Eine Pocket wie eine heile Welt: Die Realität sieht für Aaron Rodgers und die Green Bay Packers derzeit anders aus. Eine Pocket wie eine heile Welt: Die Realität sieht für Aaron Rodgers und die Green Bay Packers derzeit anders aus. Imago Images / Icon SMI / Kiyoshi Mio

Aaron Rodgers, die Packers & die heile Welt

geschrieben/veröffentlicht von/durch  05.05.2021
Die NFL Offseason hält den Kessel weiter am Kochen: Nach dem Skandal um Deshaun Watson und dem NFL Draft 2021 bestimmt nun Aaron Rodgers die Schlagzeilen in den amerikanischen Sportmedien. Das Tischtuch zwischen ihm und den Green Bay Packers scheint so sehr zerschnitten, dass der Liga-MVP angeblich gar nicht mehr für die Traditionsfranchise auflaufen will. Und das nachdem sie in den letzten zwei Jahren gemeinsam auf der Türschwelle zum Super Bowl standen. Kann das angehen?

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Green Bay ist – wenn man nicht gerade Fan einer anderen NFC North Mannschaft ist – heile Football-Welt. Als Anhänger des Sports kann man eigentlich nicht anders und muss sich irgendwie ein winziges Fleckchen im Herzen für dieses kleine Städtchen im Osten Wisconsins frei halten. Die dort so heißgeliebten Packers sind als einzige Franchise in den USA nicht Eigentum eines milliardenschweren Besitzers, sondern gehören einer öffentlichen Gesellschaft aus hunderttausenden Anteilseignern. Sprich den Fans selber – ein echtes Stück Romantik im Big Business Profisport. Ein seit über 60 Jahren ausverkauftes Lambeau Field, Cheeseheads, Kleinstadtcharme und unzählige große Persönlichkeiten, die über die gefrorene Tundra streiften, tun ihr übriges und lassen die Green Bay Packers zu dem werden, was sie sind – ein Mythos.

In dieses Bild der von reichlich Lokalkolorit geprägten gelb-grünen Idylle passen die letzten Tage so überhaupt nicht hinein. Es gibt einen bitterbösen Streit zwischen dem letztjährigen NFL MVP Aaron Rodgers und seinem Arbeitgeber. Wieder mal, möchte man meinen, schließlich rasselten die Franchise und ihr durchaus selbstbewusster Superstar immer mal wieder in kleineren mehr oder weniger unbedeutenden Episoden aneinander. Jetzt allerdings scheint der Wagen im Green Bay’schen Schnee hinter den Kulissen so richtig festgefahren zu sein. Adam Schefter berichtete vor dem NFL Draft, dass Rodgers derzeit nicht wieder nach Green Bay zurückkehren möchte, obwohl er noch einen Vertrag bis 2023 besitzt. Das Arbeitspapier enthält allerdings kein garantiertes Gehalt mehr und Rodgers will bereits länger nachverhandeln. Zudem sollen ihn etliche Moves von General Manager Brian Gutekunst auf die Palme gebracht haben, wie zum Beispiel die vorher nicht mit ihm abgesprochene Auswahl von Quarterback Jordan Love im letztjährigen Draft oder auch der Cut von Receiver Jake Kumerow, den Rodgers kurz zuvor noch öffentlich gelobt hatte.

Aaron Rodgers pocht bei den Packers auf Ausnahmestellung

Angeblich soll die letzte Episode für den neunfachen Pro Bowler das Fass zum Überlaufen gebracht haben. Eine wirklich tragische Entwicklung, die wohl kein Fan der Packers bei der damaligen Verpflichtung vom Journeyman Receiver vorhergesehen hätte. Sie ist allerdings beispielhaft für die große Diskrepanz in dem gesamten Drama zwischen Starspieler und Franchise, in welcher es im Kern vor allem um eine philosophische Frage geht: In welchem Verhältnis stehen ein verdienter Spieler und seine Franchise zueinander? Aaron Rodgers weiß sehr gut, wie wichtig er für Green Bays Erfolg ist, er hat einen Super Bowl mit der Franchise gewonnen und ist seit Jahren das Gesicht der Packers. Dementsprechend sollte er in seinen Augen auch gewisse Privilegien haben, seine Stimme sollte gehört werden und er möchte Personalentscheidungen oder ähnliche Abläufe mit beeinflussen. Es ist nur ein natürlicher Prozess, den so ziemlich jeder wirkliche Superstar irgendwann durchläuft, in dem ihm eine Art Vertrauen sowie Respekt von seinem Team entgegengebracht wird, wie es nur für ganz wenige Akteure reserviert ist.

