HEFT #50

Ausgabe OKTOBER 2021

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Bruce Arians - Mit Schirm, Charme und viel Herz

Bruce Arians hat nicht nur wegen seinem Sieg beim Super Bowl LV gut Lachen. Bruce Arians hat nicht nur wegen seinem Sieg beim Super Bowl LV gut Lachen. Imago Images / ZUMA Wire / Monica Herndon
Beim Super Bowl LV drehte sich zu Recht alles und dann noch ein klein wenig mehr um Tom Brady, den Superstar-Quarterback der Tampa Bay Buccaneers. Schließlich ist er der erste Spieler der NFL-Geschichte, der sich siebenfacher Champion schimpfen darf. Aber einer der Männer, den er mit als ersten nach dem großen Triumph umarmte, schrieb in der Nacht von Tampa Bay seine ganz eigene Erfolgsgeschichte. Besser gesagt: Das vorläufige Happy End davon. Denn das Leben von Bruce Arians war schon lange vor dem jüngsten NFL-Finale ein kleines, großes Football-Märchen.

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Man muss eigentlich nur irgendeinen Menschen fragen, der Bruce Arians in den letzten gut 68 Jahren irgendwo zwischen seinem Geburtsort Paterson, New Jersey, und den Wüsten Arizonas getroffen hat. Oder an einem anderen Ort, wo der kräftige Coach mit der unverwechselbaren Schiebermütze einen bleibenden Eindruck hinterließ.

Die Geschichten würden sich wahrscheinlich ähneln, denn es sind oftmals die gleichen Dinge, welche die Leute an Bruce Arians schätzen. Da sind sein smarter Humor, seine freundliche Persönlichkeit, seine Authentizität und seine positive Lebenseinstellung. Alles formte sich in einer Karriere, die in gewisser Hinsicht doch ein wenig anders ist als die vieler NFL-Coaches.

Vom Barkeeper zum Trainerguru

Arians wuchs in einem toughen Arbeiterviertel auf und lernte nicht nur an einer katholischen High School früh, was es heißt, sich einerseits durchzuboxen und andererseits auch sich auf andere verlassen zu können. Am College von Virginia Tech wird er für die Hokies zum gefeierten Wishbone-Quarterback, nach den Spielen jobbt er als Barkeeper, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

So manche Lebensweisheit nimmt er damals vom stundenlangen Sinnieren einiger Kneipenhocker mit, unter anderem eines seiner späteren Lebensmottos: "Im Leben muss man Risiken eingehen." Ein Risiko wurde ihm damals aber etwas zu bunt. Nachdem ein streitsüchtiger Gast ihm eine Waffe unter die Nase hält, verabschiedet sich Arians von seinem Nebenjob. "Coaching schien mir da irgendwie der bessere Karriereweg zu sein", lacht Arians.

Bruce Arians ist ein echter "Players‘ Coach“

Sein Strategie-Talent sowie seine Gabe, mit Menschen umzugehen, werden früh erkannt und er sammelt reichlich Erfahrung am College und auf Assistenzpositionen in der NFL. Dabei begegnet er vielen Großen seines Sports, wie Paul "Bear" Bryant, Bill Cowher oder dem jungen Peyton Manning, den er als Quarterbacks Coach bei seinen ersten Gehversuchen im Profigeschäft begleitet. Arians macht sich einen Namen als echter "Players‘ Coach", der seinen Spielern Freiräume gibt und aus ihnen extrem viel herauskitzelt.



Bei den Pittsburgh Steelers reift er nach der Jahrtausendwende zum Hot Shot Offensive Coordinator heran, gewinnt mit der Franchise zweimal den Super Bowl. Einen bleibenden Eindruck hinterlässt er aber vor allem auf dem Parkplatz hinter dem Heinz Field. "Jeder braucht Balance in seinem Leben", schmunzelt der zweifache NFL Coach Of The Year. "Nach Siegen hatte ich immer ein paar Cooler mit Kaltgetränken im Kofferraum. Alles was das Herz begehrt, ich habe es ausgeschenkt. Diese kleinen Postgame Parties zählten zu meinen glücklichsten Zeiten."

Die Mama ist beim Super Bowl dabei

Aber selbst eine Frohnatur wie Arians ist vor den dunklen Episoden des Lebens nicht gefeit. Zwei Monate nach dem ersten Super Bowl Sieg stirbt Arians‘ Vater, der Mann, den er immer stolz machen wollte. 2007 wird bei ihm zum ersten Mal Krebs diagnostiziert, zwei weitere Male sucht die Krankheit ihn heim. Arians beißt sich durch und erlebt als Interimscoach bei den Colts und später als Chef bei den Arizona Cardinals durchschlagenden Erfolg.

Dann kommen Tampa Bay und die große Chance, mit einem gewissen Tom Brady und einem Star-Ensemble nach den Sternen zu greifen. "Eine unglaubliche Truppe, auf die ich nur stolz sein kann", beschreibt Arians seine Schützlinge, die diese Zuneigung in vollen Zügen zurückgeben. Auch als Mitglied einer Hochrisikogruppe zieht Arians die Saison durch und krönt das Jahr mit dem Super Bowl Gewinn. Sein Vater ist diesmal nicht dabei, doch seine 95-jährige Mutter Catherine war mit im Stadion. Familie war ihm immer wichtig, er sagte einmal, er würde „jeden Coach feuern, der einen wichtigen Moment im Leben seiner Kinder verpasst“. Diese kommen nämlich nicht wieder.

Auch jemand wie Bruce Arians wird es wohl so schnell nicht wieder geben… Super Bowl hin oder her…
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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