HEFT #50

Ausgabe OKTOBER 2021

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Was der Wentz-Trade für die Colts und Eagles bedeutet

Carson Wentz läuft künftig für die Incianapolis Colts auf. Carson Wentz läuft künftig für die Incianapolis Colts auf. imago/Kyle Ross/Icon Sportswire
Nun ist es also passiert: Die Philadelphia Eagles haben Quarterback Carson Wentz für einen Drittrundenpick 2021 und einen conditional Zweitrundenpick 2022 zu den Indianapolis Colts getradet. Damit hat das Drama um den ehemaligen Hoffnungsträger der Franchise nach einer verkorksten Saison endlich ein Ende. TOUCHDOWN24 klärt, was der Trade für beide Teams und die gesamte NFL bedeutet.

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Dass Wentz in Philadelphia keine Zukunft mehr hatte, ahnten wohl schon die meisten Beobachter. TOUCHDOWN24 hatte bereits beantwortet, woran es beim Wentz-Trade-Drama gehapert hatte. Als Headcoach Doug Pedersen entlassen wurde, kamen bereits Gerüchte auf. Schließlich galt der Ex-Coach als größter Kritiker seines Quarterbacks, der 2016 an zweiter Stelle von den Eagles (hinter dem bereits von den Los Angeles Rams zu den Detroit Lions getradeten Jared Goff) gedraftet wurde. Die Verpflichtung von Nick Sirianni als neuen Headcoach ließ zumindest Spekulationen zu, das Front Office würde Wentz noch eine Chance geben wollen.

Doch dies ist nun endgültig vom Tisch. Die Eagles bekommen für Wentz einen Drittrundenpick 2021 und einen Zweitrundenpick 2022, der sogar zu einem Erstrundenpick werden könnte. Sollte Wentz in der kommenden Saison 75 Prozent der offensiv möglichen Snaps spielen oder im Fall einer Playoffteilnahme der Colts 70 Prozent der Snaps spielen, greift die Klausel und aus dem Zweitrunden- wird ein Erstrundenpick.

Was bedeutet der Wentz-Trade für die Eagles?

Der Abgang von Wentz macht zunächst einmal den Weg frei für Jalen Hurts, der den Starter in der vergangenen Saison verdrängte. Überraschend hatten die Eagles den ehemaligen Alabama- und Oklahoma-Quarterback im Draft 2020 in der zweiten Runde gezogen. Hurts, der Berichten zufolge bereits mit den Receivern in Philadelphia am Timing ihrer Routes arbeiten wollte, ist aktuell der einzige ernsthafte Kandidat für den Starting-Posten in der kommenden Saison.

Allerdings sind die Eagles im kommenden Draft in einer guten Position, ein vielversprechendes Quarterback-Prospect an sechster Stelle zu draften. Die Jacksonville Jaguars und New York Jets dürften höchstwahrscheinlich einen Ballverteiler picken. Danach sind die Miami Dolphins, Atlanta Falcons und Cincinnati Bengals an der Reihe. Gut möglich, dass ein weiterer Quarterback bei den Dolphins und/oder den Falcons landet. Die Eagles wären also gut beraten, zur Sicherheit noch ein paar Plätze nach oben zu traden. Mit aktuell einem Zweitrunden- und zwei Drittrundenpicks hätten sie theoretisch die Munition, um nach vorne zu springen. Das letzte Mal tradete Philadelphia 2016 für Wentz an die zweite Position und gab dafür zwei Erst-, einen Zweit, einen Dritt- und einen Viertrundenpick ab.

Zwei Quarterbacks auf ihren Rookie-Verträgen wären wichtig für die Eagles, die 2021 allein für den Dead Cap von Wentz 33,8 Millionen US-Dollar zahlen – ein neuer Rekordwert in der NFL. Denn Wentz hatte erst im Juni 2019 einen hochdotierten Vertrag über 128 Million US-Dollar bei den Eagles unterschrieben, der erst 2021 wirksam wird. Philadelphia hätte 40 Millionen US-Dollar über die nächsten beiden Jahre in einen Quarterback investiert, der schwache Leistungen ablieferte und unzufrieden war.

Für die Franchise bedeutet der Move wohl das Einläuten einer längeren Rebuild-Phase. Hurts und ein möglicher Rookie-Quarterback brauchen sicherlich Entwicklungszeit. Es scheint aber auch möglich, dass die Eagles im kommenden Draft nicht nach vorne traden und das erhaltene Draftkapital in neue Spieler investieren. Denn der Kader benötigt eine Generalüberholung, vor allem bei den Passcatchern und Cornerbacks.