Nun herrscht allerdings in Green Bay eine andere zentrale Philosophie, vielleicht mehr als irgendwo sonst in der NFL. Bei den Packers gibt es etwas, das über allem steht – das Team. Der Mythos, die Franchise, die sich seit jeher als große Familie versteht. Es ist ein Selbstverständnis, das über ein Jahrhundert aufgebaut wurde, auch von mehr als charakterstarken Persönlichkeiten wie Vince Lombardi, Paul Hornung oder Brett Favre. Hier wird bei der individuellen Verantwortung der Spieler eine ganz klare Linie gezogen, die an einem gewissen Punkt endet und das Kollektiv stets im Vordergrund belässt. Die Packers stellen damit eine Bastion dar im seit einiger Zeit entbrannten Kulturkampf zwischen Aktiven und Institutionen. Ligaweit fürchten Franchises, dass die Spieler der NFL sich zunehmend mehr als Individuen wahrnehmen und auf ihre eigene Position im großen Spektakel beharren. Die Stars der Basketballliga NBA haben es denen der NFL vorgemacht, hier wird seit Jahren von vielen Spielern bei großen Trades oder ähnlichen Entscheidungen mitgemischt. Auch wenn letzteres in keinster Weise zu einer Aufwertung des Gesamtproduktes führt, gibt es gute Gründe für die Spieler, sich in derartiger Weise aufzustellen und zu positionieren.

Aaron Rodgers und Packers verbindet ein Ziel

Auch für Aaron Rodgers liegen diese auf der Hand. Im Alter von 37 Jahren hat er nicht mehr allzu viele Saisons in der National Football League und aufgrund seiner Verdienste erwartet er zudem, auf gewisse Art und Weise von den Packers behandelt zu werden. Auf persönlicher Ebene soll wohl gerade GM Brian Gutekunst hier keine gute Figur gemacht haben und scheint damit viel vom Zorn des Quarterbacks auf sich zu ziehen. Angeblich soll Rodgers sogar die Entlassung Gutekunsts gefordert haben, was aber wie viele andere nur sehr dünn belegte Meldungen eher mit Vorsicht zu genießen ist. Jemand wie Aaron Rodgers darf natürlich auch erwarten, dass er in der Organisation eine etwas andere Rolle hat als ein gerade erst vom Waiver Wire verpflichteter Long Snapper, Team über allem hin oder her. Solche exponierten Rollen gehen gleichzeitig allerdings auch mit einer gesunden Selbstreflexion einher, welche der Superstar zeitweise in der Vergangenheit vermissen ließ. Wer sich selbst als einer der ganz Großen sieht und das eigentlich auch ist, der muss Verantwortung für Misserfolge übernehmen und nach schweren Niederlagen nicht immer nur davon sprechen, was "wir" falsch gemacht haben. Erst recht nicht wenn er wie Rodgers vier von fünf NFC Championship Games in seiner Karriere verloren hat.

Man könnte jetzt die ganze Situation rational aus einer wirtschaftlichen und arbeitsrechtlichen Sicht betrachten und sich fragen, was der Arbeitgeber hier darf oder nicht und wie ein Arbeitnehmer sich zu verhalten hat. Oder auch wie ein wirtschaftliches Unternehmen die ganze Geschichte handeln würde. Diese Metapher greift sicherlich in vielerlei Hinsicht und dürfte in so manchem Teilaspekt Lösung des Problems sein, ganz zutreffend ist sie am Ende aber dann doch nicht. Dafür ist die NFL ein klein wenig zu sehr Mikrokosmos. In diesem müssten sich die Packers und Aaron Rodgers eigentlich gemeinsam an einen Tisch setzen und sich an das einzig wahre Ziel ihres Wirtschaftens erinnern. Ganz egal wer wie viel Schuld hat oder eben auch nicht. Ihre Aufgabe und ihr Ziel sind es, einen weiteren Super Bowl nach Green Bay zu holen. So ist es immer gewesen und so wird es auch immer sein. Um sich diesem Ziel wieder zu widmen, müssten beide Seiten schnellstens einen Weg finden, ihren unglücklichen öffentlichen Zwist zu begraben. Denn wenn sich die böse Spirale aus "he said, she said" weiterdreht, dann stehen am Ende überall nur noch Verlierer da.

Und eine heile Welt ist dann leider längst nicht mehr so heil, wie man immer dachte…
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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