HEFT #52

Ausgabe DEZEMBER 2021

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Auf dem Hot Seat: Ist Nagys Zeit in Chicago abgelaufen?

Matt Nagys Tage in Chicago scheinen gezählt . Matt Nagys Tage in Chicago scheinen gezählt . IMAGO / Icon SMI
Laut eines Zeitungsberichts aus Amerika soll Matt Nagy am Donnerstagabend nach dem Thanksgiving-Spiel seiner Chicago Bears gegen die Detroit Lions entlassen werden. Nagy bestritt die Aussagen des Artikels in einer Pressekonferenz am Dienstag, scheint in den letzten Wochen aber nicht nur die eigenen Fans, sondern auch den Locker-Room verloren zu haben. Hat Nagy noch eine Zukunft in Chicago oder ist seine Zeit in der „Windy City“ abgelaufen? Alles dazu im TOUCHDOWN24-Spotlight für Week 12 in der NFL.


Als der amerikanische Satiriker Mark Twain einmal mit Gerüchten über seine angeblich tödliche Krankheit konfrontiert wurde, soll er geantwortet haben: „Der Bericht über meinen Tod war stark übertrieben.“ Nun ist dieses Zitat bis zu einem gewissen Grad selbst übertrieben, aber der Kern der Aussage bleibt gleich. Matt Nagy, seines Zeichens Head-Coach bei den Chicago Bears, ging am Dienstagnachmittag zwar nicht ganz so weit, aber er benutzte zumindest das Wort „inakkurat“, als er einen Bericht beschrieb, der besagte, dass ihn Bears-Chairman George McCaskey über seine Entlassung nach dem Thanksgiving-Spiel am Donnerstagabend gegen Detroit informiert habe.

Der entsprechende Bericht des mit dem renommierten Pulitzer-Preis ausgezeichneten Journalisten Mark Konkol auf Patch.com schlug am Dienstag in den USA große Wellen und veranlasste Nagy dazu, direkt nach der Trainingseinheit seiner Mannschaft auf einer Pressekonferenz die Gerüchte zu konfrontieren: „Der Bericht ist inakkurat“, so der 43-Jährige. „Ich habe einen großartigen Austausch mit den Ownern, mit George, mit Ted [Ted Phillips, Präsident] und Ryan [Ryan Pace, General Manager]. Wir hatten bis dato noch keine Unterhaltung.“

„Mein Fokus liegt einzig und alleine auf Detroit“, so Nagy weiter. „Das ist meine Aufgabe als Head Coach und als Anführer dieses Teams.“ Nur wenige Stunden später, vor dem zweiten Walkthrough des Teams am Dienstag, soll es laut „Chicago Tribune“ aber doch noch zu einem Treffen zwischen Nagy und den Ownern gekommen sein. Dieselbe Quelle soll dem Tribune gesagt haben, Nagy habe den Spielen anschließend mitgeteilt, dass niemand weiß, was der Morgen bringe und dass es schnellstens darum geht, die ganze Geschichte hinter sich zu lassen.

„Fire Nagy“-Rufe in ganz Chicago


Er habe, so die nicht genannte Quelle weiter, keine konkreten Aussagen zu seinem Status als Head Coach gemacht – was mehrere Spieler so kurz vor dem wichtigen Spiel gegen die noch immer sieglosen Lions, in dem die Bears ihre fünf Spiele andauernde Niederlagenserie endlich beenden wollen, wohl mächtig aufregte. Wie Jordan Schultz, der Host eines Basketball-Podcasts zusammen mit Allen Robinson, dem Star-Receiver der Bears, bereits am Montag berichtete, gibt es eine „überwältigende Anzahl“ an Spielern, die Nagys Ende als Head Coach herbeisehnen.


