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NFL - National Football League

All-Time-NFL-Bust JaMarcus Russell und der Lerneffekt Null

Ex-NFL-Top-Pick JaMarcus Russell hat sich eine weitere persönliche "Interception" geleistet. Credit: Imago Images / ZUMA Press Wire

JaMarcus Russell ist mal wieder in den Schlagzeilen und fährt an seiner ehemaligen High School die nächste Karrierechance an die Wand. Auch hieraus wird der All-Time-NFL-Bust wohl nichts lernen. Die Frage bleibt, ob die NFL aus ihm etwas gelernt hat.

Im heutigen Internet-Zeitalter sind sie oft Ziel von überbordendem Spott, ihre Namen werden zu Schmährufen, die irgendwann jeder Menschlichkeit entbehren. Dabei sind viele Geschichten sogenannter Draft Busts in sich persönliche Tragödien, die inmitten von Verletzungen und mentalen Problemen, von ungerechtfertigtem Hype und situativer Überforderung in den dunklen Gassen der Bedeutungslosigkeit versiegen. Letzten Endes spricht man hier oft über unreife Kinder, die einer Situation ausgesetzt sind, für die sie noch nicht bereit sind, eine Situation, an der viele schon persönlich scheitern. Manchmal einfach nur, weil sie sportlich nicht gut genug sind. Trotzdem werden sie von einem wütenden, gesichtslosen Mob mit Kritik überschüttet, so dass man sich um ihren psychischen Gesundheitszustand Sorgen machen muss. Und irgendwann wohl auch einfach nur Mitleid mit ihnen bekommt. Bei JaMarcus Russell dürfte aber selbst das schwierig werden.

Denn vor der Besserung, vor der Veränderung kommt eigentlich immer die Einsicht. Das Eingestehen von Fehlern, von eigenem Fehlverhalten. Vielleicht ist der jüngste Vorfall für JaMarcus Russell ein Weckruf, aber das ist nach allem vorherigen Stolpern eher unwahrscheinlich. Er wurde just vom freiwilligem Coaching-Posten an seiner eigenen früheren High School entbunden und angeklagt, 74000 US-Dollar gestohlen zu haben, die eigentlich als Spende für das Football-Team gedacht waren. Klar, hier muss erst noch Justitia ein Wörtchen zu sagen, aber es fällt schon schwer zu glauben, dass die Schule so einen krassen Schritt tun würde, wenn an der Sache nichts dran wäre. Schließlich war Russell an der High School tätig, bei der er selbst einst zum gefeierten Jungstar wurde. So etwas geht in den USA immer mit Vergötterung einher. Und dann dort als Freiwilliger, nicht als bezahlte Kraft, als Freiwilliger rauszufliegen ist schon eine enorme Leistung.

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JaMarcus Russell ist ein All-Time-NFL-Bust

Bei all seiner Arroganz, bei all seiner Faulheit und bei all seiner Entrücktheit vom wirklichen Leben muss man natürlich auch bei Russell Faktoren sehen, die außerhalb seiner Kontrolle waren oder die ihm wie Steine in seinem Weg zum Ruhm lagen. Man kennt die Geschichten von seiner vermeintlichen Sucht nach „Purple Drank“, seinem Alkoholismus oder auch das schwere Schicksal, dass ihm mit dem Tod zweier seiner Onkel in wenigen Monaten wichtige Personen in seinem Leben raubte. Demgegenüber steht ein quasi jahrelanges Fehlverhalten und Vergeuden einer Chance, für die etliche andere ihren rechten Arm und das linke Bein geben würden. Ein Auge? Packen manche auch noch oben drauf. Davon abgesehen, hätte doch irgendwann die Einsicht von Russell kommen müssen, dass er zwar Probleme gehabt hat, aber auch ganz viel an seinem gigantischen Scheitern selbst zu verantworten hatte. Nun ja, dafür müsste man es natürlich erstmal als Scheitern sehen.

In einer Folge des Pivot Podcast von Channing Crowder, Fred Taylor und Ryan Clark sagte Russell auf die Frage, ob er der größte Bust in der NFL Geschichte sei, dass man dafür ja auch vorher erstmal der größte gewesen sein müsste. Also klopfte er sich noch selbst auf die Schulter, bevor er in vulgärster Sprache sein eigenes Gewissen reinzuwaschen versuchte. Vielleicht glaubt er es selbst, man kann nur hoffen, dass es nicht so ist, würde ihm das doch weiterhin jegliche Möglichkeit zur Besserung verbauen. Während man sich selbst bei solchen Aussagen ein persönliches Urteil – in diesem Kontext schon ein schwieriges Wort – vielleicht am besten verbittet, symbolisiert die Causa Russell für die NFL natürlich einen absoluten Meilenstein im negativen Sinne. Dieser wirft ein Bild auf ein Paradoxon, welches die Liga bis heute nicht gelöst bekommt und vielleicht auch nie lösen wird.

JaMarcus Russell hat die NFL nur wenig verändert

Klar, das Rookie-Gehaltsgefüge wurde nach der „Highway Robbery“ von Russell bei den Raiders angepasst, aber das beantwortet immer noch nicht die große Frage: Wie können sich NFL Teams bei hohen Draft Picks für Quarterbacks vor einem Bust schützen? Wie kann es passieren, dass es in einem Milliardengeschäft immer noch so oft Fehlschläge gibt? Zach Wilson, Justin Fields, Josh Rosen, Brady Quinn, Jake Locker, Trey Lance, Ryan Leaf, Johnny Manziel, E.J. Manuel und so weiter und sofort. Die Liste ließe sich unendlich weiterführen, dabei gibt es immer noch Reporte, dass unzureichende Tests wie der Wonderlic oder der S2 eingesetzt werden, dass auf vermeintliches Scout-Wissen vertraut wird, das letztendlich aber doch in den meisten Fällen eben auch nur menschliches Ermessen ist.

Immer wieder hört man die wahre Floskel, dass der Job eines NFL Quarterbacks vielleicht die wichtigste Position im ganzen Profisport ist. Wo ist dann hier der wissenschaftliche Ansatz oder der Schlüssel, um diesen Prozess zu rationalisieren? Vielleicht gibt es ihn einfach nicht, denn ein menschlicher Faktor bleibt immer, Glück, Zufall, Schicksal können immer einen Rolle spielen. Das College Spiel wird immer anders sein als jenes in der NFL, ebenso wird es immer schwer sein, Projektionen für Jungs anzustellen, die mit Anfang 20 in den USA gerade einmal legal ihr erstes Bier trinken dürfen. Gleichwohl erinnert jemand wie JaMarcus Russell daran, dass man bei gewissen Entwicklungen sofort hellhörig werden sollte. Es bedeutet nichts, wenn jemand bei seinem Pro Day von den Knien aus 70 Yards wirft. Aber auch die Reaktion hierdrauf ist letztendlich menschlich, die Sehnsucht eines Scouts oder Teamverantwortlichen, „the next big thing“ zu finden. Die dann aber oft dazu verleitet, das genaue Gegenteil zu bekommen.

Auch hier ist Einsicht der wohl erste Schritt zur Besserung. Und ein vollkommen menschlicher Zug.

Über den/die Autor/in
Moritz Wollert
Moritz Wollert
Moritz Wollert schreibt für TOUCHDOWN24 u.a. über die NFL. Für das monatliche Print-Magazin schreibt er u.a. die NFL History Artikel

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