Die Vikings erreichen auch dank Justin Jefferson ungeahnte Höhen in der diesjährigen NFL-Saison. Credit: Imago Images / USA Today Network / Gregory Fisher

Die Minnesota Vikings schippern schon seit einiger Zeit mit nur einer Niederlage durch die aktuelle NFL-Saison, so wirklich für voll genommen haben die Bilanz der Nordmänner aber nur die wenigsten. Zu eng waren viele ihre Siege, zu mittelmäßig viele Statistiken. Dies interessiert nach dem unglaublichen Auswärtserfolg bei den Buffalo Bills aber eigentlich keinen mehr. Danach scheint nämlich klar: Die Vikings setzen zumindest mal Segel in Richtung Super Bowl.

Die Minnesota Vikings sind eine dieser Franchises im amerikanischen Sport, die irgendwie eine ganze besondere Aura umgibt. Geographisch weit im Norden kurz vor der kanadischen Grenze beheimatet, sind sie für viele Fans aus südlicheren Gefilden eh schon Mal ein Unikum, der historisch-europäisch angehauchte Spitzname mit allerlei Lokalkolorit sowie urtümlichen Bräuchen verbunden tut sein Übriges. Erst Recht wenn "Skol, Vikings“ im tiefsten Winter über vereiste Lautsprecher ertönt oder das an die nordische Mythologie erinnernde Gjallarhorn durch das Stadion hallt wird jedem klar, dass die Minnesota Vikings schon eine ganz eigene, eine besondere NFL-Franchise sind. Dies liegt aber nicht nur an ihrem Gebaren als wahlweise finstere oder liebenswerte Nordmänner, sondern auch an ihrer persönlichen Geschichte. Jene wartet nämlich immer noch auf ihre zeitweilige Krönung durch einen Super Bowl Sieg.

Vikings sehnen sich nach erstem Super Bowl

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Dabei standen die Vikings angeführt von ihrer als "Purple People Eaters" bekannten Defensive Line einst in vier Endspielen über einen Zeitraum von gerade einmal acht Jahren. Sie alle gingen verloren und seither scheiterten alle noch so hoffnungsvollen Versuche Minnesotas, wieder ins ultimative Spiel zurückzukehren und es verdammt nochmal auch einmal zu gewinnen. Was das alles mit dem aktuellen Team zu tun hat, mag sich mancher fragen? Die Antwort ist einfach. Mannschaften mit einer derart bitteren Historie nehmen immer auch ein kleines bisschen mehr Gepäck mit auf ihre alljährliche lange Reise namens NFL-Saison. Sie spüren es beim Einkaufen, auf ihrem Weg zum Stadion, wenn sie mit dem Hund rausgehen, die Aura der Sehnsucht schleicht sich in jede noch so kleine Ecke. Auch wenn die Spieler sagen, sie würde so etwas nicht interessieren, das Damoklesschwert baumelt trotzdem munter vor sich hin und klackert an den Hörnern. Aber die diesjährigen Vikings scheint es tatsächlich eher weniger zu kümmern. Im Gegenteil, es interessiert sie vermeintlich überhaupt nicht.

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Denn sie mimen viel mehr ein wie die Amerikaner es nennen "Team of Destiny". Eine Mannschaft, der ein bestimmtes Schicksal vorausgesagt wird, die jenes aber auch selbst mit unglaublicher Hingabe und besonderer mentaler Stärke formt. Die Vikings mischen in jenen Eintopf eine für das harte Profi-Business NFL fast ungewöhnlich empathische Kameradschaft, mit welcher sie sich voller positiver Energie jeder noch so schweren Aufgabe stellen. Und mit der auf einmal wahnsinnige Siege wie jener vom vergangenen Sonntag in Buffalo möglich werden. Es war eines dieser Spiele, welches man eigentlich nicht erklären kann und das selbst beim fünften Mal anschauen nur heiteres Kopfschütteln hervorruft. Das wahrscheinlich dramatischste reguläre Saisonspiel der vergangenen Jahre markiert aber nicht nur jetzt schon ein zeitloses All-Time-Classic, es validiert auch die Ansprüche der Minnesota Vikings in dieser Saison.

Minnesota Vikings spielen sich in die Elite der NFL

Bei vorher nur einer Niederlage mag es vermessen klingen, dass jene Bestätigung von etlichen Experten überhaupt noch verlangt wurde, aber vieles deutete in Minnesota tatsächlich darauf hin, dass die Fragezeichen ein wenig zu dicht gestaffelt waren, um von den aktuellen Wikingern einfach so umschifft zu werden. Einerseits steht dort Kirk Cousins, der langjährige, sympathische und bodenständige Quarterback der Vikings. Er ist ein guter, ja sogar richtig guter NFL-Quarterback, aber ein Unterschiedsspieler war er historisch eigentlich nie, schon gar nicht gegen gute Gegner. Ihm zur Seite steht ein Kader, der zwar mit einigen Top-Stars gespickt ist, dem es aber in gewissen Bereichen deutlich an Breite fehlt. Die Statistiken belegen es selbst heute noch, die Vikings sind in vielerlei Hinsicht auf dem Papier ein lediglich solides Team. Ihre Offense mausert sich zwar die achtmeisten Punkte der Liga zusammen, dagegen rangiert ihre Defense aber nur im Mittelfeld. Die Yard-Werte sind ebenfalls wenig berauschend, die tiefe Passverteidigung steckt sogar im NFL-Keller fest. Und da wäre ja noch dieser besagte Fluch von Vorgestern.

