Der Tod Junior Seaus ist einer von zu vielen Fällen, welche die NFL in den vergangenen Jahrzehnten erschütterten. Der Tod Junior Seaus ist einer von zu vielen Fällen, welche die NFL in den vergangenen Jahrzehnten erschütterten. Imago Images / ZUMA Wire

Das Drama der NFL im zweiten Akt

geschrieben/veröffentlicht von/durch  14.04.2021
Jüngst erschütterte die Tragödie um Phillip Adams die gesamte NFL. Dem Amoklauf des ehemaligen Defensive Backs fielen sechs Menschen zum Opfer, anschließend nahm er sich selbst das Leben. Neben unendlicher Trauer hinterlässt diese grauenhafte Episode auch abermals Fragen nach den dunklen Seiten des NFL-Ruhestands. Wenn die Fans nicht mehr jubeln, wenn die Erinnerungen zur Bürde werden, wenn der eigene Körper und Geist die einstigen Helden im Stich lassen. Und wenn manche von ihnen einfach keinen Ausweg mehr aus den Schmerzen sehen.

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NFL-Spieler sind zweifelsohne besondere Menschen. Körperlich wie mental bewältigen sie Herausforderungen, welche für Normalsterbliche im grauen Alltag übermenschlich erscheinen. Ein minimaler Prozentsatz der Gesellschaft kann überhaupt darüber nachdenken, jemals die große Bühne der National Football League zu betreten. Geschweige denn darüber, auf ihr Fuß zu fassen und zu einem gefeierten Star zu werden. Als moderne Gladiatoren gehen viele von ihnen allerdings einen gewissen Pakt mit dem Teufel ein, denn das Spiel verlangt meist einen hohen Tribut. Eine Abgabe, die viele während ihrer NFL-Karriere im Stande zu leisten sind, die aber nach dem letzten Schlusspfiff zur untragbaren mentalen Bürde wird.

Die dunklen Seiten des NFL-Ruhestandes

Viele vermuten, dass es so auch Phillip Adams ging, als er mit der Waffe über sich und sechs seiner Mitmenschen richtete. Es gibt Vermutungen, dass auch er wie viele seiner einstigen NFL-Kollegen an Chronischer Traumatischer Enzephalopathie (CTE) litt, einer seltenen degenerativen Hirnkrankheit, die schwere nervliche wie psychische Störungen nach sich ziehen kann und ihren Ursprung in vielen Schlägen gegen den Kopf hat. Gerade bei Boxern und eben Football-Spielern wird sie immer wieder nach dem Karriereende festgestellt, wenn die Treffer aufhören, die Schmerzen aber nicht. Bekannt machte das Thema unter anderem der Arzt Bennet Omalu, der das Gehirn vom einstigen Steelers-Center „Iron Mike“ Webster untersuchte und umfassende wissenschaftliche Forschungen zu dem Thema anstellte. Die Geschichte wurde 2015 sogar von Hollywood verfilmt (mit Will Smith als Omalu in der Hauptrolle) und thematisierte auch die Flut von rechtlichen Streitigkeiten zwischen der Liga und vielen Ex-Spielern. 2013 einigte sich die NFL unter anderem mit 4500 ehemaligen Athleten oder Hinterbliebenen, welche die Liga aufgrund fahrlässiger Betreuung und unzureichender Aufklärung verklagt hatten. Die Summe des Settlements lag zwischen 765 Millionen und einer Milliarde US-Dollar zusicherte.

