HEFT #51

Ausgabe NOVEMBER 2021

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Chance für den Rookie: Kann sich Lance als 49ers-Starter etablieren?

Trey Lance bekommt vielleicht bald öfter die Snaps als startender Quarterback Trey Lance bekommt vielleicht bald öfter die Snaps als startender Quarterback Imago Images / Icon Sportswire / Samuel Stringer
Die Verletzung von Jimmy Garoppolo gibt Trey Lance die Möglichkeit, sich langfristig als Starter der Franchise zu etablieren. Ob der Rookie dazu bereit ist, sollte uns das Topspiel gegen die ungeschlagenen Arizona Cardinals am Sonntag zeigen. Außerdem: Die Cowboys-Offense dominiert die Liga – ein Verdienst von Dak Prescott und Offensive Coordinator Kellen Moore, die bislang brillant harmonieren. Mehr dazu im TOUCHDOWN24-Spotlight für Week 5 in der NFL.

Kann Trey Lance den Cardinals ein Bein stellen?


Nach einem Viertel der Saison finden sich die San Francisco 49ers mit einer Bilanz von 2-2 auf dem letzten Platz in der NFC West wieder und drohen bereits früh in der Saison, den Anschluss in der besten Division der Liga zu verlieren. Da hilft es aus Niners-Sicht kaum, dass sich bei der offensiv über weite Strecken glanzlosen Vorstellung in Woche 4 gegen die Seattle Seahawks auch noch Starting-Quarterback Jimmy Garoppolo verletzte. Der 29-Jährige holte sich beim Opening-Drive der Partie eine Wadenverletzung und musste in der Halbzeit vom Feld.

Nach dem Spiel sagte ein aufgelöster Garoppolo den Reportern vor Ort, er sei es leid, ständig von einer Verletzung in die nächste zu rennen. „Es ist Scheiße. Ich dachte, ich könnte mich durchkämpfen, aber es war einfach zu hart. Ich war in dieser Situation zu oft und langsam nervt es mich. Ich schätze, es ist halt eine dieser Sachen, die zum Geschäft dazugehören.“ Er hoffe, seine Verletzung sei nur für „ein paar Wochen oder so“, fügte Garoppolo noch hinzu.

Die Tiefe von Garoppolos Frustration ist verständlich, denn der ehemalige New England Patriot weiß selbst, dass er mit seiner Verletzung nun die Tür für Rookie Trey Lance öffnet, den Starter-Job in „SanFran“ zu übernehmen – und womöglich für die restliche Saison nicht mehr abzugeben. Sollte das der Fall sein, ist es mehr als wahrscheinlich, dass Garoppolo seinen letzten Snap im Jersey der Niners gespielt hat. So weit sind wir zwar noch nicht, aber es ist schwer vorstellbar, dass Head Coach Kyle Shanahan nicht weiter auf Lance setzt, sollte dieser in den nächsten Wochen oder wie lange Garoppolo eben ausfällt, Leistung zeigen.

Cardinals als absolute Härteprüfung


Denn eine Sache ist klar: Lance ist die Zukunft der 49ers, nicht Garoppolo. San Francisco ging im Draft sogar neun Slots nach oben, um den 21-Jährigen als zukünftigen Franchise-Quarterback auszuwählen. Wer denkt, dass Shanahan dem Rookie nicht die Möglichkeit gibt, sich weiter zu beweisen, sollte er sich nicht als komplett überfordert präsentieren, lügt sich in die eigene Tasche. Ferner gibt es aber eine realistische Chance, dass Lance tatsächlich noch nicht bereit für die große Bühne ist – das werden wir spätestens am Sonntag sehen, wenn es für die Niners gegen das derzeit heißeste Team der Liga geht, die ungeschlagenen Arizona Cardinals.

Lance wird eine ganze Woche haben, sich auf das Spitzenspiel vorzubereiten und wir kennen Shanahan als Coach mittlerweile lange genug, um zu sagen, dass der Game-Plan des Teams auf Lances Schwächen und Stärken zugeschnitten sein wird – offensichtlich keine Selbstverständlichkeit in der Liga. Lance wird gegen den furiosen Pass-Rush der Cardinals seine Fehler machen, daran gibt es keine Zweifel. Aber er hat eben auch das physische Talent, seinen Mangel an Erfahrung mit seinen Armen und Beinen wettzumachen und Plays zu generieren, die Garoppolo schlicht und einfach nicht kreieren kann.


Sollte Lance gegen die Cardinals genug positive Dinge zeigen, würde es mich schwer überraschen, wenn die Niners nach ihrer Bye-Week am 24. Oktober gegen die Colts wieder auf Garoppolo setzen. Das oberste Ziel des Teams ist es zwar, 2021 möglichst viele Siege zu holen und die Playoffs zu erreichen. Mindestens genauso wichtig, wenn nicht wichtiger, ist es aber, Lance und die gesamte Organisation für maximalen Erfolg in der Zukunft aufzustellen. Lances Performance gegen die Cardinals könnte zeigen, dass er die Lösung für beide Ziele ist.