Bekanntlich juckt dieser die 2022er Vikings ja aber nicht wirklich, genauso wenig wie sie sich nicht dafür entschuldigen müssen, dass ihre statistischen Werte irgendwelchen Schreiberlingen in der Pressebox nicht dominant genug sind. In einigen Statistiken tummeln sie sich in der Ligaspitze, sie generieren zum Beispiel fast einen Turnover mehr pro Spiel als ihre Gegner, womit sie in der NFL auf Rang Zwei liegen und quasi schon Mal einen Angriff mehr in jeder Partie spielen können. Das Einzige, was am Ende des Tages eh zählt sind die Zahlen Acht und Eins, acht Mal gingen die "Vikes" als Sieger vom Platz, nur ein Spiel haben sie verloren. Natürlich waren wenige ihrer Siege überzeugend, sie haben zum Beispiel ihre letzten sieben Partien nur mit einem Score Vorsprung gewonnen. „Nur“ reicht hier aber vollkommen aus und noch dazu offenbaren die Vikings damit eine nicht zu unterschätzende Qualität. In der NFL ist die Leistungsdichte oft größer, als das allgemein angenommen wird, jeden Sonntag kann fast jeder jeden schlagen. Unter diesem Gesichtspunkt die mentale Festigkeit, den Glauben und die Ruhe zu besitzen, Spiel um Spiel in engen Phasen aus dem Feuer zu holen, ohne sich den langen Bart zu verbrennen, ist eine ausgemachte Stärke. Eine Stärke, die sicherlich auch ein wenig Glück verlangt, welches sich die Vikings aber sehr wohl von innen heraus erarbeiten.

Justin Jefferson avanciert zum NFL-Superstar

Man muss sich nur einmal Rookie-Head-Coach Kevin O’Connell an der Seitenlinie anschauen. Unaufgeregt, fokussiert und in sich gekehrt tapert er dort auf und ab, nur ganz selten kommt ihm mal ein kleines Fluchen über die lächelnden Lippen. Es ist eine selbstbewusste, bodenständige Aura, die sich in Gänze auf seine Helm tragenden Schützlinge überträgt. Die Teamchemie passt, etliche Videos aus sozialen Medien oder von der Vikings-Seitenlinie belegen dies zuhauf. Und was ebenfalls stimmt ist das Level an Qualität im Team. Ja, die Vikings haben nicht den breitesten und tiefsten Kader der NFL, dafür aber verfügen sie über eine ganze Reihe an Unterschiedsspielern, die sich in einer sehr gesunden Mischung von Jung und Alt wöchentlich als eben jene hervortun. Man denke an die defensiven Kapitäne Patrick Peterson und Harrison Smith, zwei absolute Vollblut-Leader, oder Pass Rusher Za’Darius Smith, der die Defensive Line prägt. Dalvin Cook ist ein belastbarer Pro-Bowl-Runningback, der mit Christian Darrisaw und Brian O’Neill eines der vielleicht besten Tackle-Duos der Liga vor sich weiß, welches in Kombination mit einem tief besetzen Receiving Corps immer wieder Freiräume schafft. Und dann wäre da ja noch ein junger Mann namens Justin Jefferson.

Physisch wirkt auf den ersten Blick wenig außergewöhnlich an dem ehemaligen Star der Lousiana State University, wenn der Ball aber gesnapt wird offenbart sich schnell sein außergewöhnliches Talent. Wer jemals daran Zweifel hatte, braucht sich nur seinen One Handed Catch gegen Buffalo anzuschauen – ein jetzt schon legendärer Fang, der noch Jahrzehnte in Highlight Tapes der NFL gezeigt werden wird. Die Szene hilft zu verstehen, warum Jefferson im Moment der vielleicht beste Receiver der gesamten NFL ist. Ein Spieler, der die Aufmerksamkeit einer kompletten Defense auf sich zieht und trotzdem ein Play nach dem anderen liefert. Womit er die Art Receiver ist, der die Leistung eines Quarterbacks auf ein neues Level heben kann. Kirk Cousins weiß davon die eine oder andere Geschichte zu erzählen, auch wenn er sich selbst für seine Chemie mit seinem Lieblingsziel durchaus ein wenig auf die Schultern klopfen darf. Die Kombination Jefferson-Cousins ist ein gutes Beispiel dafür, wie überall im Vikings-Roster ein Rad in ein anderes greift und damit die Summe der Einzelteile besser wird als diese selbst.

Ob es genug sein wird für eine lange Odyssee in Richtung Super Bowl steht natürlich in den Sternen. Die Vikings zeigen allerdings, dass sie zumindest das Zeug für eine derartige Fahrt haben und ein Team sind, mit dem für den Rest der NFL Saison auf jeden Fall zu rechnen ist. Flüche besiegt man damit noch nicht, aber es ist auf jeden Fall mal ein Anfang.