A.J. Brown von den Tennessee Titans kann sich in der kommenden NFL Saison zusammen mit Julio Jones warm machen. A.J. Brown von den Tennessee Titans kann sich in der kommenden NFL Saison zusammen mit Julio Jones warm machen. Imago Images / Icon SMI / David Rosenblum

Das muntere "Wettrüsten" in der AFC

geschrieben/veröffentlicht von/durch  09.06.2021
Für die Tampa Bay Buccaneers war die Aufgabe vor der Offseason als amtierender NFL-Champion relativ simpel gestrickt: Den Kader, der im letzten Jahr auf beeindruckende Weise den Super Bowl nach Florida holte, zusammenhalten. Tom Brady wird den Rest schon irgendwie richten. Für die designierten Top Favoriten der AFC war die To-Do-Liste ein wenig länger und umfasste vor allem die Frage, wie man zum Ligaprimus aus der NFC aufschließen kann. Die vorläufige Antwort: Mit allem, was die eigenen Ressourcen hergeben!

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Die Zusammenstellung eines NFL-Contenders ist keine leichte Sache. Jahr für Jahr müssen die Front Offices der Liga dabei selbstkritisch in den Spiegel schauen, ganz besonders die 31, die nicht fünf Meter entfernt die letztjährige Lombardi Trophy in der Vitrine stehen haben. Hierbei geht es im ersten Augenblick darum, eigene Schwächen zu identifizieren und dann eben jene mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen wettzumachen. Das muss danach aber auch immer in Relation zu den Entwicklungen der Konkurrenz gesetzt werden, denn was nützt ein ganz besonders sinnvoll zusammengestellter und scheinbar lückenloser Kader, wenn er nicht gut genug ist, um den ganz großen Wurf gegen die direkten Konkurrenten zu schaffen.

Dementsprechend lässt sich auch der jüngste Trade der Tennessee Titans für Superstar-Receiver Julio Jones einordnen. Die Titans gehörten schon vor dem Deal zu den besseren Teams der NFL, waren in den vergangenen zwei Spielzeiten in der Playoffs dabei und besserten in der zuletzt oft gescholtenen Defensive unter anderem mit der Verpflichtung von Pass Rusher Bud Dupree nach. Aber nach einigem Aderlass in der Offensive mit Abgängen von Tight End Jonnu Smith oder Receiver Corey Davis bestand noch ein klein wenig Handlungsbedarf auf den offensiven Skill Positions. Erst Recht, wenn man im Januar in der NFL Postseason ein Gegengewicht zu den wirklichen "Heavy Hittern" der AFC bilden will.

Die Chiefs mauern eine Wand vor Pat Mahomes

Man nehme nur einmal den letztjährigen Super Bowl Vertreter der Conference, die Kansas City Chiefs. Star-Quarterback Pat Mahomes hatte noch nicht das letzte Gras unter den Fingernägeln herausgekratzt, welches ihm seine löchrige Offensive Line und etliche Knockdowns im NFL Endspiel beschert hatten, da tippten sich die Verantwortlichen um General Manager Brett Veach schon die Finger wund. Das Motto: Wir müssen unseren wertvollsten Spieler, den nicht wenige als das Gesicht der gesamten Liga erachten, besser beschützen. Andernfalls nutzen uns auch das innovativste Offensiv-Konzept oder die vielleicht besten Skill Positions der westlichen Hemisphäre nicht viel.



Die zuletzt angeschlagenen Tackles Eric Fisher und Mitchell Schwartz gingen und mit Pro Bowl Tackle Orlando Brown, All-Pro-Guard Joe Thuney, Rookie-Center Creed Humphrey sowie Kyle Long, den Veach aus dem Ruhestand reaktivierte, baute man die gesamte Offensive Line um. Damit scheinen die hochmotivierten Chiefs bereit, wieder auf die Jagd nach neuen Punkterekorden zu gehen. Gleichzeitig nimmt das Druck von ihrer Defense, die damit wieder in ihrer eigenen Rolle als situative Unit mit aggressivem, auf Turnover angelegtem Spiel aufblühen kann.