Man muss diese Zahlen ein paar Mal lesen, um genau zu verstehen, wie groß diese ganze Thematik ist. Oder man erinnert sich einfach nur an ein paar wenige Namen und ihre tragisches Schicksal. 2011 erschoss sich der 50-Jährige Dave Duerson, 1986 Super Bowl Champion und Star bei den Chicago Bears, in seinem Apartment in Miami. Chargers-Legende Junior Seau nahm sich 2012 im Alter von 43 selbst das Leben. Im selben Jahr tötete derChiefs-Linebacker Jovan Belcher zunächst seine Freundin und dann sich selbst auf dem Trainingsgelände seines Arbeitgebers. Er wurde nur 25 Jahre alt. Die Liste ließe sich traurigerweise weiterführen, immer wieder schockieren die Schicksale ehemaliger Spieler die Öffentlichkeit, bevor sie wieder aus den Schlagzeilen verschwinden. Mal ist CTE als Grund für die erfolgten Taten anerkannt, mal nicht. Mal waren es Suchtprobleme, mal körperliche Gebrechen. Oft erlagen Spieler den geistigen Dämonen, die Depressionen, Demenz oder psychischen Störungen ihren Weg bereiteten. Letztendlich bleibt jedes Schicksal für sich eine Tragödie und in sich oft ein Mysterium.

Gefeierte Stars in der NFL, danach oft ganz allein

Denn eigentlich hat man doch dieses ganz bestimmte Bild von den Großen des Gridiron. Ein Bild von Männern aus Stahl, von menschgewordenen Dampfwalzen, die wie Titanen weltlichen Kräften trotzen und in ihren Fähigkeiten selber alles Erdenkliche übersteigen. Es sind unzerstörbare Athleten, die keine Schwächen haben und wenn doch, sie nicht zeigen dürfen. Stars, deren NFL-Alltagsgeschäft auf einer Form von Gewalt basiert, von einem Kampf Mann gegen Mann. NFL-Spieler eben. Jeder dieser modernen Helden ist allerdings auch noch mehr – er ist ein Mensch. Viele realisieren das erst nach ihren aktiven Tagen, wenn der Glanz von einst verbleicht und die Hymnen der einstigen Fans verstummen. Wenn man am Sonntag kein Gott mehr ist, sondern ein normales Wesen mit den Problemen eines Alltags, die früher so unendlich weit entfernt schienen. Die amerikanische Blues-Legende Janis Joplin beschrieb dieses Phanömen der ausgehenden Lichter einmal auf sehr eindrucksvolle Weise: "Auf der Bühne mache ich Liebe mit 25.000 Menschen, aber dann gehe ich alleine nach Haus."

Es gibt reihenweise Bestrebungen, frühere NFL-Stars eben nicht alleine zu lassen und ihnen in etlichen Programmen Halt zu geben, Jahr für Jahr werden es mehr. Für nicht wenige sind die Bemühungen trotz einem wissenschaftlich fundierten wie beherzten Einsatzes aber oft nur ein schwacher Balsam auf eine Wunde, die größer ist, als es sich viele vorstellen können. Sein Umfeld empfahl auch Phillip Adams eben jene Selbsthilfegruppen, doch er ignorierte die gut gemeinten Ratschläge, die einfach nicht mehr zu ihm durchdrangen. „Ich glaube, er war ohne Football einfach verloren“, sagte sein Agent Scott Casterline, der Adams mehrfach dazu geraten hatte, Hilfe zu suchen. Stattdessen wählte er einen anderen Weg, der für ihn wohl der einzige zu sein schien. Und wie jemand genau an diesem Punkt ankommt, ist die große Frage dieser gesamten Tragödie.

Eines ist jedenfalls sicher. Phillip Adams findet seinen Weg in eine unrühmliche Statistik, die das schwere Dasein eines NFL-Spielers nach seiner Karriere untermalt. Ganz unterschiedliche Gründe, vor allem Herzkrankheiten, liegen nämlich einer schockierenden Zahl zugrunde, welche die Lebenserwartung eines NFL-Spielers beschreibt. Diese liegt nur bei 59,6 Jahren, ungefähr 13 Jahre unter dem Durchschnitt der gesamten Menschheit. Ein weiterer Beleg dafür, dass NFL-Spieler mit ihren ganz eigenen Herausforderungen zu kämpfen haben. Auch oder gerade nach dem letzten Schlusspfiff…
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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