„Ich habe dazu keinen Input gegeben“, sagte Robinson später. „Wir haben zusammen einen Basketball-Podcast gemacht. Alles, worüber wir gesprochen haben, ist Basketball.“ Er sei niemand, der hinter dem Rücken von anderen Dinge loswerde, so der Tenor Robinsons. „Ihr kennt mich“, sagte der derzeit angeschlagene 28-Jährige vor den Journalisten. „Ich bin ein erwachsener Mann. Ich sage die Dinge, die ich bekommen will. Ich kann meine Sachen alleine erledigen.“ Nun berichtet Schultz zwar nicht regelmäßig über die Bears und Robinsons Aussagen sind eindeutig, dennoch sollte seine Beziehung zu Robinson nicht unterschätzt werden.

Während es im Locker-Room der Bears zumindest gewaltig grummelt, scheint Nagy die Unterstützung der Fans bereits lange verspielt zu haben. Nicht nur bei den Spielen der Bears, sondern auch bei einem Basketball-Spiel der Chicago Bulls und sogar einem Spiel der Cary-Grove High School, wo Nagy zu einem Spiel eines seiner vier Söhne anwesend war, gab es laute Rufe nach Nagys Entlassung.


Nagys Tage in Chicago sind gezählt


Der Frust der Chicago-Fans ist verständlich, verloren die Bears doch erst am Wochenende ihr fünftes Spiel in Folge – und das gegen ein Ravens-Team, das ohne seinen Star-Quarterback Lamar Jackson und seinen besten Receiver Marquise Brown antrat. Es war das letzte Kapitel in einer extrem enttäuschenden Saison der Bears, die nunmehr bei nur drei Siegen und sieben Niederlagen stehen und auf eine Offseason mit vielen Fragezeichen zusteuern. Eines dieser Fragezeichen ist mit Sicherheit Nagy, dennoch ist es vermutlich verfrüht, seine Entlassung bereits am Donnerstag zu erwarten. Die Bears haben in ihrer 102 Jahre andauernden Franchise-Geschichte noch nie einen Coach während einer laufenden Spielzeit entlassen. Eine teamnahe Quelle bezeichnete die Berichte über eine Entlassung Nagys am Donnerstagabend sogar als „lächerlich“, wie Mike Garafolo vom NFL Network berichtete.

Wirft man aber einen Blick auf das gesamte Bild, das die Franchise gerade abgibt, ist ein Verbleib Nagys über die Saison hinaus mehr als unrealistisch. Und das liegt in erster Linie daran, wie sich die Bears-Offense, das Steckenpferd Nagys, in seiner Zeit in Chicago entwickelt hat. Die Bears haben alles andere als ein Roster voller offensiver Superstars, doch mit Waffen wie Robinson und Sophomore-Wideout Darnell Mooney haben sich Fans vor der Saison deutlich mehr erwartet als die statistisch schlechteste Passing-Offense der Liga. Hinzu kommt die Entwicklung von Rookie-Quarterback Justin Fields, der mit Nagy und seinem System auf keinen gemeinsamen Nenner zu kommen scheint.


Die Bears aber haben sich im Draft zumindest für die nächste Zeit an Fields gebunden – da wäre es durchaus im Sinne des jungen Signalcallers, nach einer unproduktiven und bisweilen angeblich gar toxischen Umgebung neue Bedingungen zu schaffen. Und das muss mit der Entlassung von Nagy beginnen. Der wiederum hat am Donnerstag (18.30 Uhr, DAZN) die Chance, mit einem Sieg über die Lions den Gerüchten zumindest wieder ein wenig Wind aus den Segeln zu nehmen. Das muss Nagy aber ohne Fields schaffen – der Rookie fällt mit einer Rippenverletzung für das Erntedankspiel aus.

 



Daniel Wolf

Daniel Wolf hat Sportjournalismus an der Hochschule Ansbach studiert und dort seine Leidenschaft für das „richtige“ Football entdeckt. Ist seit Andrew Lucks Mega-Playoff-Comeback gegen die Kansas City Chiefs lautstarker Supporter der Indianapolis Colts. Schreibt seit 2018 für TOUCHDOWN24, hauptsächlich im Bereich NFL. Stolzer Vize-Meister der TOUCHDOWN24-Fantasy-Liga.
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