Was der Wentz-Trade für die Colts bedeutet

Nach dem Karriereende von Philip Rivers waren die Colts zum Handeln gezwungen. Das Team sieht sich im Super Bowl-Fenster und möchte dieses mit aller Gewalt offenhalten. Die Wahl fiel auf Wentz, der nun mit Ex-Eagles Offensive Coordinator und aktuellem Colts-Headcoach Frank Reich wieder vereint ist. Sein alter Wegbegleiter hat aber ein gewaltiges Stück Arbeit vor sich. Wentz lieferte in der vergangenen Saison seine schlechteste Saison überhaupt ab und wirkte zeitweise völlig von der Rolle. Die große Frage lautet für die Colts, ob der 28-Jährige unter seinem ehemaligen Mentor, der ihm zum MVP machte, seinen zweiten Frühling erleben wird.

Wie lang der Weg zurück zu alter Stärke für Wentz werden wird, ist aktuell kaum vorherzusehen. Nach Expected Points Added per Play (EPA/play) lag der Ballverteiler in der letzten Saison auf Platz 28 von 29 Quarterbacks – nur Sam Darnold spielte schwächer. In der gleichen Metrik lag Wentz in seiner MVP-Saison 2017 auf Platz drei hinter Tom Brady und Drew Brees. Zwischen 2016 und 2019 rangiert der 28-Jährige auf Platz 20 von 55 Quarterbacks.

Glaubt man verschiedenen Quellen innerhalb der Colts-Organisation, führte Indianapolis harte Verhandlungen mit den Eagles und rückte kaum von seinem ersten Angebot ab. Philadelphia hatte demnach mehrere Erstrundenpicks verlangt – doch Colts-General Manager Chris Ballard und Co. blieben hart. In den Karten spielte Indianapolis, dass die Franchise nicht nur auf Wentz fokussiert war, sondern auch andere Optionen in Betracht zog.

Letztendlich bekam Reich den Quarterback, den er bei den Eagles zum Star gemacht hatte. Der Vertrag von Wentz läuft bei den Colts bis 2025. 2021 belastet er den Cap mit 25,4 Millionen US-Dollar. Am 19. März 2021 werden 15 Millionen US-Dollar seines Gehalts für 2022 garantiert. Danach können die Colts ohne Dead Cap aus dem Vertrag aussteigen. Indianapolis geht zwar rein finanziell nur ein relativ geringes Risiko mit dem Trade ein. Allerdings setzt die Franchise auf eine Leistungsverbesserung ihres neuen Quarterbacks, um das Super Bowl-Fenster offen zu halten. Bleibt diese aus, wurden wichtige Jahre verspielt. Doch schlägt Wentz ein, haben die Colts ihr Quarterbackproblem endlich und langfristig gelöst. 


Was bedeutet der Wentz-Trade für die NFL?

Nach Wentz und Goff haben bereits zwei Quarterbacks in dieser Offseason ein neues Team gefunden (wobei die Trades erst mit dem Start des neuen Ligajahrs am 17. März 2021 offiziell werden). Die Colts haben ihren Need auf Quarterback bedient und sind damit aus dem Rennen um die verbliebenen Free Agents auf dieser Position. Dort tummeln sich jetzt noch Namen wie Dak Prescott, Ryan Fitzpatrick, Jameis Winston, Cam Newton, Andy Dalton, Tyrod Taylor, Mitch Trubisky und Jacoby Brissett. Weitere Ballverteiler wie Sam Darnold und Jimmy Garoppolo scheinen theoretisch per Trade verfügbar zu sein. Und natürlich schwebt der Name Deshaun Watson nach wie vor über allem.

Demgegenüber stehen viele Teams, die einen Quarterback suchen: Die Jaguars, Jets, Carolina Panthers, Dallas Cowboys (falls Prescott geht), New England Patriots, das Washington Football Team, die Chicago Bears, Pittsburgh Steelers und New Orleans Saints dürften in der Verlosung sein. Wobei die Jaguars und Jets ihre Needs durch ihre frühen Draftpositionen decken könnten. Die Falcons, Detroit Lions, Denver Broncos, San Francisco 49ers und Las Vegas Raiders könnten ebenfalls auf der Suche nach einem neuen Quarterback sein.

Auf jeden Fall steht den NFL-Fans eine äußerst spannende Offseason bevor, die ab dem 15. März mit dem Beginn der Legal Tampering Period nochmal mehr Fahrt aufnehmen könnte. TOUCHDOWN24 bleibt am Ball und versorgt euch mit den wichtigsten Informationen.

Sven Schuer

Nach seinem Soziologiestudium in Osnabrück absolvierte Sven Schüer ein Praktikum bei der Neuen Osnabrücker Zeitung und blieb dem Journalismus bis heute treu. Als freier Mitarbeiter berichtet er vom Amateurfußball in und um Osnabrück und begleitet das Footballteam der Osnabrück Tigers seit einigen Jahren. Darüber hinaus schreibt er als freier Autor für verschiedene Online-Magazine und seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

Twitter: @Schueer86
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