Was sollen wir am Sonntag nur gucken - Fußball-WM oder NFL? Credit: Imago Images / Eibner / Sascha Walther

Die NFL kennt sich mit dem einen oder anderen Skandal aus, der dich als milliardenschwere Sportinstitution ereilen kann. Ob sie allerdings schon einmal eine vergleichbare Situation wie derzeit die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar erlebt hat ist durchaus unwahrscheinlich. Die globale Diskussion über die Verwerflichkeit des Megaevents zieht riesige Kreise und kratzt dabei vielleicht auch am behüteten Sonntagabend-NFL-Genuss!

Wer es als Leser nicht bis zu dieser bescheidenen ersten Zeile schafft, dem kann man nicht böse sein. Schließlich vergehen in diesen Tagen kaum zwei Minuten, in denen nicht irgendwo ein Artikel, eine Dokumentation oder eine Talk-Runde darüber diskutiert, wie wenig Sinn die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar doch macht. Die dadurch merklich entstehende Beliebigkeit der Entrüstung wird oftmals in keiner Weise der Ernsthaftigkeit von Abgründen gerecht, mit welchen man sich zu beschäftigen glaubt, welches Gefühl nur am Rande erwähnt sein soll.

NFL oder deutsche Fußballnationalmannschaft?

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Was das alles mit der NFL zu tun hat, mag sich der aufmerksame Leser fragen? Nun, im ersten Moment sehr wenig, bis allerdings spätestens kommenden Sonntag. Dann nämlich, wenn parallel die NFL ihr allwöchentliches Feuerwerk abbrennt und fast gleichzeitig um 20 Uhr die deutsche Fußballnationalmannschaft ihr zweites WM-Gruppenspiel gegen Spanien bestreitet. Zu diesem Zeitpunkt wird sich für so manchen eine in diesen Tagen ja fast als existenziell hochstilisierte Frage stellen: Schauen oder nicht schauen?

Für viele Football-Fans ist sie sicherlich schnell beantwortet, denn unter etlichen Dächern ist Football alleinherrschender King und König Fußball nur ein bittstellender Prinz, den man nebenbei duldet oder gar ganz ins Exil der eigenen Wahrnehmung verbannt. Nicht wenige andere aus der stetig wachsenden Gridiron-Community stehen aber sicherlich vor einem gewissen Dilemma, bei dem die zweifelsfrei bestehende besondere Situation der WM in Katar mit hineinspielt.

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Hier stehen dann auf einmal ein alle vier Jahre stattfindendes Großereignis, ein historisch auf ewig ins Herz geschlossenes Kind der Deutschen, und die liebgewonnene Sonntagsroutine inmitten einer jeden NFL-Saison gegenüber. Ein harter Vergleich für die Mega-Liga hier in Deutschland, einem Land, in dem sie eigentlich nicht zuletzt durch den Erfolg des jüngsten NFL Munich Game so richtig Fuß gefasst hat. Wo der Effekt von jenem Spiel jetzt schnell in schwarz-rot-goldener Hysterie für die Kicker der Nation verpuffen könnte – zumindest in der Theorie.

Fußball-WM in Katar eine Chance für die NFL?

Vielleicht aber ist in dieser Hinsicht die skandalisierte Weltmeisterschaft in Katar sogar ein versteckter Segen für so manch andere Sportart, ergo American Football. Nebst allen aktuellen Menschenrechtsdiskussionen vielleicht auch einfach nur aus dem Grund, weil der Fußball als Riesengeschäft den Bogen letztlich doch ein wenig zu sehr gespannt hat. So sehr, dass zahlreiche Fans nach Turbokommerzialisierung, Entfremdung von der eigenen Basis und viel zu vielen Spielen einfach bemerken, dass sie dem Sport ein wenig überdrüssig geworden sind.

In jene zeitliche Kerbe würde Football nur allzu gerne springen und warum eigentlich auch nicht? Die NFL Saison geht in die entscheidende Phase, es gibt Woche für Woche interessante Storylines und all die anderen Vorzüge dieses wunderbaren Spiels sind längst schon kein Geheimnis mehr. Es gibt bereits einige Texte in den weiten Landschaften des Internets, in denen mögliche Alternativen zum WM schauen angepriesen werden. Und vor Darts oder Wintersport muss sich die NFL in Sachen Spektakel nun wahrlich nicht verstecken.

Der moralische Aspekt klingt im ersten Moment natürlich auch verlockend und ließe sich in so mancher von Gratismut beseelten Runde sicherlich fix ans eigene Revers heften, wobei man in dieser Hinsicht aus vielerlei Gründen vorsichtig sein sollte. Die lange Liste der ethischen Verfehlungen der National Football League, ihrer Entscheider und Spieler ist hinlänglich bekannt – was in keiner Weise ein Vergleich zu anderen Vergehen andere Entscheider sein soll - und sie steuert teilweise auf ähnliche Schwierigkeiten zu, wie es fast jedes große Unternehmen irgendwann tut, wenn es von Megalomanie getrieben in gigantische Ausmaße wächst.

Der Sport verliert sich in der Politisierung

In derartigen Diskussionen wird aber etwas vergessen, was leider oftmals in vielen Bereichen in den Hintergrund gerät und dies ist die eigentlich bindende Kraft von Sport. Hierzu sei eine kurze Anekdote eines Amerikaners erlaubt, der beim Spiel in München zugegen war. Er schrieb, dass es ein unglaublicher Moment war, als er durch den Tunnel kam und das Stadion betrat. Denn es war gefüllt mit Menschen, die Trikots von allen 32 NFL-Teams trugen, die aber durch eine gemeinsame Leidenschaft verbunden waren und diese zusammen zelebrierten.

Solch eine Szene ist auch in der NFL nicht alltäglich, da muss man sich nichts vormachen, gleichzeitig ist sie eine Erinnerung an das, was Sport eigentlich sein soll. Eine zumindest in gewisser Weise unschuldige Bereicherung unseres Lebens, ein Zeitvertreib, der Freude und Leidenschaft nähren soll, welche wir dann allein oder gemeinsam genießen. Früher hatten auch die Fußball-Weltmeisterschaft oder die Olympischen Spiele diese Kraft, die Länder der Welt in diesem Grundgedanken zu vereinen. Vielleicht tun sie es immer noch, vielleicht aber auch nicht mehr.

Wenn man sich nun persönlich am Sonntag für die NFL entscheidet, dann gedeiht die Hoffnung, dass es jeder aus den richtigen Gründen tut. Diese sollten auf ganz persönlichen Gefilden des eigenen Gewissens wachsen, nicht per se an einen moralischen Pranger gestellt und letztendlich respektiert werden. Denn wir sollten uns immer erinnern, schauen oder nicht schauen ist nicht wirklich eine existenzielle Frage.

Zum Glück sind wir noch nicht so weit…