Cowboys-Offense dominiert die Liga: Das Kellen-Moore-Geheimnis


In der NFL kommt es leider zu häufig vor, dass sich Verletzungen in den Weg guter Storys stellen. So war es beispielsweise im Vorjahr, als sich Dak Prescott in Woche 5 den rechten Knöchel brach und damit alle Geschichten über eine Saison, die bis dato wie eine MVP-Spielzeit aussah, zerstörte. Jetzt ist Prescott aber zurück und das mit einem Knall. Während viele Experten spekulierten, dass der 28-Jährige einige Wochen brauchen könnte, bevor er wieder bei voller Stärke ist, straft sie Prescott bis dato lügen. Vor allem dank des Pro-Bowlers von 2016 und 2018 sieht die Offense wie ein legitimer Super-Bowl-Contender aus.

Einen Großteil des Lobes verdient natürlich Prescott, doch der heimliche Star hinter der derzeit besten Offense der Liga ist Offensive Coordinator Kellen Moore. Der 33-Jährige hat Head Coach Mike McCarthy längst als Playcaller der Offense verdrängt – und das mit massivem Erfolg. Moore schafft es wie kein zweiter OC in der Liga, seine Play-Designs mit den Stärken seiner Spieler zu verknüpfen und Defense dort zu attackieren, wo sie ihre Schwächen haben. In der modernen NFL geht es vor allem darum, positive Matchups zu kreieren – keiner schaffte das in den ersten vier Wochen besser als Moore.

Rein schematisch ist die Cowboys-Offense keine Revolution, sondern schlicht und einfach eine Unit, die Defenses dafür bestraft, wenn sie dem talentierten Receiving-Corps zu viel Raum lässt. Dallas stellt die möglicherweise beste Receiver-Unit der Liga, hat mit Amari Cooper und CeeDee Lamb zwei legitime Nummer-1-Waffen und mit dem derzeit verletzten Michael Gallup eine ideale Nummer 3 dahinter. Was die Sache für gegnerische Defenses noch erschwert, ist die Flexibilität der Wideouts. Laut Pro Football Focus (PFF) haben sowohl Cooper als auch Lamb in den ersten vier Wochen mehr als 50 Snaps im Slot und über 140 Snaps als Outside-Receiver gespielt.

Prescott ein legitimer MVP-Kandidat?


Das führt dazu, dass Defenses mittlerweile versuchen, die Cowboys-Offense mit viel Cover 4 und Cover 3 zu stoppen – Konzepte, die darauf ausgelegt sind, die tiefen Pässe über die Mitte des Feldes (sogenannte Seam-Routes) und die Seitenlinie zu verteidigen. Tatsächlich spielen Teams gegen die Cowboys in 11-Personell (drei Wideouts und ein Tight End auf dem Feld) laut PFF nur zu knapp elf Prozent Cover 1 – die viertniedrigste Quote ligaweit. Das Prinzip dahinter ist einigermaßen klar: Zwei tiefe Safeties und eine eher softe Coverage sollen die tiefen Crossing-Routes eliminieren, die in der NFL über die vergangenen Jahre so beliebt geworden sind.

Doch jede Defense hat ihr Schwachstelle und das weiß auch Moore. Anstatt weiterhin auf klassische Zone-Beater-Konzepte auf dem zweiten oder dritten Level der Defense zu setzen, callte Moore in den ersten Wochen der neuen Saison mehr vertikale Route-Konzepte, bei denen die Receiver ihren Defender von einem tiefen Laufweg überzeugen, nur um sich mit der kreierten Separation fallen zu lassen und die „leichten“ Yards underneath zu nehmen. Sollten Defense darauf reagieren, indem sie ihre Corner außen in Press-Coverage spielen lassen, setzt sich erneut die individuelle Qualität der Offense durch – Prescott vertraut seinen Receivern, in 1-gegen-1-Duellen den Ball zu fangen.

Hinzu kommt die Tatsache, dass das Laufspiel der Cowboys von der konservativen Herangehensweise gegnerischer Defenses massiv profitiert. Bei designten Läufen in 11-Personell holen die Cowboys laut PFF im Schnitt 5,8 Yards und 0,232 EPA (Expected Points Added) pro Versuch gegen „Two-High“-Konzepte mit zwei tiefen Safeties. Die Panthers hatten in Woche 4 beispielsweise keine Antworten auf das Run-Game von „America's Team“, das auch von einer wiedererstarkten Offensive Line profitiert.

Das gesamte offensive Konzept des Teams verlangt aber eine Menge von seinem Quarterback, der zu jedem Zeitpunkt wissen muss, wie die gegnerische Defense den Playcall verteidigt, wo das positive Matchup liegt und dieses auch zu nehmen – unabhängig davon, was der Spielzug eigentlich bewirken will. Bis dato schafft Prescott das mit Bravour. Kann er diese Form halten, sprechen wir am Ende der Saison von einem legitimen MVP-Kandidaten – und möglicherweise von den Cowboys als Super-Bowl-Contender in der NFC.

Daniel Wolf

Daniel Wolf hat Sportjournalismus an der Hochschule Ansbach studiert und dort seine Leidenschaft für das „richtige“ Football entdeckt. Ist seit Andrew Lucks Mega-Playoff-Comeback gegen die Kansas City Chiefs lautstarker Supporter der Indianapolis Colts. Schreibt seit 2018 für TOUCHDOWN24, hauptsächlich im Bereich NFL. Stolzer Vize-Meister der TOUCHDOWN24-Fantasy-Liga.
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