Alex Smith blickt auf eine turbulente und große NFL-Karriere zurück. Alex Smith blickt auf eine turbulente und große NFL-Karriere zurück. Imago Images / ZUMA Wire / Justin Cooper

Alex Smith sagt der NFL leise "Adieu"

geschrieben/veröffentlicht von/durch  22.04.2021
Alex Smith war mit seinem rührenden Comeback eine der Geschichten der vergangenen NFL-Saison, eine Geschichte, die nun gleichzeitig zum letzten Kapitel in einer großen Karriere wurde. Der ehemalige First Overall Pick geht nach 16 Jahren National Football League in den Ruhestand, Menschen in San Francisco, Kansas City und Washington lässt er mit reihenweise schönen Erinnerungen zurück. Und auch die Liga wird ohne einen Vollblutprofi wie ihn ein ganzes Stück ärmer sein, als sie es noch vor ein paar Tagen war.

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Eigentlich hatte Alex Smith sein Label in der NFL schon sehr früh abbekommen. So ist es nun mal, wenn man als erster Pick im NFL Draft nicht unmittelbar an die Türe zur Ligaelite klopft. Wenn man nicht zeitnah das enorme Vertrauen in die eigene Person in Form von Höchstleistungen und Siegen zurückzahlt. Besonders gilt das für einen Quarterback, der als neuer Heilsbringer eine Franchise in die Zukunft führen soll. Die vier Buchstaben, die kein NFL-Neuling gerne hören will, sie baumelten bei den San Francisco 49ers schnell über Smiths Kopf wie ein Damoklesschwert: B-U-S-T. Tatsachen wie drei aufeinanderfolgende negative Saisonbilanzen, eine Rookie-Spielzeit mit einem Touchdown und elf Interceptions sowie ein Jahr Verletzungspause in Saison Nummer Vier ließen die Farbe auf dem großen Schild in der Einfahrt von Alex Smith bereits trocknen. Aber ungleich vieler anderer vor ihm, bedingt durch sein eigenes Durchhaltevermögen, mildernde Umstände als auch durch ein klein wenig Glück, konnte Alex Smith dann doch noch das Ruder seiner Karriere herumreißen. Und er tat es um fast 180 Grad.

Spätes NFL-Glück bei den San Francisco 49ers

Mit Head Coach Jim Harbaugh und Offensive Coordinator Greg Roman kommt für Smith in San Francisco die Wende, er entwickelt sich in einem laufintensiven Offensivkonzept zumindest zum exorbitant effizienten Game Manager. Er zeigt einige von den Dingen, die ihn am College als Spread-Quarterback bei den Utah Utes unter Urban Meyer zur Legende und zum Heisman-Kandidaten gemacht hatten. Und er liefert gerade in der Kategorie ab, die für NFL-Quarterbacks am wichtigsten ist: Den Siegen. Smith führt die 49ers 2011 sogar mit einer Weltklasse-Performance zu ihrem ersten Playoff-Sieg seit neun Jahren. Die Zukunft scheint rosig, aber dann wirft ihn in der darauffolgenden Saison eine Gehirnerschütterung aus der Bahn. Colin Kaepernick übernimmt den Starter Posten und behält ihn auch. In Kansas City findet Smith ein neues Zuhause und entwickelt sich unter Offensiv-Guru Andy Reid zum Pro Bowl Quarterback. Mit ihm werden die Chiefs ein Playoff-Team, eine Mannschaft, für die er quasi das perfekte Gesicht darstellt. Smith ist in Kansas City gut, verdammt gut sogar. Aber für den großen Wurf sind er und die Chiefs nicht gut genug. Daher strecken sie irgendwann ihre Fühler nach einem gewissen Patrick Mahomes aus, den Smith in seinem ersten Jahr anlernt.



Er bereitet dem NFL-Jahrhunderttalent so schnell den Weg, dass er bald ähnlich wie in San Francisco seinen Posten an einen jüngeren Passer abgeben muss. Via Trade landet Smith in Washington, wo er wie auch an seinen vorigen Stationen das Gesicht eines Turnarounds werden soll. Das gelingt ihm mit seiner ruhigen Art und abgeklärten Spielweise auch im ersten Moment sehr gut. Dann allerdings kommt der 18. November 2018, an dem sich Alex Smith in einem Spiel gegen die Houston Texans das Schien- und das Wadenbein bricht. Durch eine Infektion sind anschließend kurzzeitig sein Bein und sogar sein Leben in Gefahr, Football ist damals das letzte, was für Alex Smith zählt. Allerdings übersteht er diese schweren Tage und denkt bald an das Undenkbare. Akribisch und unermüdlich arbeitet er an einem Comeback, welches ob der furchterregenden Metallkonstruktion an seinem Bein eigentlich so gut wie keine Chance hat. Und doch nutzt Alex Smith sie und schafft nach 17 Operationen und fast zwei Jahren Pause den Sprung zurück in die National Football League.

Unglaubliches Comeback wird zum letzten NFL-Meilenstein

Er tut, was er vorher so oft getan hat: Er führt sein Team zu Siegen. Fünf von sechs Spielen gewinnt das junge Washington Football Team mit ihrem Elder Statesman, schafft sogar überraschend die Playoffs. Diese verpasst Smith mit einer Verletzung und dann lassen lange Offseason-Tage allein mit seinen Gedanken die zarte Pflanze vom Ende wachsen. Mit einer emotionalen Video-Botschaft auf dem Instagram-Account seiner Frau nimmt Smith Abschied von dem Spiel, das er liebt. Von dem Spiel, dem er über fast zwei Jahrzehnte mehr gegeben hat, als viele andere. In den Playoffs zeigte er trotz einer negativen Bilanz immer überragende Leistungen (14 Touchdowns zu zwei Interceptions). 99 Siege in 167 Starts, 199 Touchdowns zu 109 Interceptions und 5193 Pässe für 35.000 Passing Yards werden Alex Smith nicht in die Hall Of Fame bringen, dennoch sind sie ein absolutes Monument seiner sportlichen Größe. Diese wird gestützt durch eine gleichermaßen überragende Persönlichkeit. Es gibt niemanden in der NFL, der ein schlechtes Wort über Alex Smith verliert. Es gibt keinen, der nicht zum Fan wurde bei seinem unglaublichen Comeback. Der hochintelligente und smarte Quarterback verdient alles von dem, was ihm das Leben über die Jahre geschenkt hat, was er sich erarbeitet hat. Die Auszeichnungen, die fast 200 Millionen US-Dollar, die er über seine Karriere verdient hat, Ex-Cheerleaderin Elizabeth, mit der er eine Bilderbuch-Familie gegründet hat, und alles andere, was sonst noch seinen Weg in die Arme von Alex Smith fand.

Mit diesen Armen umschlingt er nun den sportlichen Ruhestand. Er möchte sich Dingen widmen, für die er vorher zu wenig Zeit fand. Neben dem Spiel, was er als so viel mehr beschrieb als "nur ein Spiel". Alex Smith ist in der NFL der beste Beweis dafür. Es sind nicht nur die reinen Zahlen, nicht nur die Siege oder die großen Rekorde. Um ihn gab es keine Skandale, er setzt sich abseits des Feldes vorbildlich für andere ein, hinterließ wo er auch war einen bleibenden Eindruck. Es kommt nicht von ungefähr, dass sowohl die 49ers, die Chiefs als auch jetzt das Football Team nach der Zeit mit Alex Smith besser dastehen als davor. Und ebenso geht es der National Football League. Sie kann dankbar sein, dass Alex Smith ein Teil von ihr war…
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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