comeback Player Of The Year und für jede Interception wirft er während seiner Karriere ungefähr zwei Touchdowns. Auch von einem magischen Playoff-Run kann er erzählen und damit jede abendliche Runde bei wahlweise Wein und Crackern oder einem frisch Gezapften sicherlich für die eine oder andere Stunde unterhalten. Eines allerdings scheint Ryan Tannehill nicht zu sein: Die Zukunft der Tennessee Titans.

Ryan Tannehill ist immer noch Tennessees bester Mann

Denn obwohl der bald 35-Jährige seit Jahren mit den Titans eigentlich voller großer Hoffnungen in die Saison geht und die Franchise diese als AFC South Powerhouse auch zu Recht haben konnte, draftete Tennessee im vergangenen Jahr mit Malik Willis und in dieser Saison mit Will Levis direkt zwei junge Signal Caller in den ersten drei Runden des NFL Draft. Zeichen für die Zukunft, die ebenso viel über die Gegenwart in der Music City aussagen. Und über das Vertrauen in Ryan Tannehill, der zwar wie geschrieben ein veritabler NFL Signal Caller ist, sich für den ganz großen Wurf in Tennessee bisher aber nicht bereit zeigte. Oder an irgendeinem anderen Zeitpunkt in seiner Karriere, möchte man ergänzen. Was in Tennessee zu einer doch mehr als undurchsichtigen Übergangssituation führt, in der es wohl wöchentlich in den nächsten Monaten um die Quarterback-Situation rumoren dürfte.

Das Problem für die Tennessee Titans ist im Moment eben, dass sie sich eben wie alle anderen auch noch in der Gegenwart befinden. In dieser haben sie durchaus Chancen auf einen weiteren AFC South Titel und wollen unbedingt ihre vergangene Desaster-Saison vergessen machen. Diese endete nämlich wie dieses berühmte Poster von der Lok, die aus dem Gare Montparnasse herausstürzt, sprich in einem absoluten Fiasko. Trotz eines 7-3-Starts gingen auch wegen einer Verletzung von Ryan Tannehill die letzten sieben Spiele der Saison verloren, womit sich die sichergeglaubten Playoffs in Wohlgefallen auflösten. Der Scherbenhaufen, der liegen blieb, ist ganz sicher nicht so groß wie bei einigen anderen Mannschaften, hinterließ bei den Verantwortlichen aber dennoch den faden Beigeschmack eines unterklassigen und von Geschmacksverstärkern übersäten To-Go-Foods.

Tennessee Titans suchen nach ihrer Zukunft

Dieser Geschmack hing auch noch zwischen den Beißerchen von Head Coach Mike Vrabel und dem neuen General Manager Arandric Kornell Carthon, kurz "Ran" genannt, als sie es sich für die zweite Runde des 2023er NFL Drafts gemütlich machten. Etwas Besonderes musste wohl passieren, denn sie tradeten für Quarterback Will Levis rauf, den viele im Vorfeld in der ersten Runde gesehen hatten. Er sollte – vielleicht auch mithilfe von Mayonnaise im Kaffee oder Bananen inklusive Schale – den bitteren Geschmack der Vorsaison vergessen machen. Dazu gehörte auch das Gefühl in Tennessee, dass ihre durchaus gut klingende aber nach dem grandiosen Playoff-Run 2019 sowie einem anschließenden Number One Seed nie mehr wirklich fulminante Schallplatte seit einiger Zeit auf quietschender Dauerschleife lief. Irgendwie spürte man, dass die Titans ein klein wenig auf der Stelle traten, mit Ryan Tannehill, mit allem, was gestern war. Man brauchte etwas Neues, ganz besonders, weil Tannehills Vertrag im kommenden Jahr auslaufen wird.

So weit, so gut und so verständlich. Tannehills Zeit, Gesundheit und auch sein Talent schienen eine Wertzeit erreicht zu haben. Das Dumme für die Tennessee Titans ist im Moment eben nur, dass die Youngster, die lieber heute als morgen für den Veteranen übernehmen sollen, eben jener Aufgabe nicht im Entferntesten gewachsen scheinen. Zumindest noch nicht, wenn man den jüngsten Reports aus dem Titans Offseason Programm Glauben schenken mag. Malik Willis bekommt zwar von Coach Vrabel und selbst von Tannehill absolute Bestnoten für seine Vorbereitung, zeigte sich dafür in der Vorsaison aber auch in drei Starts und weiteren Kurzeinsätzen als alles andere als NFL-tauglich. Levis als jüngste Verpflichtung generierte natürlich eine Menge Buzz, aber auch dieser zerschellte bei aller Sympathie für seine motivierte und hart arbeitende Persönlichkeit an der Realität. Hier und da gab es einen echten Highlight-Pass, aber alle anderen Würfe sollen die Titans derzeit darüber nachdenken lassen, dass Levis nicht einmal als Backup in seiner Rookie-Saison eingeplant ist.

Tennessee Titans befolgen altes NFL-Mantra

Das ist im ersten Moment natürlich frustrierend, letztendlich aber auch nicht unglaublich überraschend, wenn man die Draft-Profile von Willis und Levis bedenkt. Beide waren alles andere als echte Homerun-Prospects, wurden eher durch den Mangel an Alternativen in die Diskussionen für die Top Ten gespült und hatten beide einen Rucksack voller Fragezeichen auf dem Buckel. Potenzial hatten und haben sie aber ohne Zweifel, weshalb man keine der beiden Selektionen bereits verteufeln sollte. Sie machen auch auf administrativer Ebene Sinn, denn wer das Gefühl hat, dass er seinen Quarterback, mit dem er wirklich nach einem Titel greifen möchte, noch nicht gefunden hat, der sollte alles in Bewegung setzen, eben diesen zu finden. Und eben auch gerne so lange Signal Caller draften, bis der richtige dabei ist.

Und auch wenn Ryan Tannehill eigentlich nicht mehr der richtige zu sein scheint, so sind die Titans in diesem Jahr sicherlich doch ganz froh, dass sie ihn immer noch unter Vertrag haben. Vielleicht liegt die Betonung auf noch, schließlich gab es jüngst schon Trade-Gerüchte und eventuell wäre eine getankte Saison mit Blick auf eine talentierte 2024er Quarterback-Klasse ja gar nicht das schlechteste. Es sieht allerdings noch so aus, als ob Tannehill in Week 1 der 2023er NFL Saison der Starter für die Tennessee Titans sein wird und in seinem Vertragsjahr sicherlich auch mehr als motiviert an diese Aufgabe herangehen wird. Das hat in sich schon einen Wert, wo dieser aber letztendlich genau liegt, das wird die Saison dann noch zeigen. Eines bleibt Ryan Tannehill dabei sicherlich: Ein ziemlich guter NFL-Quarterback.

Was nicht bedeutet, dass gut auch immer gut genug ist…

Über den/die Autor/in
Moritz Wollert
Moritz Wollert
Moritz Wollert schreibt für TOUCHDOWN24 u.a. über die NFL. Für das monatliche Print-Magazin schreibt er u.a. die NFL History Artikel

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