Mit mehr Erfahrung wollen die Buffalo Bills in den Super Bowl

Während in Kansas City ganz klar die Offensive den Ton angibt, besteht im Selbstverständnis ihrer letztjährigen Gegner im AFC Championship Game eigentlich eine größere Balance. Die Offensive der Buffalo Bills hat sich unter dem aufstrebenden All-Pro-Quarterback Josh Allen zu einer der explosivsten der ganzen NFL entwickelt (396,4 Yards pro Partie, nur Kansas City schaffte 2020 mehr) und Head Coach Sean McDermott gilt weitestgehend als defensives Mastermind. Zwar schwächelte "seine" Seite des Balls im letzten Jahr etwas und rangierte lediglich im Mittelfeld, Talent haben die Bills aber auch in der Defense zu genüge. Erst recht nachdem sie im NFL Draft mit Gregory Rousseau und Carlos Basham zwei weitere Edges zur ohnehin schon tiefseetiefen Defensive Line Gruppe hinzuholten.



Buffalo war in der beneidenswerten Situation, dass ihr Kader schon im letzten Jahr eigentlich keine großen Schwächen aufwies und dass sie ihre eigene Entwicklung vor allem intrinsisch erwarten konnten. Allen kann auf die Basis der letzten Saison aufbauen, ein Youngster wie Gabriel Davis könnte kurz vor seinem Durchbruch stehen und defensiv wimmelt es von potenziellen Breakout-Kandidaten. Das eigene Konzept sollte 2021 noch mehr gefestigt sein und der Faktor Erfahrung kann ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Hierbei dürfte auch Super Bowl Champion Emmanuel Sanders (34 Jahre alt) helfen, der das Receiving Corps um Superstar Stefon Diggs ergänzt.

Die Browns stellen zweites All-Star-Team zusammen

Während die Bills eher punktuell die Stellschrauben ansetzten, holten die Cleveland Browns wieder einmal die durchaus größere Personalkeule heraus. Und diesmal nicht, um dem Kader eines notorischen NFL-Kellerkindes auf die Beine zu helfen, sondern um einem Playoff-Team zum nächsten Schritt zu verhelfen. Dieser Sprung in die absolute NFL-Spitze soll vor allem durch eine Stärkung der Defense erfolgen, wo man nebst Passrush-Monster Myles Garrett eine tiefe Defensive Line zusammenbastelte. Auch im Hinterfeld wertete General Manager Andrew Berry mit smarten Draft Picks wie Jeremiah Owusu-Koramoah oder perfekt passenden Free Agent Signings wie John Johnson die eigene Defense extrem auf.

Offensiv hofft man auf einen Schub durch die Rückkehr von Odell Beckham Jr., der von einem Kreuzbandriss zurückkehren wird. Für mehr Platz im "Mittelfeld" soll Drittrundenpick Anthony Schwartz sorgen, ein echter Speedster, der immens von der Play Action sowie dem besten Laufspiel der NFL um All-Pro-Runner Nick Chubb profitieren dürfte. Kurzum, Quarterback Baker Mayfield hat alles beisammen, was man für eine explosive und punktehungrige Offensive benötigt. Mit gesteigertem Selbstvertrauen durch den letztjährigen Playoff-Run startet Cleveland mit viel Hoffnung und extrem viel Qualität in die neue Saison.



Weitere Contender wie Baltimore oder auch New England konnten sich ebenfalls verstärken und dürften in der kommenden Saison in der AFC mit Nachdruck in Richtung NFL Playoffs pushen. Darum zu kämpfen wäre für Tennessee auch ohne Julio Jones möglich gewesen. Dafür ist das Fundament um Derrick Henry in der Music City bereits schon zu gefestigt. Aber im Haifischbecken der absoluten Top-Teams muss man schon einiges mehr in die Waagschale werfen als ein gutes Fundament. Richtig gut reicht auf diesem Level nicht mehr, hier muss man dominante Spieler und Konzepte in den eigenen Reihen haben. Vor allem braucht man heute eine explosive Offense, um mit potenziellen Punktemaschinen wie Buffalo, Kansas City oder Cleveland mithalten zu können.

Oder eventuell auch einer Mannschaft aus der NFC, die man im Super Bowl treffen könnte…
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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